31. Dezember 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Rückblick aufs Kinojahr 2007

Die Nackten und die Toten

Film ist ein Schlachtfeld: Das Kinojahr mit seinen Rekorden und Trauerfällen im Schnelldurchlauf

Am 15. Januar gibt es für Helmut Dietls lange ersehnten Spielfilm ROSSINI den Lubitsch-Preis, zwei Tage später den Bayerischen Filmpreis. Weitere Preise gehen an JENSEITS DER STILLE, sowie die Schauspieler Corinna Harfouch, Heiner Lauterbach und Jan-Josef Liefers – sowie ein Sonderpreis an Wolfgang Panzers BROKEN SILENCE, der mit dem neuen deutschen Filmwunder nichts zu tun hat und dadurch umso angenehmer aufgefallen ist. Überhaupt boomt das deutsche Kino im ersten Quartal auf eine Weise, wie zuletzt in den fünfziger Jahren, führt die Hitparaden an und hat ein Marktanteil von fast 40 Prozent. Am Ende werden es nur noch 17 Prozent sein, aber das ist auch nicht schlecht.

Die Chinesen protestieren provisorisch gegen die Dreharbeiten zu Martin Scorseses Dalai-Lama-Biographie KUNDRUN und drohen dem Verleiher Disney mit Sanktionen.

Burt Reynolds meldet Konkurs an, weil ihm zehn Millionen fehlen – dabei feiert er dieses Jahr ein großes Comeback, als perverser Senator in STRIPTEASE und als Pornoproduzent in BOOGIE NIGHTS.

In Spanien taucht Ende Januar ein angeblicher Porno mit Marilyn Monroe auf. Nachdem bis zu 30 000 Mark für das Sechseinhalb-Minuten-Werk geboten werden, stellen Kenner fest, daß bei der Dame im Film Ring- und Mittelfinger verschieden lang sind – bei Marylin waren sie jedoch gleich lang.
Am 19. Januar gewinnt Anthony Minghellas THE ENGLISH PATIENT den Golden Globe fürs beste Drama, aber Evita und Madonna sind ebenfalls siegreich. Bei der Oscarnominierung werden letztere trotzdem übergangen.

Am 31. Januar kommt fast zwanzig Jahre nach seiner Erstaufführung STAR WARS in Amerika wieder ins Kino und macht sagenhafte 36 Millionen Dollar allein am ersten Wochenende – und löst schließlich E. T. als erfolgreichsten Film aller Zeiten ab.

Bei den Césars gewinnt am 10. Februar Patrice Lecontes RIDICULE vier Trophäen, aber die heimlichen Stars des Abends sind die Insekten aus dem Dokumentarfilm MIKROKOSMOS, der ebenfalls vier Césars kassiert. Einen Tag später unterzeichnen 66 Cineasten eine Petition gegen die neuen Einwanderungsgesetze, die sogenannte loi Debré.

Am 19. Februar läuft KNOCKIN’ ON HEAVEN’S DOOR von Thomas Jahn an und wird am Ende mit über 3,5 Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres. Dahinter folgen: ROSSINI mit 3,2 Millionen, KLEINES ARSCHLOCH mit 3,1 Millionen, BALLERMANN 6 mit 2,4 Millionen, JENSEITS DER STILLE mit 1,8 Millionen, FRÄULEIN SMILLA mit 1,7 Millionen und DIE APOTHEKERIN mit 1,5 Millionen Zuschauern.

Am 24. Februar gewinnt Milos Formans LARRY FLINT den Goldenen Bären in Berlin. Weitere Preise gehen an Juliette Binoche und Leonardo Di Caprio.
Quentin Tarantino verkündet, daß er mit der Verfilmung von Elmore Leonards RUM PUNCH in den Regiestuhl zurückkehren will. Später heißt der Film JACKIE BROWN.

Am 14. März stirbt Fred Zinnemann, der der Welt HIGH NOON geschenkt hat.

Am 24. März räumt DE ENGLISCHE PATIENT bei der 69. Oscar-Verleihung neun Trophäen ab. Georffrey Rush und Frances McDormand, Cuba Gooding jr. und Juliette Binoche gewinnen die Schauspieler-Oscars. Favoritin Lauren Bacall ist daraufhin ganz schlechter Laune – dafür ist Billy Crystal umso besser drauf.

Im April unterzieht sich Arnold Schwarzenegger einer Operation und läßt sich präventiv eine Herzklappe auswechseln. Die nächsten Superhelden stehen schon Schlange: Nicolas Cage soll SUPERMAN spielen.

Am 16. April stirbt Topor.

Im Mai wird bekanntgegeben, daß TITANIC nicht bis zum vorgesehenen Start am 25. Juli fertig wird, sondern bis November warten muß. Unter anderem, so heißt es, habe bei einigen Trickaufnahmen die Sonne auf der falschen Seite gestanden, so daß der Eindruck vermittelt wurde, das Schiff sei nicht Richtung Eisberg, sondern zurück nach England unterwegs.

Am 1. Mai stirbt Bo Widerberg.

Am 7. Mai eröffnen die 50. Filmfestspiele in Cannes mit Luc Bessons DAS FÜNFTE ELEMENT. Vier Tage später gibt es eine große Gala, bei der die Palme aller Palmen an einen Abwesenden verliehen wird: Ingmar Bergman ist psychisch nicht in der Lage, die Anreise auf sich zu nehmen. Am Ende teilen sich Abbas Kiarostami und Shohei Imamura die Goldene Palme. Weitere Preise gehen an Youssuf Chahine, Atom Egoyan, Manuel Poirier, Wong Kar-wei, sowie Sean Penn und Kathy Burke. Am meisten Wirbel veranstalten jedoch die Spice Girls, die einen Filmvertrag unterzeichnen.

In der Zwischenzeit ist am 9. Mai Marco Ferreri gestorben.

Am 26. Mai startet THE LOST WORLD: JURASSIC PARK 2 mit 90 Millionen Dollar am ersten Wochenende und pulverisiert alle bestehenden Rekorde; am Ende fällt er aber hinter die Erwartungen (229 Millionen Dollar) und vor allem hinter MEN IN BLACK (244 Millionen) zurück. Weltweit ist es umgekehrt: 590 zu 518 Millionen.

Arthur Hiller verkündet im Juni, er sei mit dem Ergebnis seines Projektes AN ALAN SMITHEE FILM so unzufrieden, daß er als Regisseur nicht genannt werden wolle. Jetzt wird unter Regie genannt: ALAN SMITHEE – wie jedesmal, wenn ein Regisseur seinen Namen zurückzieht. – Bruce Willis kauft für 50 Millionen Dollar eine ganze Stadt: Penns Grove, New Jersey, 5 200 Einwohner. – Wayne Wang dreht in Hongkong, um die Übergabe an China zu dokumentieren. – David Cronenberg muß seinen Plan, einen Film über das Leben von Enzo Ferrari zu machen, aufgeben, als die Ferraris Einspruch erheben.

Am 1. Juli stirbt Robert Mitchum, einen Tag danach James Stewart. Alle unsinnigen Versuche, die beiden im Tode gegeneinander auszuspielen, werden von Martin Scorsese in einem Nachruf für Premiere zurechtgerückt: „James Stewart und Robert Mitchum waren zwei der größten Schauspieler der Filmgeschichte. Auf den ersten Blick schienen sie Gegensätze zu sein: Stewart, der ungelenke und idealistische Einfaltspinsel, und Mitchum, der lakonische und unglückliche Einzelgänger. Aber jeder der beiden besaß eine viel komplexere Persönlichkeit, als dieser Kontrast ahnen läßt. Und diese beiden a priori so gegensätzlichen Schauspieler hatten eine wesentliche Sache gemeinsam: Die Malaise des Nachkriegsamerika machte aus Mitchum einen Star, und veränderte radikal das Image von Stewart, der bereits ein Star war. ”

In Göttingen werden Kinobesucher nach einer Vorführung von SPEED 2 mit Übelkeit, Schwindelgefühlen und sogar Lähmungserscheinungen in die Ambulanz eingeliefert. Ursache unbekannt. Kino ist eben ein gefährliches Pflaster: Bei Risiken und Nebenwirkungen…

Am 24. Juli brennt der Palais de Chaillot und zerstört den Vorführraum der Cinématheque, läßt aber die Sammlung intakt.

Im August hat es Stanley Kubrick geschafft, bereits ein ganzes Jahr in den Londoner Pinewood Studios an seinem neuen Werk EYES WIDE SHUT zu arbeiten. Von seinem Star Tom Cruise heißt es, er habe eine Szene 93 Mal drehen müssen. Immerhin kommt im Laufe des Jahres die Bestätigung, daß es sich um die Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ handelt.

Am 10. August stürzt Jean-Claude Lauzon (LEOLO) mit seinem Flugzeug im Norden Kanadas ab.

Am 16. August gewinnt Tony Gatlif mit L‘ETRANGER fou den Silbernen Leoparden in Locarno.

Am 5. September wird eine Straße in Los Angeles Steven Spielberg Road getauft – schließlich hat das Magazin Forbes gerade errechnet, daß keiner in der Branche so viel verdient hat wie er: 331 Millionen Dollar. Einen Tag später erscheint Spielberg mit Tom Hanks, Tom Cruise und Nicole Kidman bei der Trauerfeier für Lady Diana in der Westminster Abbey.

Am selben Tag wird die 54. Mostra in Venedig mit einer Hommage an Michelangelo Antonioni, Gérard Dépardieu und Alida Valli eröffnet. Am Ende triumphiert am Lido Takeshi Kitano mit HANA-BI. Wesley Snipes wird als Bester Schauspieler in ONE NIGHT STAND geehrt.

Am 10. September stirbt Burgess Meredith.

In Oklahoma wird DIE BLECHTROMMEL wegen Verdachts der Kinderpornographie verboten. Ende Dezember hebt das Bundesgericht das Urteil wieder auf.

Am 30. Oktober stirbt in Los Angeles Samuel Fuller im Alter von 86 Jahren. In Godards PIERROT LE FOU stand er auf einer Party herum und sprach einen der meistzitierten Sätze der Filmgeschichte: „Film ist ein Schlachtfeld: Liebe, Haß, Action, Gewalt, Tod. In einem Wort – Emotionen. ” Curtis Hanson, der mit L.A. CONFIDENTIAL den Oscar-Favoriten fürs nächste Jahr inszeniert hat, schreibt in Sight & Sound: „Ich hatte WHITE DOG geschrieben, bei dem Roman Polanski Regie führen sollte; der durfte aber nicht mehr einreisen. Fünf Jahre später fragte mich Paramount, ob ich das Drehbuch umschreiben würde. Ich sagte zu, falls sie Fuller Regie führen lassen würden. Ich bin ein großer Fan von ihm. Er zerkaute zehn Zigarren in der Zeit, in der ich eine schaffte. Zufällig benutzte ich dieselbe Royal-Schreibmaschine wie er. So saßen wir zwei Meter von einander entfernt und tippten Dialoge. Ich schrieb eine Szene, dann schnappte er sich die Seiten und schrieb sie völlig um und sagte: ‘Hör dir mal das an…’. Und er las es, und es war etwas völlig anderes. Aber das war okay, schließlich sollte es ja ein Fuller-Film werden. ”

Von Tom Cruise heißt es im Oktober, er sei an der Rolle des Inspektor Clouseau in einem Remake von PINK PANTHER interessiert – falls Kubrick ihn je aus der Geiselhaft entläßt.

Julia Roberts raucht in DIE HOCHZEIT MEINES BESTEN FREUNDES eine Zigarette – und hat sichtlich Spaß dabei. Hillary Clinton ärgert sich darüber und weist die Stars auf ihre Vorbildfunktion hin.

THE FULL MONTY – GANZ ODER GAR NICHT gewinnt am 5. Dezember einen Felix, der nicht mehr Felix heißt, und bestätigt damit seinen weltweiten Siegeszug als wahrscheinlich erfolgreichster Film des Jahres: Er hat kaum mehr als fünf Millionen Mark gekostet, aber weltweit schon fast 300 Millionen Mark eingespielt. In seinem Heimatland war nur JURASSIC PARK erfolgreicher.

Am 18. Dezember werden die Nominierungen für den Golden Globe bekanntgegeben: Neben TITANIC, der es als teuerster Film aller Zeiten doch noch ins Kino geschafft hat, und L. A. CONFIDENTIAL, ist unter den ausländischen Filmen LEA von Ivan Fila nominiert, der es im Laufe des Jahres auf weit über ein Dutzend Festivalpreise gebracht hat und zumindest in dieser Hinsicht wahrscheinlich der erfolgreichste Film des Jahres ist.

Toshiro Mifune stirbt am 24. Dezember in Tokio. Der größte japanische Filmschauspieler war auch DER LETZTE SAMURAI auf der Leinwand. Man sah seinem Spiel das Bewußtsein an, daß in dieser Rolle nach ihm niemand mehr kommen würde. Das war Japans Nachkriegsmalaise.

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