18. Dezember 1999 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die Zukunft der Vergangenheit

Die Zukunft der Vergangenheit

Wenn die Ritter nicht zu uns kommen, müssen wir eben zu ihnen: Michael Crichtons "Timeline"

Die beste Szene gleich vorweg: Da bekommt der größenwahnsinnige Finanzier eines High-Tech-Unternehmens, das tatsächlich geschafft hat, Zeitreisen zu ermöglichen, von seiner Presseabteilung ein paar Videos von großen historischen Momenten vorgeführt, die er am nächsten Tag seinen Aufsichtsräten präsentieren will. (Wie es dazu kommt, dass Ereignisse von vor mehr als 200 Jahren gefilmt werden konnten, muss fürs erste nicht interessieren. ) Der erste Ausschnitt zeigt Abraham Lincoln bei seiner Gettysburg-Rede. „Der schaut ja fürchterlich aus”, beschwert sich der Unternehmer, „wie eine Leiche. Seine Anzug ist ganz verschrumpelt. Und seine Hände ragen aus den Ärmeln. Und das soll seine Stimme sein? Der quiekt ja. Seid ihr verrückt. Das kann ich unmöglich verwenden. Niemand will Lincoln hören, der wie Betty Boop klingt. Was habt ihr noch?”

Die PR-Leute legen eine zweite Cassette ein: George Washington bei der Überquerung des Delaware. „Wo ist Washington?”, fragt der Unternehmer, „Etwa der Kerl, der sich da hinten zusammenkauert? Nein, nein, nein. Er muss am Bug stehen, wie ein General. Wollt ihr etwa, dass ich ein Video zeige, in dem George Washington seekrank aussieht?” – „Aber das ist die Realität. ” – „Zum Teufel mit der Realität!”

Man sieht, dass auch frühere US-Präsidenten gewaltige Public-Relation-Probleme gehabt hätten, ja dass die ganze Vergangenheit unter PR-Gesichtspunkten eine einzige Katastrophe darstellt. Ohne die frommen Lügen der Geschichtsschreibung würde womöglich die ganze Historie schrumpfen zu einer Verkettung von mehr oder weniger zufälligen Ereignissen, in der kein Platz für Helden ist. Die Fakten werden erst mit den Mitteln der Fiktion zur „Geschichte” – es ist kein Zufall, dass auch im Englischen „story” und „history” so nah beieinander liegen.

Was die Verwandlung von trockenen Fakten in spannende Geschichten angeht, kann keiner Michael Crichton das Wasser reichen. „Timeline” (Alfred A. Knopf, 451 Seiten, 26,95 $; auf deutsch nächstes Jahr bei Blessing) führt wie die meisten seiner Romane am Ende Sekundärliteratur auf; 81 Bände sind es diesmal, von „Waffen, Armeen und Befestigungen im Hundertjährigen Krieg” bis „Die Wissenschaft paralleler Universen und ihre Implikationen”. Das ist zweifellos mehr Hintergrundwissen, als man von irgendeinem anderen Bestseller erwarten darf. Bei Crichton macht das geradezu den Reiz aus: „Timeline” ist in Amerika sofort wieder an die Spitze der Bestsellerlisten geklettert. Dabei würden die Zusammenhänge von Quantenphysik und mittelalterlichen Waffensystemen jeden Leser unter anderen Umständen zu Tode langweilen. Aber so wie „Jurassic Park” Themen wie Chaostheorie und Molekularbiologie hinter der populäreren Geschichte von der Wiederkehr der Dinosaurier versteckte, so verkleiden sich die anspruchsvolleren Themen in „Timeline” als Zeitreise ins Jahr 1357, in eine Welt von Rittern und Burgen.

Wovon auch immer das Buch vordergründig handeln mag, dahinter steht wieder ein Thema aus Wissenschaft und Technik, dessen Vermittlung meist viel anregender ist als die Geschichten selbst. Ob Astrophysik oder Mikrobiologie, Aerodynamik oder Evolutionstheorie, Crichton findet jedesmal einen Weg, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen. Wo solche Informationen sonst ein notwendiges Übel des Erzählens sind, hat man bei ihm den umgekehrten Eindruck: Dass die atemberaubenden Geschichten sozusagen ein Abfallprodukt der wissenschaftlichen Interessen sind, die Crichton umtreiben. Er betreibt die Geburt des Romans aus dem Geist des Sachbuchs – oder anders herum. Selbst in „Enthüllung”, dessen Clou darin zu bestehen schien, dass die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz von einer Frau ausging, schien sich Crichton viel mehr noch für die Probleme bei der Herstellung von Mikrochips zu interessieren. Ist ja auch ein verdammt spannendes Thema – wenn man davon zu erzählen versteht.

In „Timeline” sieht das dann so aus: Bei Ausgrabungen einer mittelalterlichen Burg in der Dordogne finden Studenten eine moderne Brille und einen Zettel mit der Aufschrift: „Helft mir!” Es ist die Handschrift ihres Professors, der tags zuvor zurück nach Amerika geflogen war, um sich mit dem Finanzier ihrer Ausgrabungen zu treffen. Tatsache ist aber außerdem, dass der Zettel und die Tinte mehr als 600 Jahre alt sind – alle wissenschaftlichen Tests belegen das zweifelsfrei. Das ist wieder einer jener erzählerischen Tricks, welche die Imagination sofort entzünden und auf die sich Crichton so gut versteht.

Es stellt sich heraus, was man schon ahnt: dem Unternehmen, das sich mit Quantenphysik beschäftigt, ist es gelungen, Zeitreisen zu ermöglichen – und der Professor ist ins Jahr 1357 gereist, wo er seinen Hilferuf hinterlassen hat in der Hoffnung, seine Studenten würden ihn dort finden und ihre Schlüsse daraus ziehen. Tatsächlich reist die ganze Gruppe daraufhin ins Mittelalter und stellt erstmal fest, was Geschichtsbücher gerne verschweigen: Die Vergangenheit stinkt!

Das ist nicht das einzige, was der Hundertjährige Krieg an Überraschungen bereithält. Crichton müht sich redlich, einige unserer Vorstellungen vom Ritterwesen zu revidieren, aber letztlich folgt der Roman der Prämisse des Unternehmers: „Das Segment mit den größten Zuwächsen im Tourismus sind Kultur-Reisen. Leute, die nicht andere Orte, sondern andere Zeitalter bereisen wollen. ” Deswegen hat seine Firma Geld in die Ausgrabungen gesteckt und das umliegende Land aufgekauft: Um dort, wenn es so weit ist, Hotels und Geschäfte bauen zu können, die das entsprechende Merchandising ermöglichen. So wie in „Jurassic Park” die Dinosaurier via DNS zu uns kamen, so reisen wir in „Timeline” via Quantensprung zu den Rittern. So wird auch die Vergangenheit zum Disneyland. Folgt man dem Buch, dann sieht man in ganz anderem Licht, warum Konzerne etwa die Renovierung der sixtinischen Kapelle finanzieren – um in Zukunft Zeitreisen organisieren zu können, bei denen man Michelangelo beim Malen zusehen kann. Aparter Gedanke.

Hinter solchen Phantasien treten Plot und Figuren notwendigerweise zurück. Wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Michael Crichton allmählich seinem eigenen Erfolg erliegt. So wie er in „Enthüllung” geschildert hat, dass Elektronikkonzerne eigene Abteilungen haben, die Designs entwerfen für Geräte, die noch gar nicht herstellbar sind, so hat man auch in „Timeline” den Eindruck, dass die Form schon fertig war, ehe der Inhalt dazukam. Die Baupläne für das Videospiel, den Film und den Erlebnispark existierten vermutlich schon, bevor ein Roman daraus wurde. Am Ende ist das Merchandising der Tod jedes guten Autors.

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