13. Oktober 2019 | Preisträger | Der Gewinnertext 2019

Michael-Althen-Preis 2019 - Der preisgekrönte Text

"Das ist das Leben" von Verena Lueken

Warum ist Richard Ford so ein bedeutender, großer Schriftsteller? Überlegungen aus gegebenem Anlass.

Erschienen am 29.09.2018 im Feuilleton der F.A.Z.  https://www.faz.net/-gr2-9ewoe

Erste Sätze sind eine vertrackte Sache. Sie dürfen keinesfalls vermasselt werden. In gewisser Weise kommt alles auf sie an. Im Roman sind manchmal die ersten Sätze die letzten, die geschrieben (und dann an den Anfang gerückt) werden. Richard Ford hat eine besondere Begabung für erste Sätze, wobei es für den Leser ganz unerheblich ist, ob es auch immer die waren, mit denen es im Schreibprozess tatsächlich losging: „Im Herbst 1960, als ich sechzehn war und mein Vater eine Zeitlang nicht arbeitete, lernte meine Mutter einen Mann namens Warren Miller kennen und verliebte sich in ihn.“ Das ist ein typischer erster Richard-Ford-Satz.

Mit ihm beginnt „Wildlife“ aus dem Jahr 1990. Das Wesentliche ist in diesem ersten Satz angelegt: Wer der Erzähler ist; die Familienkatastrophen – es sind zwei, die Arbeitslosigkeit des Vaters, eine neue Liebe der Mutter –, der Ton. Nicht beiläufig, aber unsentimental. Nüchtern. Wir werden, das erzählt uns dieser erste Satz in seiner Knappheit auch bereits, eine Geschichte lesen, die abgeschlossen ist, denn sie wird im Rückblick erzählt. Was nicht unbedingt bedeutet, dass sie glücklich ausging, aber immerhin, dass der Erzähler sie überlebt hat.

Äußere Handlung ist schnell erzählt

Wenn man gefragt würde: Wovon handelt dieser Roman „Wildlife“ denn? – was eine Frage ist, die möglicherweise demnächst häufiger gestellt wird, denn das Buch ist kürzlich verfilmt worden, und dieser Film kommt in ein paar Wochen in die deutschen Kinos. Auf die Frage also „Worum geht es denn“ könnte man guten Gewissens mit diesem ersten Satz oder einer Variation auf ihn antworten: „Es geht um einen Sechzehnjährigen, dessen Vater keine Arbeit hat und dessen Mutter sich in einen Mann, der Warren Miller heißt, verliebt.“ Darüber aber, warum dieses Buch mit den anderen Büchern Fords ein Werk der Weltliteratur bildet, hätten wir damit noch nichts erfahren.

Der erste Satz bei Richard Ford enthält, wie in diesem Fall, oft eine Inhaltsangabe dessen, was folgt. Gleich zu Beginn wird uns gesagt, wie der Hase läuft. Es kommt hier nicht auf die Handlung an, sagt dieser Satz nämlich auch, die äußere Handlung ist schnell erzählt. Konzentrieren wir uns lieber auf alles andere – darauf, was dann geschieht. Die Konsequenzen. Auf die Figuren. Auf die Landschaft, durch die sie fahren. Auf den Ort, an dem sie leben. Darauf, worüber sie nachdenken und wie sie miteinander sprechen, wenn sie sprechen.

Darauf, wovon sie träumen, wenn sie träumen. Sie sind auf Grund gelaufen. Und dann? Wie stellen sie es an, ein bisschen Lebensglück, das eigentlich am Horizont bereits verschwindet, noch zu fassen zu kriegen und vor dem Schicksal in Sicherheit zu bringen? Wie ist es möglich, dass sie das, was in optimistischeren Zeiten „Hoffnung“ heißt, nicht ganz verlieren? Auch wenn nicht gar zu viele Gründe dafür sprechen. Außer vielleicht diesem, in den Worten von Fords berühmtester Figur, Frank Bascombe: Könnte alles schlimmer sein. Viel, viel schlimmer, als es ist.“

Richard Ford ist einer der bedeutenden amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit. Ein zweifelsohne richtiger Satz. Risikolos, ein bisschen langweilig deshalb auch. Kaum ein Text über Ford oder seine Bücher kommt ohne ihn aus, obwohl es ein Satz ist, der keine Melodie hat und erst einmal daherkommt wie eine Ansammlung banaler Wörter in ebenso banaler Syntax. Ein Satz, der aus Wörtern besteht, die man, so sieht es zunächst aus, auch ausrangieren könnte, wie Frank Bascombe das in dem Buch „Frank“ mit Wörtern tut, die ähnlich phrasenhaft klingen: „großartig“, „Respekt!“ und solche mehr. Doch wenn man jedes Wort wiegt und von allen Seiten betrachtet, wird aus diesem einfallslos wirkenden Satz ein Satz mit profundem, vielschichtigem Inhalt. Mit Poesie fast. Was auch heißt: Je länger man ihn anschaut, desto verschwommener wird, was auf den ersten Blick so eindeutig schien: nämlich, was dieser oft gesagte und zitierte Satz von der Bedeutung Richard Fords als eminenten amerikanischen Schriftstellers unserer Zeit eigentlich bedeutet.

Autor für erwachsene Gefühle

Was heißt denn „bedeutend“, wenn wir von Literatur sprechen? Bedeutend für wen, für was? Was hat die Nationalität, das Land, aus dem ein Schriftsteller kommt, mit seinem Schreiben zu tun? Und muss er eins mit seinem Land sein, dessen „würdiger Vertreter“? Und was heißt das: unsere Zeit? Bei einem Autor zumal, dessen erstes Buch vor mehr als vierzig Jahren erschien und den wir seit dreißig Jahren einen der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit nennen, dreißig Jahre, in denen, so scheint es, eine Zukunft hereinbrach, mit der kaum einer gerechnet hatte? Und was heißen diese Wörter im Dreiklang? Beziehen sie sich aufeinander, beleuchten sie einander, kommentieren sie sich gegenseitig?

In einem Essay über Anton Tschechow, den er als Herausgeber einer englischen Ausgabe von dessen Geschichten schrieb, erzählt Ford, im Studium habe ihm lange niemand genauer sagen können, warum er Tschechow lesen sollte. Er habe immer nur gehört, Tschechow sei eben „great“ und Russe. Das sei Grund genug. Was Ford, als er schließlich genauer las, in Tschechows Geschichten fand, war aber etwas anderes und ein Vielfaches mehr. Er fand einen Autor für erwachsene Gefühle und Reaktionen. Einen Autor, dessen Figuren auf den ersten Blick leicht durchschaubar schienen, die sich aber beim genaueren Hinsehen als außerordentlich komplexe Gestalten entpuppten, die innerhalb riesiger Unglücksszenarien kleine Entscheidungen mit weitreichenden Folgen treffen mussten.

Was Ford interessiert

So geht es auch den Lesern von Richard Ford, dem großen Amerikaner: Wir lernen, genau hinzuschauen. Und wie bei Tschechow gibt es auch bei ihm einfache Menschen mit komplizierten Gefühlen – und eine Menge zu lachen. Allerdings nicht gleich und nicht immer auf den ersten Blick. Aber je älter Ford wird, desto mehr. „Bedeutend“ ist Ford nicht im Sinn von: mit großer Geste Wichtiges verkünden. Im Gegenteil. „Bedeutend“ heißt, sein Augenmerk aufs Detail in Situationen zu richten, denen gerade nichts Großes anhaftet – eine Autofahrt, der unerwartete Besuch einer ehemaligen Bewohnerin des eigenen Hauses an einem nasskalten Wintertag, ein früher Morgen mit dem Ex-Mann der Ehefrau, der auf dem Weg ins Gefängnis zum Frühstück vorbeikommt, ein Freitagnachmittag mit der Rückkehr des Vaters, eines Handlungsreisenden, der wie jeden Freitagnachmittag eine Tüte dampfender Krabben auf dem Küchentisch ausschüttet.

Solcherart sind die alltäglichen Ereignisse menschlicher Existenz, die Fords Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Einzelheiten, die im Zusammenspiel mit anderen Einzelheiten ein Stück Leben evozieren. Ein Stück Leben von Menschen, die nicht Geschichte machen. Die aber alle in ihrem Leben unter Umständen Entscheidungen von moralischem Gewicht zu treffen haben – und wie sie das tun und zu welchem Ende hin, das ist es, was Ford interessiert. Ford, mit anderen Worten, interessieren Menschen, wie seine Leser es sind.

Botschaft über Erzählung vermitteln

Obwohl seine Bücher teilweise dick sind, sehr dick sogar, sind sie oft schweigsam. Wortkarg. Das meint nicht nur die Figuren, sondern auch den Autor, aus dessen Sätzen niemals große Gebärden werden, mit denen er um Mitgefühl etwa für die halbwüchsigen Helden vieler seiner Geschichten buhlen würde. Die Halbwüchsigen, diese Jungen am Übergang ins Erwachsenenleben sind Zentrum in einigen seiner Romane und vielen seiner Stories. Ich vermute, was sie als Figuren so attraktiv für Ford macht, ist, dass er sie in dieses Zwischenreich verpflanzen kann, beobachtend und ahnend, aber noch nicht wirklich wissend und handelnd, Opfer ihrer Eltern, mindestens ihrer Eltern, aber keine hilflosen Opfer mehr. Es sind junge weiße Männer, die ein gutes Stück verstehen von dem, was sie sehen und erleben, aber noch nicht alles; die aber bereits ahnen, dass es später darum gehen wird, immer wieder einmal die Scherben eines Glücks, das ein Zufall, ein Unglück, ein Missgeschick zerdeppert hat, zusammenzukehren und trotzdem daran festzuhalten, dass noch alles passieren kann, sogar etwas Gutes, das sich noch nicht abzeichnet.

Literatur ist dazu da, die Sinne zu schärfen, nicht nur für die Literatur, sondern für das Leben selbst. Falls sie einen moralischen Auftrag hat, so ist es dieser: dem Leser zu sagen, das ist das Leben, das du hast, das einzige. Schau mal genau hin. Das ist nicht belehrend – kein Buch von Ford enthält Lektionen, die auch anderswo zu haben wären –, es geschieht durchs Erzählen. Dadurch, sich mehr vorzustellen, als das Leben möglicherweise auf den ersten Blick zu bieten hat. Katastrophen unterschiedlicher Art und Schwere – ein Vater ohne Arbeit, eine Mutter mit einem neuen Mann, ein Hurrikane oder auch der Tod – sind am besten dazu geeignet, die Sinne in diesem Sinn zu schärfen. Das ist es, was es heißt, Fords Literatur „bedeutend“ zu nennen.

Allem, was diese Katastrophen bei geschärften Sinnen auslösen, welche Konsequenzen sie haben, geht Ford nach – nicht mittels Beobachtung, sondern mittels seiner Vorstellungskraft. Frank Bascombe etwa, der Held von vier Büchern, ist ein Mann, der lange Zeit seines Lebens Häuser verkauft hat. Nach dem Hurrikan Sandy, der die Küste New Jerseys verwüstete, steht er am Strand und sieht: Die Häuser sind weg. Die Häuser, die er einst vermakelte, und eines, das ihm selbst einmal gehörte: weggefegt. Seine Reaktion darauf – die Reaktion, die Ford sich für ihn ausgedacht hat –, ist: Jeez, mein Haus ist weg. Aber die Sicht! Die ist besser denn je. Nicht gerade die erwartbare Reaktion eines Maklers, das macht sie so komisch. Obwohl die Sache gar nicht lustig ist, aber doch in gewisser Weise zum Brüllen.

Was Ford schreibt, ist erfunden. Die Figuren. Die Orte, selbst wenn sie heißen wie Orte, die es tatsächlich gibt, Great Falls etwa oder Des Moines. Die Landschaften, Montana, New Jersey, Arkansas. Die Mütter, die Väter. Die gebrochenen Herzen, die Autodiebstähle, die Toten wie die Überlebenden. Und auch wenn er über einen Jungen schreibt, wie er selbst einer war, der nach dem Tod des Vaters für lange Sommer bei den Großeltern geparkt wurde, Hotelbesitzern in Little Rock in Arkansas, wie es Fords Großeltern waren, und wie er, der Ich-Erzähler, in jenem Sommer einmal zum Golfspielen ging: Auch da steht „fiction“ darüber.

Ford spricht für sich selbst

Diese kurze Geschichte erschien 2006 in einer Publikation namens „Golf World“ und heißt „In Memory of Golf“. Wobei wir uns Richard Ford als Golfer eigentlich nicht vorstellen können. Ford geht zur Jagd, zum Fischen, Squash. Golf hat er einmal den „Lieblingszeitvertreib der Republikaner“ genannt, und es liegt ihm so fern wie vermutlich Sackhüpfen oder Segelfliegen. Eine Geschichte von ihm in einem Golfmagazin ist deshalb eine Überraschung.

Aber in ihr wird klar, was es mit dem „amerikanisch“ in dem Satz von Richard Ford als „bedeutendem amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit“ auf sich hat und wie dieses Wort, „amerikanisch“, dem gerade im Zusammenhang mit dem Wort „great“ (und auch mit dem Wort „Golf“) in jüngerer Zeit kein so guter Ruf mehr anhaftet, auf den Rest des Satzes ausstrahlt; welchen Inhalt also diese Zuschreibung hat, wenn wir von Ford sprechen und seiner Literatur. Denn eines ist Ford nicht: der Vertreter einer Gruppe. Ein Sprecher für irgendeinen anderen als sich selbst. Er spricht immer und sehr klar als erst jüngerer, dann älter werdender weißer Mann, der aus dieser Perspektive keinen Hehl macht, sie weder besonders hervorhebt noch hinter einer vermeintlich universalistischen zu verstecken sucht. Bei ihm ist immer klar, wem man zuhört.

Nach St. Louis zum Golf spielen

Richard Ford stammt aus dem Süden der Vereinigten Staaten, aus Jackson in Mississippi. Dort starb sein Vater, im Jahr 1960. Und so beginnt diese Short Story: „Als mein Vater starb, in Mississippi, im Jahr 1960, wurde ich für den Sommer zu meinen Großeltern nach Little Rock abgeschoben.“ Wieder wissen wir mit dem ersten Satz über den Erzähler, Ort und Zeit bereits das Wesentliche. Der Vater ist seit kurzem tot. Wir sind in den Südstaaten. Es ist 1960, also die Zeit der Segregation nach Hautfarbe, in den Schulen, Bussen, Restaurants, auf den Bänken im Park, den öffentlichen Toiletten, an den Trinkfontänen, überall, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, noch einige Jahre vor den ersten Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung, kurz, die Zeit der Jim-Crow-Gesetze.

Das alles kann man in diesem kurzen ersten Satz lesen. Das Hotel der Großeltern ist ein elegantes Haus mit einigen schwarzen Angestellten. Weil der Ich-Erzähler keinerlei Versuche unternimmt, sich nützlich zu machen, gibt ihn der Großvater in ihre Obhut. Einer geht mit ihm zum Fischen. Ein anderer spielt mit ihm Golf. Er heißt Chester Matthews und ist der Concierge des Hotels, gibt bissige Kommentare über die anderen Portiers ab und fährt nach St. Louis und Chicago in Urlaub, um Golf zu spielen. Dort gibt es, anders als im Süden, bereits 1960 öffentliche Golfplätze, die Menschen aller Hautfarben offenstehen.

„Bis ans Ende seiner Tage“

In der Familie des Erzählers spielt Golf keine Rolle. Für Chester Matthews aber ist Golf das Leben. Manchmal zeigt er den anderen Portiers und ab und zu sogar einem Gast in der Lobby, wie man den Schläger führen muss. Für einen Afro-Amerikaner in seinen späten Vierzigern, der daran gewöhnt ist, dass im Hotel eines Weißen nach ihm geklingelt wird, bedeutete Golf etwas, was Golf für andere nicht bedeutete. Golf war die Fahrkarte weg aus dem Süden.“ Die beiden also, der Junge, Enkel des Hotelbesitzers, und der Concierge ziehen los, um auf dem einzigen Platz in Little Rock, der auch Schwarzen Zutritt erlaubt, Golf zu spielen. Dieser Platz grenzt unmittelbar an Fort Roots, eine Irrenanstalt, wie das damals hieß, in der vor allem Kriegstraumatisierte untergebracht sind, Männer, die in der Normalität nicht mehr Fuß fassen können. Tatsächlich war Fort Roots der vollkommen reizlose offizielle Golfplatz im Niemandsland, das zwischen den Rassen lag, und zwischen dem staatlichen und dem lokalen Gesetz, zwischen den Kräften des alten Südens und den neuen Tagen, die kurz darauf anbrachen.“

Der Junge zeigt sich unbegabt, was das Golfen angeht, also trägt er für Chester Matthews die Golftasche. Er schleppt sie über den verkommenen Platz, er schaut zu, wie Chester Matthews einen Ball nach dem anderen schlägt. Und plötzlich erwachen die in ihren Bademänteln unter den Bäumen zwischen dem Krankenhaus und dem Golfplatz wie Gespenster herumschlurfenden Patienten zum Leben und beginnen, sie anzupöbeln. Krakeelen. Lachen. Schimpfen – plötzlich wieder Teil der Welt jenseits von Fort Roots, Akteure in der Wirklichkeit des Südens. Chester Matthews spielt weiter, bis zum Ende. Der Ich-Erzähler trägt weiterhin seine Golftasche. Keiner von beiden spricht. „Nichts“, so endet die Geschichte, „hat seit jenem Tag 1960 in mir den Wunsch geweckt, das Spiel doch noch aufzunehmen. Aber Chester Matthews, das weiß ich zufällig, spielte bis ans Ende seiner Tage.“

Grenzübertritt

Richard Fords Helden, Frank Bascombe zuallererst, sind, wenn man so will, Helden aus der weißen Mittelschicht, und sie kommen nicht aus den Metropolen an den Küsten. Das Amerika, das sie bevölkern, hat auch da, wo es vor allem weiß ist, ein Problem. Die Ausrottung der Urbevölkerung, Sklaverei, Ausbeutung und Rassenhass sind zwar nicht vordergründige Themen in Fords Büchern. Doch als Autor „amerikanisch“ zu sein bedeutet: In seinen Stories, seinen Romanen, seinen Essays ist diese Geschichte präsent. Er schließt sie nicht aus, er lässt sie von den Rändern in seine Erzählungen eindringen, in Gestalt von Figuren, die manchmal wie Geister die Geschichten der Weißen in seinen Büchern betreten und wieder verlassen. Manchmal aber, wie in der Golfgeschichte, wird diese Geschichte Gegenstand der Erzählung. Und die Geister sind die Weißen.

Jahre später, Jahrzehnte nach 1960, erzählte Ford, was es für ihn bedeutet, Amerika zu verlassen, für eine Reise, zum Beispiel nach Kanada. Bei jedem Grenzübertritt fühle er sich von einer ungeheuren Last befreit. Von der Last, die Amerika auf einen legt. „Ich spüre“, sagte er, „dass ich etwas verliere, von dem ich nicht wusste, dass ich es loswerden muss, und dass ich etwas gewinne, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Toleranz. Den Willen, andere zu akzeptieren. Empathie.“

Auf Deutsch

Richard Ford ist ein politischer Autor. Nicht nur im Sinne von: politische Ereignisse zu kommentieren, was er manchmal in Zeitungsbeiträgen tut. Sondern vor allem in dem Sinn, dass Politik wie Literatur dazu da sein sollte, unser Verständnis füreinander zu vertiefen. Er würde gern, so sagte er einmal, das Wort „Politik“ in diesem und für diesen Sinn zurückerobern und es davon erlösen, nur noch Synonym für egoistische Interessen, Zynismus, Menschenverachtung und Absurditäten zu sein, wozu es in diesen Zeiten der politischen Kernschmelze in Amerika verkommen ist. Literatur ist auch dazu da, sich vorzustellen, dass es besser sein könnte.

Man kann Richard Ford auch auf Deutsch lesen. Fords Bücher gingen durch die Hände einiger Übersetzer, die ihre Sache meistens ordentlich machten, bis mit Fords Kurzgeschichten über die Liebe als moralisches Labyrinth, ihre Herausforderungen und darüber, warum sie oft schiefgeht, Frank Heibert ins Spiel kam. „Eine Vielzahl von Sünden“ heißt dieses Buch, und Heibert ist seitdem Fords Stammübersetzer – ein Glücksfall. Denn er hat auch im Deutschen einen Ton gefunden, der Fords Stimme nahekommt, seinen verschiedenen Erzählerstimmen, es ist ja nicht immer dieselbe. Der Stimme von Frank Bascombe. Und zuletzt, in seinem jüngsten Buch „Zwischen ihnen“, der Stimme seiner Erinnerungen an die Eltern.

Bekenntnis in englischer Sprache

Niemand wird er selbst ohne einen anderen, der ihn liebt. Oder, wie Ford es in einem seiner Bücher sagt: „Most everything but love goes away“. Jedes Buch von Richard Ford beginnt mit einem Namen: Kristina. Noch vor dem ersten Satz. Mit dem Namen der Frau, mit der er seit fünfzig Jahren verheiratet ist. Er steht immer auf der Widmungsseite. Aber da steht nicht: Für Kristina. Sondern nur ihr Name. Mit Kristina fängt alles an. Jedes seiner Bücher eröffnet neue Räume der Imagination. Neue Wege in die Sprache hinein, Erkundungen in Bereiche menschlicher Möglichkeiten und menschlichen Scheiterns, für die Ford die richtigen Wörter und idealen Satzkonstruktionen sucht. All dies ist, so eng es mit der Wirklichkeit in Kontakt treten und aus ihrer Beobachtung heraus entstanden sein mag, erfunden. Vorgestellt. Ausgedacht. Immer mit gutem Grund und auf solider Basis, aber doch: Fiktion. Kristina aber ist eine Tatsache.

Lachen um nicht alleine zu weinen

Anyhow. Not having stopped reading Richard Ford since the late 80s and „Rock Springs“, after reading this sentence about „Edna and I“ and their fate on their way to Tampa-St. Pete and a bit later about the duck with the frozen feet – not having stopped reading Ford means I have spent a substantial amount of time in the realm of his imagination. In the company of his carefully chosen words, the ascending and descending melodies of his sentences, the characters he invented, and the stories, essays, and novels he composed. This was not through force, not by accident, but by choice. I cannot say who I would be, had it been otherwise. And I cannot say what my life would have been without these books.

If asked what literature is for, I’d say: first for this. To become part of who we are. To accompany us. To give language to things that don’t speak on their own, like life usually doesn’t. To show us how to care. To comfort us in the wake of the catastrophies we’ll inevitably encounter. To save us when saving is needed most. Just through language. By putting words in a particular order. By connecting us through them to a world out there where despite it all we carry a responsibility. And also – not the least – to make us laugh as not to let us alone crying.

Richard Ford’s books do that. That’s what makes him so outstanding as a writer – one of the great American writers of our time.