25. Oktober 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Die Liebenden des Polarkreises

Das Schwarze im Auge

Traum einer weißen Nacht: Julio Medems wunderbarer Film DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES

Manche Filme wirken so, als seien sie geradewegs vom Himmel gefallen. Was andere Filme zu beschweren scheint, ist von ihnen abgefallen. Andere Gesetze scheinen darin zu herrschen, eine andere Luft, ein anderes Licht, so dass man sich fortwährend verwundert die Augen reiben möchte. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit erzählen sie, was sie zu erzählen haben, und die allerkompliziertesten Dinge scheinen plötzlich ganz einfach zu sein – oder umgekehrt. DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES ist so ein Film.

Natürlich sind DIE LIEBENDEN nicht vom Himmel gefallen, sondern schon der vierte Film des baskischen Regisseurs Julio Medem. Die Vorgänger VACAS – KÜHE und DAS ROTE EICHHÖRNCHEN waren hierzulande sogar schon vereinzelt zu sehen, und Gewährsleute versichern, sie seien kaum weniger beeindruckend.

Womöglich rührt also das Staunen auch einfach nur daher, dass ein spanischer Film, der sich bis zum Polarkreis vorwagt, überhaupt noch den Weg in unsere Kinos findet. Als seien für einen Moment die Schwerkräfte des Marktes aufgehoben.

Wenn man so will, dann ist Medem ein Verwandter von Tykwer und Kieslowski, deren Werk sich ebenfalls darum dreht, mit dem kinematografischen Spiel von Zufall und Notwendigkeit ernst zu machen. Wobei Medem in DIE LIEBENDEN vielleicht nicht radikaler, aber noch verspielter ist, indem er die Schraube des Schicksals immer noch weiter dreht, bis wirklich alles mit allem zusammenhängt. Und so wie Lola rennend die unbarmherzige Drehung dieser Schraube umzukehren versucht, so starrsinnig sitzt nun hier die Liebende vor ihrer Hütte an einem See und glaubt vor der am Horizont entlangstreichenden Mitternachtssonne, die Rückkehr ihres Geliebten aus dem Nichts erzwingen zu können – aber dazu müsste er buchstäblich vom Himmel fallen. Denn im Kino gilt: Nichts ist unmöglich.

DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES ist ein gigantisches Puzzlespiel, und am Anfang bekommt man zwei einzelne Stücke gezeigt, deren Platz im fertigen Puzzle noch völlig im Dunkeln ist. Diese zwei rätselhaften Bilder sind sozusagen die Auslöser dieses Reigens. Auf dem einen sieht man die Trümmer eines Flugzeugwracks in einem Schneesturm. Das andere zeigt die Spiegelung eines Männergesichtes in der riesenhaft geweiteten Pupille eines Frauenauges. Wenn die beiden Bilder am Ende wieder auftauchen, dann ist klar, dass keines der beiden das birgt, was man zunächst zu sehen glaubte, aber die Zwangsläufigkeit, mit der sie aufeinander zustreben, um am Ende zu einem tragischen Geschick zusammenzuschmelzen, treibt einem unweigerlich einen kalten Schauer über den Rücken. Es ist, als hätte man einen Blick in das Räderwerk getan, das den Lauf der Welt bestimmt.

Die aufgerissene Pupille muss man sich dabei vorstellen als schwarzes Loch, auf das diese Geschichte spiralförmig zustürzt, um sie auf immer in einem Punkt zu verschmelzen. Auf dieser Spirale kommen immer wieder gleiche Ereignisse auf verschiedenen Zeitebenen zur Deckung. So wiederholt sich die Geschichte des Fallschirmspringers, der in einem Baum hängen bleibt, und jene Momente, in denen ein Auto plötzlich bremsen muss und alle Insassen nach vorne gerissen werden – und fast hat man den Eindruck, als versuche das Schicksal, sie damit wachzurütteln, aus ihrem Traum zu wecken, den sie Leben nennen und der doch nur einen Wimpernschlag vom Tod entfernt liegt. Doch nur wer an den Zufall glaubt, kann das Schicksal bezwingen.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die Liebenden Otto und Ana heißen, zwei Namen, die man vorwärts wie rückwärts lesen kann. Man nennt das Palindrom, und wer den Film gesehen hat, wird den Ausdruck nicht mehr vergessen. Eine Schnittlinie geht wie ein Spiegel durch diese Namen – und natürlich auch durch die beiden Biografien. Wie Zwillinge sind Otto und Ana – und vielleicht ist das der Grund, warum sich ihre Liebe nicht erfüllen darf. 1980 begegnen sie sich als Kinder zum ersten Mal, und beide halten den Zufall sofort für Schicksal. Jedenfalls bringt einer der Papierflieger, die Otto daraufhin zur Mädchenschule hinüberwirft, ihre Elternteile zusammen, so dass sie fortan gemeinsam aufwachsen, wie Brüderchen und Schwesterchen.

Das alles spielt noch in Spanien und erinnert nicht zufällig an den magischen Realismus von Carlos Sauras verschlungenen Kinderwelten. Doch dann hebt der Film ab und begibt sich ins finnische Rovaniemi am Polarkreis, wo in den weißen Nächten die Sonne nie untergeht – und es wirkt wie ein Versuch, die drohende Nacht hinauszuzögern, den Lauf der Zeit aufzuhalten. Doch es kommt, wie es kommen muss – und es werden einem die Augen übergehen.

Auch im Kino wiederholen sich Geschichten. Es gab mal einen Film, da rannte die Liebende mit starrem Blick aufs Empire State Building ins Verderben. Er hieß DIE GRÖ?TE LIEBE MEINES LEBENS. Und genau davon erzählt DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES.

LOS AMANTES DEL CIRCULO POLAR, E 1999 – Regie und Buch: Julio Medem. Kamera: Kalo F. Berridi. Musik: Alberto Iglesias. Mit: Najwa Nimri, Fele Martinez, Nancho Novo, Maru Valdivielso, Beate Jensen, Joost Siedhoff. Movienet, 112 Minuten.

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