20. März 1999 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 1999 (2)

Ryans letztes Gefecht

Was man über die Oscars wissen muß – und was nicht

Die Sache mit dem „Soldaten James Ryan” war schon, wie man so schön sagt, in trockenen Tüchern. Im Juni gestartet, ein Erfolg bei der Kritik, ein noch größerer beim Publikum, kaum Konkurrenz in Sicht, und die paar, die doch noch mithalten wollten – wie „Die Truman Show” oder „Der schmale Grat” –, bekamen bei den richtungsweisenden Kritikerpreisen am Jahresende den Bescheid, daß sie alle Hoffnungen aufgeben können. Spielbergs Soldaten-Epos schien als Kandidat für die Oscars unschlagbar.

Aber weil die Amerikaner zwar Sieger mögen, aber auch den Wettkampf schätzen, tauchte plötzlich doch noch ein Konkurrent auf, das, was man ein dark horse nennt: eine pfiffige romantische Komödie, die spielend den Bogen schlägt von Shakespeare zu Hollywood, indem sie in den Marotten der damaligen Theaterwelt die Manierismen des heutigen Filmbusiness entdeckt – „Shakespeare in Love”. Und da bei den Golden Globes, die kurz vor Nominierungsschluß die Richtung weisen, anders als bei den Oscars zwischen Drama einerseits und Komödie andererseits unterschieden wird, blieb eine Entscheidung erstmal aus: „Ryan” wurde als bestes Drama geehrt und „Shakespeare” als beste Komödie. Als die Oscar-Nominierungen dann bekannt gegeben wurden, lag „Shakespeare” sogar mit 13 Nominierungen vor „Ryan” mit seinen elf.

Und weil so ein Wettkampf nichts wert ist ohne den rechten Kampfgeist, kam es auch gleich zum Streit zwischen den beteiligten Studios, zwischen Harvey Weinstein von der Disney-Tochter Miramax und Jeffrey Katzenberg von Dreamworks, das der ehemalige Disney-Mann zusammen mit Spielberg und David Geffen gegründet hat. Natürlich ging es dabei, wie in Hollywood üblich, nur ums Geld. 15 Millionen Dollar steckte Miramax schätzungsweise in seine Oscar-Kampagne für „Shakespeare” – und Dreamworks mußte reagieren und für „Ryan”, so wollen Insider wissen, zwei Millionen mehr ausgeben, als sie ursprünglich geplant hatten. Dabei entstand offenbar der Eindruck, Miramax wolle mit dieser ungewöhnlich aggressiven und teuren Kampagne den Konkurrenten irgendwie auch herabwürdigen. Nichts läge ihm ferner, versicherte der gerissene Weinstein, er halte Spielberg für den größten lebenden Filmemacher – warum solle er etwas Negatives über ihn sagen wollen.

Aber weil in der Branche – außer dem Geld – nichts so schmerzt wie verletzte Eitelkeiten, brachte die New York Times die Konkurrenten zwar nicht an einen Tisch, aber doch gemeinsam ans Telephon. Weinstein behauptete, man habe 800 000 Dollar für Anzeigen in den Branchenblättern ausgegeben. Daran sei nichts ungewöhnlich. Katzenberg entgegnete, es seien wohl eher drei Millionen. Er habe, versicherte Weinstein, nichts anderes gemacht als beim „Englischen Patienten” auch: Mit wenigen Kopien gestartet, dann die Anzahl erhöht und damit die Wahlberechtigten der Academy erreicht. Und das, was er „Blitzkrieg” nennt, habe nur der Auswertung des Films gedient. Vor den Nominierungen lag er bei 38 Millionen Einnahmen, jetzt bei 75. Außerdem beweise die Tatsache, daß „City of Angels” viel mehr für Werbung ausgegeben, aber nicht eine einzige Nominierung erhalten habe, daß die Academy ohnehin ihren eigenen Willen habe. Darauf einigte man sich dann: Die Academy ist unbestechlich, und nichts kann ihre unabhängige Meinung beeinflussen. Aber das Geld wird trotzdem ausgegeben. Nur um sicher zu gehen.

All das ändert natürlich nichts daran, daß „Saving Private Ryan” gewinnen wird: Drama schlägt von jeher Komödie, Vaterlandsliebe schlägt romantische Liebe, und die Kombination Spielberg und Hanks schlägt sowieso alles. Das heißt für „Ryan”: bester Film, beste Regie, bester Schnitt, beste Kamera, bester Ton, womöglich auch noch bester Toneffektschnitt und bestes Makeup. Macht sieben Oscars.

Weinstein kann das egal sein, weil seine Kampagne bei den Stimmberechtigten sicher zu dem Gefühl beiträgt, sie müßten „Shakespeare” für die Niederlage zum Trost in anderen Kategorien berücksichtigen. So darf man davon ausgehen, daß Gwyneth Paltrow als beste Schauspielerin ausgezeichnet wird, auch wenn die Konkurrentin Cate Blanchett als „Elizabeth” bei den Globes in der Kategorie Drama ausgezeichnet worden ist. (Und Judi Dench, die wiederum in „Shakespeare” eine etwas ältere Elizabeth gespielt hat, darf als Favoritin bei den Nebendarstellerinnen gelten. ) Als sicher gilt auch, daß Tom Stoppard und Marc Norman mit ihrem Drehbuch zu „Shakespeare” gewinnen werden. Und weitere Oscars für Musik, Kostüme (die von „Elizabeth” stammen aus der selben Periode, die von „Velvet Goldmine” von derselben Designerin) und Art Direction sind wahrscheinlich. Das wären dann sechs Oscars – und das ist nicht schlecht für ein Jahr, in dem der Sieger von Anfang an feststand.

Auch bei den ausländischen Filmen gilt der Sieger als ausgemachte Sache: Roberto Benignis „Das Leben ist schön” hat mit sieben Nominierungen nicht nur einen Rekord für einen nichtenglischsprachigen Film aufgestellt („Das Boot” und „Fanny und Alexander” waren sechs Mal nominiert), sondern ist auch der erste Film seit „Z” von Costa-Gavras, der die (theoretische) Chance hat, als bester und auch als bester ausländischer Film ausgezeichnet zu werden. Und seit die Schauspielergilde Benigni ihren Preis verliehen hat, gilt er auch noch als Favorit für die männliche Hauptrolle, weil erstens von den gut 5 500 Stimmberechtigten immerhin 1 500 Schauspieler sind und zweitens die Globe-Gewinner Jim Carrey und Michael Caine gar nicht nominiert wurden. Macht zwei Oscars für Benigni – und vielleicht sogar noch einen dritten für die dramatische Musik.
Was bleibt? Bester Song für das Duo Mariah Carey / Whitney Huston („Der Prinz von Ägypten”) oder doch für das andere Duo Celine Dion / Andrea Bocelli („Quest for Camelot”)? Richtig schwierig wird es bei den Nebendarstellern: Billy Bob Thornton, den die Academy seit „Sling Blade” nachweislich liebt und dessen Part in „A Simple Plan” eher eine Hauptrolle ist; Robert Duvall, der auch schon mal gewonnen hat und für „A Civil Action” zum sechsten Mal nominiert ist; oder Ed Harris, der seit Jahren zu den Besten zählt und der übergangenen „Truman Show” wenigstens einen Trost-Oscar bescheren könnte? Letzteres wird hoffentlich den Ausschlag geben.

Die schwierigste Kategorie ist demnach die Drehbuchadaption: „Primary Colors” wurde von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt; „A Simple Plan” war smart gemacht; „Out of Sight” wurde von der Autorengilde ausgezeichnet; „Gods and Monsters” ist etwas für Schauspieler; und „Der schmale Grat” lebt zwar fast ausschließlich von Regie und Kamera, hätte aber den Vorteil, daß damit der Hollywood-Rückkehrer Terrence Malick ausgezeichnet werden könnte und sein überraschenderweise sieben Mal nominierter Film wenigstens einen Oscar abbekäme. Auch hier setzen wir auf letzteres.
Sicher ist am Ende nur eins: Die Sterne werden in der Nacht zum Montag wieder so hell leuchten wie nie sonst im Jahr.
MICHAEL ALTHEN

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