23. Februar 1993 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 1993 (1)

Nach zwölf Tagen: Appetit auf Realität

Zum Abschluß der Berliner Filmfestspiele

Auf Festivals gibt es kein Wenn und Aber, da geht es nur um Entweder-Oder. Es herrscht dort eine Ungeduld der Herzen, die von einem Gefühl zum nächsten eilt, ohne je ans Verweilen zu denken. Dabei ist gerade das die große Sehnsucht: einen Ort zum Bleiben zu entdecken, eine Heimat zu finden, deren Bewohner einem wenigstens für die Länge eines Films Exil gewähren. Aber je seltener das vorkommt, desto rastloser wird man. Und so jagt man über die Landkarte des Kinos, als eingebildeter Weltreisender, als Fremder unter Fremden.

Wenn man zwölf Tage Urlaub von der Wirklichkeit nimmt, zwölf Tage mit Kollegen zwischen der düsteren Cafeteria des Pressezentrums, nächtlichen Bars und dunklen Kinosälen pendelt, zwölf Tage nur unter künstlichen Sonnen und Monden verbringt, dann bekommt man einen gewaltigen Appetit auf Realität. Oder zumindest auf das, was man dafür halten kann. Die Filme müssen deswegen nicht unbedingt realistisch sein, eine gewisse Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit im filmischen Ausdruck reicht auch. Das heißt vor allem, daß man allergischer auf Angestrengtheiten aller Art reagiert, daß man hellhöriger für gekünstelte Tonfälle wird und ungeduldiger bei schwerfälligen Konstruktionen. Im Grunde sucht man nach jenen Filmen, die man auf Festivals nun wirklich nicht brauchen kann; Filme, die einem jede Lust nehmen, sofort in den nächsten Film zu eilen.

Im Wettbewerb waren sie dieses Jahr rar. Viel zu selten konnte man sich einrichten in den Filmen, allzu oft blieben nur einzelne Bilder hängen, aber kein Gefühl: Das Bordell am Meer, über dem schwarzweiße Wolken hängen, in Tamasaburo Bandos Yuma No Onna (Sehnsucht); die Überblendung vom Zement, der sich über der toten Mutter schließt, auf einen Himmel, vor dem ein Kinderdrachen fliegt, in Andrew Birkins The Cement Garden (Regie-Bär), Michelle Pfeiffers samtweiche Lippen unter silberblondem Haar in Jonathan Kaplans Love Field (Schauspiel-Bär); oder die beiden schwarzen Freunde, die nachts vor ihrer Hütte abwechselnd aus einer Schale Bier trinken, in Idrissa Ouédraogos Samba Traoré (Silberner Bär), einem schönen, kleinen Film aus Burkina Faso, der belegt, daß Afrika auf der Weltkarte des Kinos längst nicht mehr zur Dritten Welt gehört.

Der Befund – wenn man dem Kino nach Wettbewerben denn einen ausstellen mag – ähnelt dem der letzten Jahre nach dem Ende des Kommunismus: Aufs Ende der Ideologien folgt der Ausverkauf der Ideale, die Prostitution aller Werte. Es regiert das Chaos, also die Farce. Und im Spiegel, den das Kino der Welt vorhält, sieht man eine Fratze: In dem georgischen Film Udzinarta Mse (Die Sonne der Wachenden) von Temur Babluani (Silberner Bär) genauso wie im ungarischen Film Hoppá (Hoppla!) von Gyula Maár, in dem rumänischen Das Ehebett genauso wie im israelischen Das Leben, wie von Agfa gezeugt. Aber in den meisten Fällen reagiert die Inszenierung auf die Zustände mit entsprechender Form- und Orientierungslosigkeit; eine Ausnahme bildet da nur der über weite Strecken köstliche und überraschenderweise leer ausgegangene Film La petite apocalypse von Costa-Gavras, in dem der tschechische Regisseur Jiri Menzel einen Exilpolen in Paris spielt, der mit einem Fanal auf dem Petersplatz zum Bestseller-Autor gemacht werden soll.

Die schönsten Filme liefen nicht im Wettbewerb, und vielleicht ist das auch ganz gut so, weil man sich dann nicht über die Entscheidungen der Jury zu ärgern braucht. Im Forum wurde Manuel Poiriers erster Spielfilm La petite amie d’Antonio (Antonios Freundin) gezeigt und im Panorama John Sayles‘ neueste Arbeit Passion Fish: Zwei Filme, die einem schon nach wenigen Einstellungen jenes beruhigende Gefühl vermitteln, daß man ihnen getrost vertrauen kann, weil sie ihre Helden ernster als sich selbst nehmen; zwei Filme also, in denen man eine Heimat findet, obwohl es dort auch ziemlich ungemütlich zugehen kann.

Le Havre zum Beispiel kann sehr kalt sein. Das hindert Antonio und seine Freundin Claudie jedoch nicht, nachts vor Glück nackt auf dem Dach über der Stadt zu tanzen. Dem Aufruhr der Gefühle kann indes jederzeit eisige Stille folgen, dem Sturm der Euphorie die Flaute der Depression. Diesem Wechsel der Stimmungen und Rhythmen geht der Regisseur mit seiner Heldin Claudie (Hélène Foubert) nach, einer jungen Frau, die vor der Vergangenheit flieht und vor der Zukunft zurückschreckt, die sich manchmal mit einem Sprung aus ihrer Verzweiflung retten kann, aber öfter noch darunter begraben wird. Im Hin und Her von Verweigern und Vergessen, Verletzen und Vergeben entwickelt der Film einen Tonfall, der irgendwo zwischen Rohmer und Pialat liegt, in jener Gegend also, wo der Alltag manchmal die reinste Zauberei ist, weil die einfachsten Dinge plötzlich eine magische Aura bekommen . Das Schwere wirkt ganz leicht bei Poirier, aber mitunter machen die leichtesten Sachen die größten Schwierigkeiten.

Dasselbe gilt natürlich auch für John Sayles, einen der großen unabhängigen Autoren des amerikanischen Kinos. Passion Fish erzählt von zwei Frauen und ihrem Leben in einem Haus in den Sümpfen Louisianas. Daß die eine seit kurzem querschnittsgelähmt ist und die andere gerade einen Drogenentzug hinter sich hat, darf man eigentlich nicht in den Vordergrund stellen, weil es falsche Erwartungen oder Befürchtungen schürt.

Natürlich bestimmt das die Beziehung der beiden Frauen genauso wie die Tatsache, daß die eine in Seifenopern spielte und die andere ihre schwarze Pflegerin ist. Aber vor allem geht es darum, wie die beiden einen neuen Anfang wagen, das Terrain sondieren und sich in ihrem Leben einrichten. Weder die Behinderung noch die Drogen werden für die üblichen Effekte benutzt .
Mit Zydeco-Musik und unglaublich sanften Überblendungen taucht der Film in die Landschaft der Bayous und gleitet spielend über die Untiefen der Gefühle hinweg. Daß John Sayles für sein Drehbuch und Mary McDonnell für ihre Hauptrolle Oscar-Nominierungen bekamen, ist nur gerecht. Ob die beiden Filme ins Kino kommen, steht noch dahin.

In der Preisflut regierte wie üblich der Proporz: Goldene Bären für Taiwan und China zugleich; Schauspielerpreise an Michelle Pfeiffer und Denzel Washington, damit die Amerikaner nicht ganz leer ausgehen; Silberne Bären an Georgien und Burkina Faso; Spezialpreis und Regiepreis an internationale Produktionen wie Arizona Dream und The Cement Garden; lobende Erwähnungen nach Israel und für Detlev Buck nach Deutschland; und den blauen Engel, den großen Preis der Europäischen Film- und Fernsehakademie, völlig zurecht an Jacques Doillon und seinen Jeune Werther.

Die beiden Sieger

Der chinesische Film Xiang Hünnü – was Die Sesam-Müllerin heißt, aber mit Die Frauen vom See der duftenden Seelen übersetzt wurde – ist eine Beschwörung des Landes in zartem Gold und kaltem Blau und eine Abrechnung mit den Sitten und Bräuchen der Provinz. In einer Sesamöl-Mühle arbeitet die Heldin, hat einen Alkoholiker zum Mann und einen geistig zurückgebliebenen Sohn, dem sie eine Ehefrau kaufen muß. In einem Gespräch mit dieser erfährt sie jedoch unverhofft Verständnis für ihre Affäre mit einem anderen Mann. Und dabei läßt der Regisseur Xie Fei den See in sattem Blau schimmern, der Farbe der Hoffnung.

So still und konzentriert es bei seinem Kollegen aus der Volksrepublik zugeht, so chaotisch und ungestüm ist die Geschichte des Taiwanesen Ang Lee in Hsi Yen (Das Hochzeitsbankett). Ein junger Taiwanese in New York soll seinem sterbenden Vater einen letzten Wunsch erfüllen und heiraten. Weil er jedoch schwul ist, arrangiert sein amerikanischer Lebensgefährte für ihn eine Ehe mit einer taiwanesischen Freundin, die dringend eine Aufenthaltserlaubnis braucht. So kommt es zum Hochzeitsbankett, bei dem alle außer dem Ehepaar selbst glücklich sind, und zu einer Hochzeitsnacht, bei der etwas passiert, was wieder nur die Eltern beglückt. Auch dies ist eine Abrechnung mit überholten Sitten und Tabus, bei der am Ende von unerwarteter Seite Verständnis kommt. Aber Ang Lees Regie erhebt sich keinen Moment lang über seine allerdings genial konstruierte Geschichte. So ist mit den Preisen jeder Geschmack bedient, und auch die Amerikaner können sich nicht beschweren: Immerhin spielt einer der Siegerfilme im Land der auf diesem Festival sehr begrenzten Möglichkeiten.
MICHAEL ALTHEN

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