23. April 1999 | Süddeutsche Zeitung | Glosse, Leben | Der „Stern” ist auf den Hund gekommen

Sitz! Platz! Faß! Kauf!

Grund zur Freude: Der „Stern” ist auf den Hund gekommen

Zu den Vorzügen der Stadt München gehört zweifellos die Anwesenheit der sogenannten stummen Verkäufer an jeder zweiten Ecke. Drei Boulevardblätter buhlen dort mit ihren Schlagzeilen um die Aufmerksamkeit und halten den Menschen sozusagen en passant auf dem laufenden. Ob Königshäuser oder Lottoglück, makabre Schicksale oder nackte Tatsachen – stets hat man einen Überblick, was in der Welt im allgemeinen und in München im besonderen so los ist.

Diese Art von stummem Zwiegespräch führt man genauso vor jedem Kiosk mit den Zeitschriften aller Couleur. Natürlich sind Kaufreize und Reizschwellen bei jedem Leser anders, aber in der Regel freut man sich, wenn man als denkender Mensch ernst genommen wird und einem ein gewisses Überlebensminimum an Intelligenz zugetraut wird. Überwiegend gelten solche Ansprüche jedoch eher als Zumutung. Im Zweifelsfall setzen Verlage, solange kein Allheilmittel gegen Krebs gefunden wird, dann doch lieber auf mehr oder minder leicht bekleidete Frauen, die das Gehirn auf ähnliche Weise fordern wie einen Hund die Befehle: „Sitz! Platz! Faß!”

Womit wir schon auf den Hund gekommen wären, der die neue Ausgabe des Stern ziert. Nun ist die Anwesenheit eines Hundes auf dem Titel einer Illustrierten allein noch kein Akt übergroßer Intelligenz – schließlich liegt das treue Hundchen der Leserschaft fast so sehr am Herzen wie Lady Di (tot oder lebendig), der Bierpreis oder ähnliche Monsterthemen. Was die Sache der Rede wert macht, ist die aparte Verbindung vom Deutschen Schäferhund, dem für „100 Jahre beißen und gehorchen” ein Bundesverdienstkreuz umgehängt wurde, mit der Berliner Republik, deren Auftakt sich dazugesellt.
Und Chefredakteur Michael Maier ist smart genug, in seinem Editorial auf diese räumliche wie inhaltliche Nähe nicht weiter einzugehen. Es bleibt dem Betrachter selbst überlassen, sich seinen Reim darauf zu machen. Und es ist nicht unbedingt ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Es geht ja bei so einem Cover nicht um letztgültige Erkenntnisse oder auch nur anspruchsvolle Denksportaufgaben – es geht lediglich um das kleine Aufflackern eines irgendwie gearteten Leserstolzes, der erkennt, daß er für voll genommen wird. Daß er zur Abwechslung mal nicht zum Erfüllungsdeppen demoskopischer Untersuchungen übers Kaufverhalten gemacht wird. Was das angeht, hat der Stern durchaus eine Tradition, die allerdings im Rahmen von allgemeinem Hormonstau und Fitnesswahn etwas aus den Augen verloren wurde.

So pfiffig das Titelbild allerdings daherkommt, so dämlich ist die Bildzeile zur Schäferhundgeschichte. Da sieht man Hitler mit seinem Hund Blondi und es heißt dazu: „Er liebte deutsche Schäferhunde, weil sie ihm hündisch ergeben waren. ” Könnte es vielleicht sein, daß das etwas zu kurz – oder gar nicht – gedacht ist?

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