30. Juni 1997 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Italienisches Kino

Im Land des Lächelns

Das italienische Kino hat eine Vergangenheit – aber auch eine Zukunft?

Manchmal genügt ein Lächeln. Einen ganzen Film lang kann man darauf warten, und wenn es dann in der letzten Einstellung ausbricht, dann ist es, als ob der Film nur dafür gemacht worden wäre. Eine ganze Reise durch Italien nur für diesen einen Moment, in dem ein Mädchen vergißt, warum es nie mehr Kind sein wollte. Der ganze Trotz, die ganze Verdrossenheit, der ganze Ärger, verfliegt in diesem einen Moment. Ein Lächeln – und wir sind versöhnt mit der Welt.

Zum Lächeln ist dem italienischen Kino ansonsten nicht unbedingt zumute. Fellini und Ferreri sind tot, Antonioni und Bertolucci liefern Alterswerke, und das, was international immer noch Preise einheimst, weist nicht im Ernst neue Wege. Dem italienischen Kino fehlt es an Erfolgen, wie sie Engländer und Franzosen immer wieder mal vorweisen können. Es geht ihnen also vermutlich wie den Deutschen oder Spaniern oder Schweden oder sonstwem.

Lina Wertmüller hatte diese Erfolge einst, war sogar mal für den Oscar nominiert, und macht heute noch Filme, als sei seither keine Zeit vergangen. Sie haben immer noch schwierige Titel, in diesem Fall METALMECCANICO E PARRUCHIERA IN UN TURBINE DE SESSO E POLITICA (MECHANIKER UND FRISEURE IN EINEM WIRBELSTURM VON SEX UND POLITIK), Carl-Orff-Saal, Donnerstag, 17. 30 Uhr), und gehen mit der Erotik immer noch so um wie Frauen, die zu dick Lippenstift auftragen – und mit der Politik im Grunde genauso. Alles ist dick aufgetragen, heftiges Augenzwinkern in jeder Szene, wie mit falschen Wimpern, immer in der trügerischen Hoffnung, wenn man allen Dingen den Ernst austreibt, schleiche der sich durch die Hintertür schon wieder rein.

Ein kommunistischer Mechaniker bei Ferrari und eine konservative Schönheitssalon-Betreiberin geraten aneinander, und man merkt dem Film an, daß er allen Ernstes darauf spekuliert, daß schon diese Konstellation dem Publikum ein Schmunzeln entlockt. Vielleicht war das mal so, und vielleicht sind diese Zeiten ja wieder im Kommen, aber das stupide Vertrauen auf chemische Reaktionen zwischen gegensätzlichen Elementen führt hier nur fortgesetzt zu Fehlzündungen. Italien präsentiert sich in den letzten Jahren als Land, das ohne rechten Erfolg versucht, zwischen Mafia und Roten Brigaden Geschichten zu finden, die von einem Alltag, einem Leben jenseits dieser Themen künden, ohne ihnen recht entfliehen zu können. Wilma Labates LA MIA GENERAZIONE (MEINE GENERATION , MaxX 2, Mittwoch, 20 Uhr; Rio 1, Freitag, 22. 30 Uhr) ist ein interessanter Zwitter. Sie meint die Politik und redet doch von Menschen, erzählt ihre Geschichte auf eine Weise abstrakt, daß man hinter allem Bedeutungen vermutet, und ist dann doch wieder konkret genug, daß man sich seinen eigenen Weg bahnen kann.

Ein Terrorist soll von Sizilien nach Mailand verlegt werden, wo ihn neue Vernehmungen und seine Verlobte erwarten. Man sieht also einen schweigsamen Mann zusammen mit einem Carabiniere und einem Kriminellen im Gefangenentransport quer durch Italien. Der Carabiniere versucht, sein Vertrauen zu gewinnen, der Kriminelle drückt nur seine Verachtung aus – und der Mann wehrt beides gelassen ab. Dazwischen sieht man die Verlobte, die dem Wiedersehen mit einiger Nervosität entgegensieht. Drei Männer in einem Bus und eine Frau in der Ferne – arg viel mehr ist nicht.

Was den bedeutungsvollen Titel angeht, sagt Regisseurin Labate, die Verlobte stehe „für meine Altersgruppe, die sich jahrelang geweigert hat, erwachsen zu werden. Sie liefert das Bild einer ausgebrannten und zerstörten Generation, die immer noch glaubt, daß alle Macht der Demokratie in der Verweigerung liegt. ” Mit Verlaub: Das sieht man nicht. Genausowenig wie ersichtlich wird, warum der Film 1983 spielen muß. Was man sieht, ist ein Mann (Claudio Amendola), der versucht, von seiner Integrität zu wahren, was die Haft davon übrig gelassen hat, und eine Frau (Francesca Neri), die mit einer Vergangenheit konfrontiert wird, von der sie nicht weiß, ob sie überhaupt noch eine Zukunft hat. Es gibt eine Zärtlichkeit den Figuren gegenüber, die sich allen Deutungen widersetzt.

Einmal sitzt die Frau im Bus und weint leise vor sich hin, während sie von einem Sitznachbarn angestarrt wird. Auf einmal dreht sie sich zu ihm und bittet ihn um ein Taschentuch. Diese Geste ist so abseitig, daß man völlig entwaffnet ist. Genauso wie bei einer anderen Szene an einer Tankstelle, wo sich eine Nutte bereit erklärt, dem Gefangenen zu Diensten zu sein. Was sich in ihrem Gesicht, das schon manches gesehen hat, bei dieser Begegnung abspielt, ist auch schon wieder eine eigene Geschichte. Dies mag das Porträt einer ausgebrannten und zerstörten Generation sein – es ist vor allem eine schöne Beobachtung dessen, was wir Gegenwart nennen.

Auch bei Peter del Monte geht es in COMPAGNA DI VIAGGIO (REISEGEFÄHRTIN , MaxX 2, Freitag, 20 Uhr; Rio, Samstag, 22. 30 Uhr) um eine Reise durch Italien. Ein Mädchen (Asia Argento, Tochter des gleichnamigen Regisseurs Dario) bekommt von einer Frau den Auftrag, ihren in letzter Zeit zunehmend zerstreuten Vater (Michel Piccoli) zu beschatten und sie zu verständigen, wenn er sich wieder mal in Rom verirrt hat. So geschieht es auch: Der Alte macht sich auf den Weg, erst in irgendwelche trostlosen Außenbezirke, später mit der Bahn in weiter entfernte Orte. Das Mädchen reagiert zunehmend genervt auf die immer ausgedehntere Reise, gibt mit dem Handy die neuesten Entwicklung durch und begegnet dabei ihrer eigenen Vergangenheit, die aber nicht halb so interessant ist wie die Gegenwart.

Del Monte versteht es, das Geheimnis zu wahren, und bindet dadurch die Reisegefährten immer enger zusammen. Nie wird klar, ob der Alte einem Plan folgt oder sich wirklich nur orientierungslos treiben läßt. Das Ganze wird fast zu einem Spiel zwischen den beiden, bei dem die Regeln völlig unklar sind. Vielleicht hat dieser Film wie alle road movies keine andere Botschaft, als daß der Weg das Ziel ist, aber es verwickelt den Zuschauer geschickt ins Geschehen. Am Ende begegnen sich die Blicke der beiden – und zumindest einer der beiden erkennt etwas und lächelt. Manchmal genügt das schon, um einen Film ins Herz zu schließen.

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