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01. Januar 1988 | Tempo | Essay | Filmzensur

Tantenmörder

Furchtlose Sittenwächter zensieren im Dienst des Vaterlandes. Immer häufiger trifft ihr Bannstrahl auch Meisterwerke des Kinos.

Ich hab meine Tante geschlachtet. Ich habe Gewaltvideos, Sexvideos, Fickvideos und Blutvideos angeguckt. Ich bin eine Sau. Warum hat mir keiner geholfen? Warum durfte ich so lange Videos sehen, bis ich auf dumme Ideen gekommen bin?“ Dieser erschütternde Brief von Harald P. (20) aus Laufen erreichte uns letzte Woche. Nächtelang haben wir daraufhin vor dem Einschlafen Blut und Wasser geschwitzt, haben unsere Tante gemieden und die Küchenmesser in die Mülltonne geworfen. Wir wollten lieber sichergehen. Schließlich haben wir, so erinnerten wir uns angstvoll, jahrelang selbst vor dem Videorecorder gesessen und mit großen Augen zugesehen, wie Menschen einander umbrachten. Und haben wir uns nicht öfter schon Filme ausgeliehen, in denen sich nackte Menschen besprangen?

Dies alles fiel uns ein und noch mehr: die steigende Zahl der Gewaltverbrechen, Aids, der Butterberg und andere Scheußlichkeiten. Kein Zweifel, die Videos mußten daran Schuld sein. Also wollten wir eine flammende Predigt gegen den Verfall der Bildschirmsitten schreiben. Aber dann haben wir uns umgetan und erfahren, daß beim Bundesrat ein Gesetzentwurf vorliegt, der ein generelles Verleih- und Vermietverbot aller indizierten Videofilme erreichen will. Gott sei Dank, dachten wir uns, gibt es noch verantwortungsvolle Parlamentarier, die uns vor uns selbst schützen können. Und erwartungsgemäß geht die Initiative auf das Land Bayern zurück, wo man immer schon ein besonders feines Gehör für die Nöte der Bevölkerung hatte.
Um diese Leistung noch besser würdigen zu können, haben wir uns über die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften informiert. Dieses Gremium entscheidet darüber, welche Filme auf den Index kommen: Sie dürfen dann nur noch unter dem Ladentisch der Videotheken gehandelt werden, für sie darf nicht geworben werden, und auch aus den Schaufenstern müssen sie verschwinden. Beglückt haben wir erfahren, daß in dem Ausschuß weder korrupte Filmkritiker noch voreingenommene Regisseure sitzen. Sondern aufrechte und gottesfürchtige Vertreter der Kirchen, des Buchhandels, der Lehrerschaft sowie der Jugendämter und -wohlfahrt. Vor allem aber fleißige Leute. Knapp 1500 Titel haben sie bis heute indiziert. Und vorher angesehen. Wie haben deren Tanten das nur überlebt, fragten wir uns sorgenvoll und kamen zu einer befriedigenden Antwort: gar nicht.

Hier eine Indexauswahl der allerschlimmsten Tantenmörderstreifen: Pasolinis 120 TAGE VON SODOM und Walter Hills WARRIORS, Russ Meyers SUPERVIXENS und Brian de Palmas SCARFACE, BORSALINO & CO. und MAD MAX, DIRTY HARRY und ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT, CALIGULA und CONAN, CRUISING und DEUTSCHLAND PRIVAT, TRIO INFERNAL und TARZOON. Außerdem TÜRKISCHE FRÜCHTE und DER VIERTE MANN von Paul Verhoeven, ZOMBIE und CRAZIES von George Romero, DER FAN und LOFT von Eckhard Schmidt und von David Cronenberg SCANNERS und PARASITENMÖRDER die von der „Süddeutschen Zeitung“ in ihrer durchtriebenen Art zu Meisterwerken erklärt wurden. Pfui! Pfui auch dem deutschen Fernsehen, das in gewohnter Verantwortungslosigkeit DAS OMEN trotz Indizierung ausgestrahlt hat.

Als wir die Liste fertiggelesen hatten, lief es uns kalt den Rücken hinab bei dem Gedanken, daß der Ausschuß sich das alles hat ansehen müssen – im Dienste des Vaterlandes. Aber schließlich heißt die Devise: Kein Ehrenamt ohne Opfer. Und so können wir den Fall Harald P. zu den Akten legen. Denn das Tantenschlachten erledigen in Zukunft andere für uns.

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