29. Dezember 1994 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Kinojahr 1994

Das verflixte 99. Jahr

Was aus dem Kinojahr 1994 in Erinnerung bleiben wird - und was man getrost vergessen kann

Ein Jahr vor dem Jubiläum verabschieden sich einige Kinder dieser Kunst in den Olymp: Am 22. Januar stirbt Jean-Louis Barrault; seine Frau Madeleine Renaud wird ihm im September folgen. Außerdem sterben in diesem Jahr George Peppard, Massimo Troisi, Gian-Maria Volonté, Vittorio Mezzogiorno, Giulietta Masina, Jessica Tandy, Terence Young und Lindsay Anderson.

Am selben Tag bekommt Robin Williams für MRS. DOUBTFIRE einen Golden Globe. Damit ist das Jahr der Masken eingeläutet: Mel Gibson spielt den Mann ohne Gesicht, Jack Nicholson ist Wolf und Jim Carrey ist DIE MASKE (der blödeste Filmtitel seit Meryl Streep in EINE DEMANZIPIERTE FRAU).

Am 31. Januar verläßt Günter Rohrbach die Bavaria. Seine letzte große Produktion, DIE SIEGER von Dominik Graf, startet erst im September und begeistert zwar die meisten Kritiker, wird aber an der Kasse mit 160 000 Zuschauern ein Flop. Schlimmer trifft es nur noch Klaus-Maria Brandauers doppelt so teure 22-Millionen-Mark-Produktion MARIO UND DER ZAUBERER. Bis jetzt keine 50 000 Zuschauer.

‚Wenn Sie mich anrufen würden und fragten, wie Sie aussehen oder ob Sie einen Schnurrbart tragen, ich wüßte es nicht.‘ Das hat Alida Valli in DER DRITTE MANN über Joseph Cotten gesagt. Als er am 6. Februar mit 88 Jahren stirbt, wissen wir längst, daß wir sein Gesicht nie vergessen werden.

Am 8. Februar läuft Claude Chabrols DIE HÖLLE mit Emmanuelle Béart und François Cluzet an, nachdem er dreißig Jahre zuvor schon einmal in Angriff genommen worden war. Damals sollten Romy Schneider und Serge Reggiani die Hauptrollen unter Henri-Georges Clouzots Regie spielen. Aber nach diversen Krankheitsfällen wurden die Dreharbeiten abgebrochen. Das Kino ist ein Eisberg – man bekommt nur die Spitze zu sehen.

Am 15. Februar wird das letzte unabhängige Studio, die Paramount, nach monatelangem Ringen für 9,5 Milliarden Dollar an den Multimedia-Konzern Viacom verkauft. Im Herbst wird Sony zum ersten Mal zugeben, daß der Kauf der Columbia-Studios bislang ein enormes Verlustgeschäft gewesen ist.

Derek Jarman stirbt am 20. Februar mit 52 Jahren an Aids, nachdem er mit WITTGENSTEIN und BLUE nochmal gezeigt hat, daß er zu den größten Künstlern unserer Zeit zählt. Sein letzter Film, in dem 78 Minuten lang nichts als die Farbe Blau zu sehen ist, endet mit den schönen Worten: ‚Unser Leben wird wie Wolkenfetzen vorüberziehen: Und wie zarte Nebelschwaden von Sonnenstrahlen vertrieben werden, denn unsere Zeit ist flüchtig wie ein Schatten und unser Leben schießt wie Funken durch das Stroh.‘

Bei den Césars gewinnt am 28. Februar nicht die Prestige-Produktion GERMINAL sondern Alain Resnais‘ Doppelspiel SMOKING/NO SMOKING Ein Ehren-César geht an Jean Carmet, der keine zwei Monate später stirbt.

Bertoluccis LITTLE BUDDHA startet, der nicht ganz zu Unrecht als BUDDHA PARK veräppelt wird und der erste von vier Filmen ist, in denen in diesem Jahr die zauberhafte Bridget Fonda mit ihrer noch zauberhafteren Nase zu sehen ist: BODIES, REST & MOTION, Zwei Millionen Dollar Trinkgeld und Willkommen in Wellville.

Am 6. März stirbt Melina Mercouri, der Star von SONNTAGS…NIE!, an einem Sonntag; drei Tage später Fernando Rey. Man erinnert sich daran, wie er am Ende von FRENCH CONNECTION mit einem Winken aus dem Film verschwunden ist.

Bei der Oscar-Verleihung am 21. März vertritt Whoopi Goldberg Billy Crystal, und ausgerechnet Harrison Ford kann Steven Spielberg endlich seinen lang ersehnten Oscar für SCHINDLERS LISTE überreichen. Geärgert hat sich darüber vermutlich nur der Berliner Produzent Artur Brauner, der schon in den Siebzigern mit Schindler gesprochen hatte und ein Jahrzehnt später ein Projekt mit dem Titel EIN ENGEL IN DER HÖLLE bei der Filmförderungsanstalt eingereicht hatte. Es wurde abgelehnt. Als es Anfang der Neunziger unter dem Titel VATER COURAGE erneut abgelehnt wurde, gab Brauner auf. Er sagte dazu: ‚Sicher wäre es kein so guter, ausgereifter Film wie der von Spielberg geworden, aber er hätte sich international durchaus sehen lassen können.‘ Das darf bezweifelt werden.

Tom Hanks bekommt einen Oscar und standing ovations für PHILADELPHIA, und auch Tommy Lee Jones gewinnt endlich seinen längst verdienten Oscar für AUF DER FLUCHT. Auch dieses Jahr ist er dreimal zu sehen, in BLOWN AWAY, NATURAL BORN KILLERS und DER KLIENT. Als Mann des Jahres liegt er noch vor Harvey Keitel, Hugh Grant und Johnny Depp.

Das schönste Filmbuch des Jahres erscheint im April – in Frankreich: „Varda par Agnès“. Es ist eine Collage von Photos und Texten ihrer Karriere. Am schönsten ist ihr Treffen mit Madonna in Los Angeles, die ein Remake von CLÉO ZWISCHEN 5 UND 7 drehen will: ‚Sie ist zum Treffen wie ein Mädchen erschienen, ohne Schminke und mit zerzaustem Haar. Intelligent und aufmerksam. Sie hat CLÉO mehrere Male gesehen, ebenso VOGELFREI. Sie glaubt, einen sehr amerikanischen Film machen zu müssen. Sie hat Angst vor meinen cineastischen Freiheiten. Gut. Ich sehe sie an, mit ihrem weichen Gesicht, das dem von Corinne Marchand so ähnlich ist. Ich verstehe, daß sie sich mit Cléo identifiziert hat. Von Zeit zu Zeit treffe ich Madonna wieder. Ihr Leben ist der reinste Wahnsinn. Sie bedauert, daß sie mir nicht geglaubt hat, und klagt über die Maschinerie Hollywoods. Ob man nochmal über CLÉO sprechen kann? Ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe, aber ich mag immer noch die Melancholie, die aus Madonnas Blick spricht, wenn er nicht gerade stechend ist. Und es wäre interessant, über dreißig Jahre später ein self-remake zu drehen, eine Reprise von Ideen und Gefühlen über so einfache Themen wie die Schönheit und der Tod. Ich stelle mir vor, wie ich Madonna vormache, wie man eine Treppe hinabsteigt, ihr, die das in jeder Show tut. Das wäre kokett.‘ Madonna ist statt dessen in SnAKE EYES von Abel Ferrara zu sehen.

Am 17. Mai stirbt 85jährig Alain Cuny, dessen Auftritt als alter Mafioso in Godards DETEKTIVE unvergessen ist: ‚Es gibt Männer, die waschen sich ihre Hände, bevor sie pinkeln gehen, weil sie schmutzige Hände haben. Und es gibt Männer, die waschen sich ihre Hände nach dem Pinkeln…‘

In Cannes sitzen Catherine Deneuve und Clint Eastwood der Jury vor und ehren am 28. Mai in weiser Voraussicht Quentin Tarantino für PULP FICTION. Darin findet sich auch der beste Dialog des Jahres, zwischen John Travolta und Samuel L. Jackson, der auch als Taschenbuch bei rororo erschienen ist:

– Weißt du, was das Komischste an Europa ist?
Was?
– Die kleinen Unterschiede. Viel von dem Scheiß, den wir hier haben, gibt es dort auch, aber dort ist alles immer ein bißchen anders.
Zum Beispiel?
– Also in Amsterdam kann man im Kino Bier kaufen. Und nicht etwa im Papierbecher. Sie geben einem ein Glas Bier, wie in einer Bar. In Paris kann man Bier sogar bei McDonald’s kaufen. Und außerdem, weißt du, wie sie Quarterpounder mit Käse in Paris nennen?
Nennen sie es nicht Quarterpounder mit Käse?
– Nein, dort haben sie das metrische System. Sie wüßten gar nicht, was zum Henker ein Quarterpounder ist.
Wie nennen sie es dann?
– Royale mit Käse.
Royale mit Käse…Wie nennen Sie denn einen Big Mac?
– Big Mac ist Big Mac. Aber sie nennen es Le Big Mac.
Und wie nennen sie einen Whopper?
– Weiß nicht, ich war nicht bei Burger King. Aber weißt du, was sie in Holland statt Ketchup auf die Pommes frites tun?
Was?
– Mayonnaise.
Verdammt!
– Ich hab’s selbst gesehen. Und nicht etwa nur ein bißchen am Tellerrand, verdammt, sie ersäufen sie darin.
Autsch!

Krzysztof Kieslowski bekommt in Cannes keine Palme, obwohl er dort im Mai mit DREI FARBEN: ROT seine Filmkarriere beendet. Einer Runde amerikanischer Journalisten sagt er, er habe jetzt genug Geld, um zeitlebens mit Zigaretten versorgt zu sein. Und statt sich dem Streß des Filmemachens auszusetzen, sitze er lieber ruhig in seinem Zimmer und rauche. Vielleicht werde er ein wenig fernsehen, aber nie, nie werde er ins Kino gehen.

Am 29. Mai wäre Josef von Sternberg 100 Jahre alt geworden.

Die 400. Nummer der Filmzeitschrift „Positif“ erscheint mit 65 Texten von Regisseuren, die sie schätzen und um einen Beitrag gebeten haben. Einer erscheint nicht, der von Billy Wilder, der sich entschuldigt: ‚Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Ich kann für Sie nicht wie versprochen den Text schreiben. Letzten Dienstag ist mir plötzlich das Dach auf den Kopf gefallen. Nein, es war kein Erdbeben. Es war schlimmer. Ich muß 60 Seiten meines Drehbuchs neu schreiben. Und das muß ich bis zum 6. Mai getan haben. Das heißt 16 Stunden Arbeit am Tag. Kein Schlaf. Ich werde stehend k.o. sein. Bitte denken Sie daran, daß Ihr guter Freund Wilder gute 16 Jahre älter als der Papst ist. Hochachtungsvoll Billy Wilder.‘ Nobody is perfect!

Henry Mancini, der Komponist von FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY und DER ROSAROTE PANTHER stirbt siebzigjährig am 14. Juni in Hollywood. Dam, dadam. Damdadam dadam dadamdadahhh…

Am 1. Juli tritt Klaus Keil seinen Job als Filmbeauftragter von Berlin-Brandenburg an. Sein Job: Er muß 40 Millionen Mark verteilen.

Das Kino hat sich vollends dem Gesetz der Serie unterworfen: Gleich drei Verfilmungen von Fernsehserien laufen im Juli an: Die BEVERLY HILLBILIES SIND LOS, DIE CONEHEADS und natürlich die FAMILIE FEUERSTEIN. Mit MAVERICK und AUF DER FLUCHT zusammen kann man sagen, daß Kino nur noch die Fortsetzung des Fernsehens mit anderen Mitteln ist. Und Tom Cruise sitzt bereits an der Verfilmung von KOBRA… ÜBERNEHMEN SIE. Die Regie soll Brian De Palma übernehmen, und Juliette Binoche soll auch dabei sein.

Peter Cushing, der als Dr. Frankenstein und Dr. van Helsing Furore gemacht hat, stirbt am 11. August. Christopher Lee lebt hingegen noch. Und auch sonst siegen die Blutsauger auf der ganzen Linie. Nachdem schon Coppola und Badham die Aids-Angst in DRACULA-Filmen gebannt haben, setzt sich auch in diesem Jahr die Renaissance des Genres fort: INTERVIEW MI EINEM VAMPIR, WOLF und demnächst Kenneth Branaghs FRANKENSTEIN: UNSERE LEICHEN LEBEN NOCH

Für ein Drehbuch von Shane Black wird im August die Rekordsumme von 4 Millionen Dollar gezahlt und überholt damit Michael Crichton (ENTHÜLLUNG) und John Grisham (DER KLIENT). Die Autoren regieren nun Hollywood, nachdem sie Jahrzehnte übergangen worden sind.

Als Produktionschef hatte er gerade mit DER KÖNIG DER LÖWEN den erfolgreichsten Zeichentrickfilm aller Zeiten feiern können, da verläßt Jeffrey Katzenberg am 24. August Disney, nachdem er nicht zum Nachfolger des bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben gekommenen Präsidenten Frank Wells berufen wird. Im Gegenzug gründet er mit den Superreichen Steven Spielberg und David Geffen eine Produktionsgemeinschaft und kündigt ein eigenes Filmstudio an. Das wäre die erste Neugründung, seit Chaplin, Griffith, Fairbanks und Pickford 1919 United Artists ins Leben gerufen haben.

Am 8. September erscheint zum erstenmal die Filmseite der Süddeutschen Zeitung.

Am 3. Oktober stirbt Heinz Rühmann mit 92 Jahren, nachdem er sich schon in seiner letzten Rolle bei Wim Wenders in der Obhut gütiger Engel befunden hat.

Am 16. Oktober startet DER BEWEGTE MANN der im Nu über drei Millionen Zuschauer hat und der erfolgreichste deutsche Film des Jahres wird. Das Beste an dem Film ist sein heimlicher Star Joachim Kròl, der schon einmal bewiesen hat: Wir können auch anders…Ansonsten ist das deutsche Kino ein Witz: Tom Gerhardt, Helge Schneider und kein Ende… Als nächstes steht uns Jürgen von der Lippe ins Haus.

Am 20. Oktober verabschiedet sich Burt Lancaster, der auf ewig in der Takelage unserer Phantasien herumklettern wird, und den das Kino als LEOPARD geadelt hat: ‚Die Dinge müssen sich ändern, um die gleichen zu bleiben.‘

Vier Tage später stirbt im Alter von nur 54 Jahren Raul Julia, der mit DER KUSS DER SPINNENFRAU berühmt geworden war und zuletzt in der ADDAMS FAMILY gezeigt hat, was eine flotte Sohle ist.

Am 31. Oktober geht Enno Patalas in den Ruhestand, nachdem er sich mit dem 100jährigen Jean Renoir verabschiedet hat, und Jan-Christopher Horak folgt ihm nach als Leiter des Münchner Filmmuseums.

Zwölf Jahre nach IDENTIFIKATION EINER FRAU beginnt Michelangelo Antonioni im Dezember mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film JENSEITS DER WOLKEN. Er besteht aus vier Kurzgeschichten seiner wunderbaren Text-Sammlung ‚Bowling am Tiber‘; mit dabei sind John Malkovich, Vincent Perez, Irène Jacob, Sophie Marceau und Fanny Ardant. Weil der 82jährige Regisseur seit einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und kaum mehr sprechen kann, steht ihm Wim Wenders zur Seite, der im Ernstfall zwischen dem Team und dem großen alten Mann vermittelt. Es heißt, es gebe eine große Menge von Verehrern, die sich darum bemühen, daß Antonioni im nächsten Jahr der Ehren-Oscar verliehen wird. Ein schöneres Geschenk kann sich das Kino in seinem Jubeljahr eigentlich gar nicht machen.

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