Fremder Freund

Es ist ja ein alter Hut, daß das deutsche Kino immer wieder mal mit der Forderung konfrontiert wird, es müsse sich auch einer irgendwie gearteten geschichtlichen Aufgabe stellen, müsse sich der Stoffe annehmen, welche gerade die deutsche Historie so überreichlich im Angebot hat. Wie man an GOOD BYE, LENIN! und dem WUNDER VON BERN sehen kann, ist das auf breiter Ebene erfolgreich umgesetzt worden, aber auch sonst scheint man hierzulande entschlossen, dem Beziehungstrallala die Stirn zu bieten und sich seinen Reim auf den Lauf der Zeit zu machen.

Elmar Fischer, der mit seinem Debüt FREMDER FREUND in diesem Jahr den Nachwuchspreis First Step Award gewonnen hat, hat zusammen mit dem Filmjournalisten Tobias Kniebe jene Meldung zum Ausgangspunkt seiner Geschichte gemacht, wonach einer der Attentäter des 11. September 2001 vor den Anschlägen in Hamburg-Harburg das geführt hat, was man leichthin ein ganz normales Leben nennt. Am meisten befremdete die Öffentlichkeit damals der Gedanke, daß jener Mann scheinbar integriert in unserer Gesellschaft leben konnte und trotzdem ihre Vernichtung herbeisehnte. Der Film fragt aber nicht, wie blind der Haß des Mannes gewesen sein muß, sondern eher, ob wir selbst blind waren. Oder wie es Regisseur Fischer formuliert: „Wie nah kann man sich sein, ohne fremd zu bleiben?“

Der Film erzählt, was der Titel nahelegt: Zwei Studenten, Chris aus Berlin (Antonio Wannek) und Yunes aus dem Jemen (Navid Akhavan), lernen sich in einem Gemüseladen kennen, ziehen zusammen, führen ihr Leben mit und ohne Freundinnen – dann ist Yunes plötzlich verschwunden, und nach den Anschlägen keimt in Chris der schreckliche Verdacht, sein Freund könne etwas mit ihnen zu tun haben. So macht er sich auf die Suche und stößt überall auf Zeichen, die er kaum zu deuten wagt, aus denen er aber doch seine Schlüsse zieht.

Einige Kritiker haben FREMDER FREUND vorgeworfen, er schüre Vorurteile, bestätige dumpfe Ressentiments; dabei geht es Fischer um etwas anderes. Die Arbeit am Film, erzählt er, sei stets unterlegt gewesen „mit den Fragen: Welchen Verdacht darf ich mir erlauben? Sind meine Zweifel legitim in einer Zeit, in der aus Vorurteilen Gesetze werden?“ Schon indem eindeutige Antworten verweigert werden, hält uns der Film einen Spiegel vor. Er schürt nicht die Paranoia, sondern bildet sie auf eine Weise ab, in der sich jeder selbst erkennen kann, der sich nach den Anschlägen schon mal dabei ertappt hat, wie er arabisch aussehende Mitreisende scheel gemustert und sich dann in Scherze geflüchtet hat. Ein Filmplakat von DER SCHMALE GRAT hängt in der Studentenbude – und das ist genau der Weg, den Fischer gewählt hat: Die Angst vor dem Absturz treibt ihn voran.

Schon die Tatsache, daß die Geschichte der Freundschaft nicht chronologisch erzählt wird, sondern in Rückblenden von ihrem Ende her, schärft den Blick, infiziert ihn mit den Schatten des Verdachts. Die Suche nach dem Verbleib des Freundes ist mit der Entwicklung der Freundschaft unterschnitten. Je mehr man über Yunes erfährt, desto größer gähnt das Loch, das sich beim Blick auf sein Verschwinden auftut. So erfährt man, wie sich Yunes einer „Islam-AG“ an der Uni anschließt, wie er von einem Heimaturlaub verändert zurückkehrt, wie er sich nach dem Bruch mit der Freundin (Mavie Hörbiger) immer weiter verhärtet und zurückzieht – und kann als Zuschauer an sich selbst beobachten, wie man stets geneigt ist, sein Verhalten fürs Ganze zu nehmen, seine Wesenszüge seiner Religion zuzuschreiben. Je voreiliger man dabei die Zeichen zu deuten versucht, desto stärker spürt man, auf welch schwankendem Boden man sich befindet.

Elmar Fischer hat es sich nicht leichtgemacht, aber er führt vor, wie man mit bescheidenen Mitteln einen Film drehen kann, der sich der Gegenwart stellt, ohne sich wie Max Färberböcks SEPTEMBER in Neurosen zu flüchten. Die Art und Weise, wie von der Freundschaft erzählt wird, das gemeinsame Essen, die durchredeten Nächte, die Ausflüge mit den Freundinnen, dieser Wechsel von Distanz und Nähe, das gräbt sich tiefer ein, als man im ersten Moment wahrhaben möchte. Oder wie es der Regisseur formuliert: „Diese Freundschaft findet ihre Heimat an einem Küchentisch, der zu klein ist für Geheimnisse. So scheint es. Und dennoch: Alles könnte anders sein, als man denkt.“ Das ist die Kunst von FREMDER FREUND: Er verhandelt den 11. September auf einer Fläche, die kaum größer ist als ein Küchentisch.

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12. Dezember 2003 von peter
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Schreibe einen Kommentar

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