02. September 1993 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Cincinnatti Kino München

Eine fremde Welt, hundertprozentig

Heute wird das Cincinnati-Kino in der amerikanischen Siedlung wiedereröffnet

100% ID. CHECK hieß es auf dem Schild am Eingang. Und das bedeutete für kleine deutsche Jungs vor allem: Wir müssen draußen bleiben. Das Family Theater war für die anderen. Andere Sprache, andere Haarschnitte, manchmal auch andere Hautfarbe. Sie gingen dort aus und ein, wir sahen zu. Wir hätten die Filme gar nicht verstanden, hätten auch keine Dollars für den Eintritt gehabt, trotzdem: Hundert Prozent, keine Chance, das war hart. Immerhin konnte man auf dem Parkplatz vor dem Kino gut Skateboardfahren.

Wenn man auf dem Sperberweg von Unterhaching durch den Wald Richtung Giesing radelte, am alten Bahnhof Fasangarten, wo früher die Schienenbusse in die Stadt abfuhren, vorbei, dann kam man in eine andere Welt, eine Welt, die aussah wie die amerikanischen Serien im Fernsehen. Die Schulbusse waren dort gelb, die Autos hatten grüne Nummernschilder, und in den Garageneinfahrten hingen Basketballkörbe. Es gab den PX, wo man auch nicht reindurfte, das Baseballfeld, wo man nicht mitspielen konnte, und später den Burger King Drive-thru, wo ohne Dollars auch nichts ging. Und vor dem Family Theater standen die Automaten mit Cola und Schokoriegeln, für die man Quarters brauchte. Hundert Prozent amerikanisch, das konnte man vergessen. Irgendwann gingen wir doch lieber auf den Bolzplatz.

Immerhin gab es einmal im Jahr das Little October Fest, wo man auch mit deutschem Geld zahlen konnte. Dort stand ein riesiges Zelt, wo es anders als in Bierzelten roch, weil der süßliche Geruch von Hamburgern und ihren Zutaten in der Luft hing. Und vorne am Eingang gab es eine Bude, wo man auf einen Basketballkorb werfen konnte. Drei Würfe. Bei zwei Treffern gewann man ein Eis, bei drei einen ganzen Eimer. Wir hatten einen, der das ganz gut konnte. So kamen wir an eine Menge Vanilleeis. Es schmeckte anders, künstlicher, besser. Irgendwie amerikanisch.

So war das in den Siebzigern. GIs waren längst nichts Besonderes mehr. Sie waren einfach da. Wie die Ami-Siedlung. Seltsamerweise machten die Erwachsenen kein Aufhebens davon. Diese fremde Welt schien sie überhaupt nicht zu kümmern. Nur wir standen vor dem Family Theater und fragten uns, was man wohl braucht, um beim 100 % ID. CHECK nicht durchzufallen. Wenn man mit dem Auto am Sechzigerstadion vorbei zur Autobahn Salzburg fährt, muß man direkt neben der Auffahrt rechts abbiegen. In einer kleinen Schleife kommt man durch eine Unterführung direkt auf die Cincinnati-Straße. Es ist immer noch eine andere Welt, die so tut, als wäre dieses Land genauso groß wie Amerika. Das Gras wächst bis an den Straßenrand, die Gehwege laufen durch die Wiese, und die Straßen sind so großzügig angelegt, daß man eigentlich einen amerikanischen Straßenkreuzer braucht, um sie richtig würdigen zu können. Und während man sich noch freut, taucht der Kasten des Family Theater auf, das ab heute Cincinnati heißt und auch für kleine deutsche Jungs zugänglich ist.

In einer Zeit, in der die meisten Kinos in Einkaufspassagen oder Kellergeschossen versteckt sind, wirkt das Cincinnati wie das Denkmal einer Ära, in der Kino noch selbstbewußt genug war, einen eigenen Platz für sich zu beanspruchen. Der Bau aus dem Jahr 1954 steht völlig frei in der Landschaft, von Parkplätzen und Wiesen umgeben. Innendrin ist es mindestens so schön, wir wir immer gehofft hatten: Großes Foyer, riesiger Saal, 450 Plätze. So muß es sein. Wie im Kino.

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