14. Juni 1995 | Süddeutsche Zeitung | Essay, Fernsehen | Tierdokumentationen

Mord und andere Kleinigkeiten

Warum Tiersendungen eigentlich immer super sind

Der Killer saß in seinem Zimmer und starrte auf den Fernseher. Ein paar Leute hatte er bereits umgelegt, ein paar weitere würden folgen. Jetzt aber lief ein Film über Raupen und Schmetterlinge, und der Killer wurde ganz ruhig. Vergaß alles um sich herum, das Zimmer, die Toten, die Zukunft. Und dann kam der entscheidende Satz: ‚Ich schau mir gern Tiersendungen an.‘ So steht es in ‚Shella‘, einem Krimi von Andrew Vachss, und es beweist , daß man kein guter Mensch sein muß, um Gefallen an Tiersendungen zu finden. Jeder schaut sich gerne Tiersendungen an. Woran liegt das wohl?

Wie bei allen grundlegenden Fragen des Lebens, muß man auch hier vermutlich weit zurückgehen. Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß die meisten Kinder ‚Elefant‘ sagen können, ehe sie ‚Telephon‘ aussprechen können? Dabei sind Elefanten im Gegensatz zu Telephonen in unseren Breiten eher selten. Und die Fähigkeit, Dinger mit Rüsseln sofort als Elefanten identifizieren zu können, bringt die Kleinen später im Leben auch nicht wesentlich weiter. Deshalb stellt sich doch die Frage, warum man soviel Zeit damit zubringt, kleinen Kindern zwar schöne, aber doch irgendwie sinnlose Worte wie ‚Giraffe‘ oder ‚Orang Utan‘ beizubringen, wenn sie noch nicht einmal in der Lage sind, weniger schöne, aber dafür sinnvolle Sachen wie ‚Ich muß mal‘ zu formulieren.

Nachdem das aber nun mal so ist, könnte man vielleicht behaupten, daß unsere Begeisterung für Tiersendungen nichts anderes ist als der Wunsch, zurückzukehren in eine Zeit, in der man sich ungestraft mit schönen, aber doch eher nutzlosen Dingen befassen durfte. Und in der die Welt so eindeutig war, daß sich die Dinger mit Rüsseln einwandfrei als Elefanten identifizieren ließen. Das wirkliche Leben tut uns nämlich eher selten den Gefallen, sich durch Hälse, Mähnen, Streifen und Rüssel leicht unterscheiden zu lassen. Verglichen damit sehen Menschen doch irgendwie alle gleich aus.

Das ZDF hat gerade seine Reihe Naturzeit gestartet, in der es abwechselnd um Quastenflosser, Maulwurfsgrillen oder schwarze Baumkänguruhs geht. Aber worum es geht, spielt nicht wirklich eine Rolle. Uns ist jedes Tier recht, solange es sich nur von den anderen Lebewesen unterscheidet, die Nachrichten und Talkshows bevölkern. Dank der Kanalvielfalt kreucht und fleucht es mittlerweile auf allen Kanälen, so daß die Chance relativ groß ist, beim Einschalten des Fernsehers auf Tiere zu treffen. Wir wissen nicht, wie es anderen geht, aber unsereinem klappt daraufhin praktisch sofort die Kinnlade herunter, und wir verfallen in eine Art hypnotischen Trance-Zustand, bei dem die Welt um uns herum von uns abfällt. Manchmal befällt uns der Verdacht, irgendwo in unserem Inneren sind noch Rest jenes Instinkts, der auch Tiere dazu bringt, beim Anblick anderer Tiere erstmal zu erstarren, um dann zu entscheiden, ob sie angreifen oder fliehen sollen. Weil der Mensch jedoch vernunftbegabt ist, greift er seinen Fernseher nicht an und flieht auch nicht vor ihm, sondern bleibt sitzen.

Die Älteren unter uns werden sich noch an jenen Silberfuchs erinnern, der es unter dem Namen Professor Grzimek zum Direktor des Frankfurter Zoos und zum Moderator von Ein Platz für Tiere gebracht hat. Er hatte die Angewohnheit, Tiere mitzubringen, und die Auswahl war eigentlich nur durch die Frage begrenzt, ob sie ins Studio passen oder nicht. Da saßen dann also Geparden oder Fischotter und taten so, als gehe sie das alles nichts an. Dabei haben sich – jede Wette – Millionen nichts sehnlicher gewünscht, als daß eines der Tiere endlich mal den Professor vor laufender Kamera verputzt. Er redete einfach zuviel und zu langsam und behinderte den reibungslosen Ablauf der Tiersendung. Denn Tiersendungen sind schließlich dazu da, möglichst viel Tier zu zeigen.

Die älteren Herren, die Filme ankündigen und dabei verschweigen, daß sie von ihren Kollegen bei der BBC stammen, sind gottlob mittlerweile aus der Mode gekommen. Inzwischen setzt man verstärkt auf Tier pur. Und auch sonst ist der Mensch nicht mehr das Maß aller Dinge. Die Vermenschlichung der Natur ist schonungsloser Natürlichkeit gewichen. Der Terror der Nahrungsketten wird bis ins letzte durchexerziert. Auf ein Happy-End braucht man in Tiersendungen nicht mehr hoffen. Wobei uns bis heute eine Unruhe befällt, wenn die Kamera wieder mal seelenruhig zusieht, wie Löwen ein Gnu (auch so ein tolles Wort) anfallen, statt einzugreifen und das Gnu zu retten. Dabei erfüllt sich gerade in dem, was grausam und unmenschlich wirkt, das wahre Wesen der Tiersendung. Sie erzählen uns von dunkel lockenden, fremden Welten, in denen unsere Gesetze nichts gelten, auch wenn jahrzehntelang so getan wurde, als seien Tiere im Grunde auch nur Menschen. Die Natur ist keine GmbH, sondern eine Gesellschaft mit durch und durch unbeschränkter Haftung.

Besagter Grzimek hat mal geunkt: ‚Nun überlegen Sie mal, wie schlimm es wäre, wenn Sie als Flamingo auf die Welt gekommen wären.‘ Der Mann hat nichts verstanden, denn das ist es genau, was uns bei Tiersendungen beflügelt: der Gedanke, wir wären als Flamingos auf die Welt gekommen, und der Verdacht, daß das nicht das Schlechteste gewesen wäre.

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