09. Oktober 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Singin‘ in the Rain

Filme auf DVD: Eine Rose im Regen

Eine wunderbare Spezialedition von "Singin' In The Rain"

Man mag die zunehmende Unlust, englische Originaltitel einzudeutschen, für Phantasielosigkeit halten, aber im Falle von SINGIN‘ IN THE RAIN ging der Synchrontitel DU SOLLST MEIN GLÜCKSSTERN SEIN immer nur sehr schwer über die Lippen. Inzwischen hat man auch hierzulande dem Singen im Regen zu seinem Recht verholfen, so daß die wunderbare DVD-Spezialedition (Warner Home Video B000071K2M) nun unter ihrem richtigen Titel in den Regalen liegt. Über den Film selbst, der die Verhältnisse beim Übergang vom Stumm- zum Tonfilm zum Tanzen bringt, muß man nicht mehr viel sagen – das erledigen im Audiokommentar der DVD die Überlebenden, also Regisseur Stanley Donen, Debbie Reynolds, Cyd Charisse und Kathleen Freeman oder das Autorenpaar Betty Comden und Adolph Green. Letzterer sagt abschließend: „Der Film hat keinen einzigen Preis gewonnen. Und zwar aus einem einzigen Grund: Er war zu lustig.“ Das klingt hübsch, aber dabei vergißt Green, daß das Drehbuch von der Writers‘ Guild geehrt wurde – und Donald O’Connor einen Golden Globe gewann, der damals allerdings noch kein sonderlich begehrter Preis war. O’Connor (Bild) ist vergangene Woche gestorben, und so ist es besonders bewegend, ihn noch mal als alten Mann in der Dokumentation zu sehen, wie er seine artistischen Tanzeinlagen von einst kommentiert. Von seiner irrwitzigen Solonummer „Make ‚em laugh“ berichtet er etwa, sie habe bereits bei der ersten Aufnahme geklappt. Daran kann man sich immer noch nicht satt sehen, wie er da die Wände hochläuft, auf dem Boden rotiert, eine Puppe zum Leben erweckt und sich dauernd selbst ein Bein stellt. In einer anderen Szene treibt er mit Gene Kelly einen Sprachlehrer zum Wahnsinn, indem sie ihm die Worte eines Zungenbrechers im Mund verdrehen. Dabei kann man auf der DVD besonders schön Original und Synchronisation vergleichen. Ursprünglich heißt es „Moses supposes his toeses are roses. But Moses supposes erroneously. Moses, he knowses, his toeses aren’t roses, as Moses supposes his toeses to be…“ und steigerte sich zwangsläufig zu dem Spruch „A rose is a rose is a rose“. So viel Sophistication war den Deutschen in den Fünfzigern nicht zuzutrauen, weswegen sie zu hören bekamen: „Molly und Polly, die rollen mit dem Roller, vor Moritz, dem Losen, errötend davon. Doch Moritz, der Böse, nimmt einfach ein Auto, und rollt über beide ganz frech dahin weg.“ Das war der Untertitelung später dann doch zu blöd, weshalb man dichtete: „Schnecken erschrecken, wenn sie an Schnecken schlecken, denn zum Schrecken vieler Schnecken, manchen Schnecken Schnecken nicht schmecken.“ Auch dort ist eine Rose dann natürlich keine Rose, sondern ein Schneck ein Schneck – oh Schreck!

Am spannendsten ist es, auf der Zusatz-Disc zu sehen, aus welchen Filmen die Songs ursprünglich stammten. Da sieht man dann plötzlich „The Hollywood Revue of 1929“, wo ein Mann namens Ukulele Ike, der später Jiminiy Cricket seine Stimme lieh, im Regenmantel unter einer traurigen Studiopalme sein Instrument bearbeitet und die berühmten Zeilen singt, während ein Dutzend Regenmänner und -frauen durch den Kulissenregen tanzen. Und man weiß: Selten war eine Kopie so viel besser als das Original.

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