20. Oktober 2001 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | The Fast and the Furious

Asphaltblüten

Männer, Mädchen, Motoren: "The Fast and the Furious" im Kino

Es gab eine Zeit im Kino, da dauerten bestimmte Filme etwa siebzig Minuten, damit man sie als Double Feature zeigen konnte: zwei Filme zum Preis von einem. Das waren die sogenannten B-Pictures, die aus ihrem Mangel an Ambition jede Menge Freiheiten bezogen.

Jahrzehnte später kam ein Produzenten-Duo namens Jerry Bruckheimer und Don Simpson, das dieselben Geschichten so aufmotzte, daß die Filme plötzlich zwei Stunden dauerten und ein Vielfaches kosteten: ein Film zum Preis von zweien. Das war die Geburt des neuen Hollywood aus dem Geist der B-Pictures. Das Zielpublikum waren weiterhin Halbwüchsige und andere Zweibeiner, die nicht erwachsen werden wollen.

THE FAST AND THE FURIOUS ist ein Film für solche Leute, und seinen Mangel an Ambition muß man fast schon wieder als Freiheit begreifen. Es geht um aufgemotzte Autos und alles, was dazugehört: quietschende Reifen, heulende Motoren und leichtbekleidete Mädchen. Ein Undercover-Jüngling (Paul Walker) versucht, einer Bande von Lastwagen-Knackern auf die Spur zu kommen, und landet bei einer Bande von zwanghaften Rasern, deren Träume sich in Pferdestärken bemessen lassen. Sie fahren ihre Rennen auf den nächtlich leeren Boulevards von L.A. oder auf Sandpisten in der Wüste, und dabei gilt, was in diesem Genre schon immer galt: …denn sie wissen nicht, was sie tun.

Diese Hobby-Automechaniker liegen nicht mehr ölverschmiert unter ihren Karosserien, sondern entwerfen ihre Motoren am Computer und nähren sich von einer Art Hightech-Fetischismus, der mehr mit Datenübertragung als mit Keilriemen zu tun hat. Das gilt vor allem für die Filmemacher, die sich in diesem Genre mehr als anderswo mit den Seherfahrungen an Spielkonsolen messen müssen. Computerspiele wie „Driver“ oder „Need for Speed“ haben die Herausforderungen für Autorennen und Verfolgungsjagden im Film erheblich erhöht. Regisseur Rob Cohen reagiert darauf, indem er das Filmmaterial und unsere Aufmerksamkeit bis zur Grenze der Belastbarkeit strapaziert. Wenn die Autos losjagen, dann scheinen die Bilder zu einem Gemisch von Farben, Lichtern und Unschärfen zu zerfallen, und wenn sie beschleunigen, dann schraubt sich die Kamera durch die Benzinleitungen bis ins Innere des Motors vor. Je kühner die Perspektiven und je schärfer die Bilder, die man am heimischen Computer bei Autorennen erleben kann, desto abstrakter und malerischer reagiert das Kino darauf, bis einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht.

Beim Drag Racing geht es um die zehn Sekunden, in denen man die Autos auf maximale Geschwindigkeit hochjagt – für einen Film bedeutet das, daß diese Augenblicke auf maximale Dauer gedehnt werden, und trotzdem noch eine Menge Zeit mit Handlung, Dialogen und ähnlich überflüssigem Schnickschnack gefüllt werden muß. THE FAST AND THE FURIOUS hat jedoch außer Motoren und Mädchen nichts im Kopf, aber nach Lage der Dinge muß man schon froh sein, wenn ein Film einfach nur hält, was sein Titel verspricht.

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