10. November 1999 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | George V. Higgins

Boston von unten

Krimi-Autor Higgins gestorben

Als Elmore Leonard mal gebeten wurde, seine zehn Lieblingskrimis aufzulisten, nannte er nur einen: „The Friends of Eddie Coyle” von George V. Higgins. Man kann sich leicht vorstellen, woher diese Verehrung rührte. Leonard hat von seinem Vorbild jenen Sinn für Dialoge, die ihre Lebendigkeit dem trockenen Humor und dem eingängigen Rhythmus verdanken. Als Higgins an der Boston University lehrte, zwang er seine Schüler, ihre Texte laut vorzulesen, um ihnen beizubringen, was Rhythmus ist.

30 Bücher hat George V. Higgins geschrieben, davon sind 26 Kriminalromane – und der berühmteste ist eben jener Roman über den kleinen Gauner Eddie Coyle, den alle Fingers nennen, weil man ihm nach einem verpatzten Waffengeschäft die Hand in die Schublade gesteckt und so gebrochen hat, dass seine Finger für immer gezeichnet waren. 1972 hatte Higgins diesen Roman für 2 000 Dollar verkauft – und danach seine 14 bis dahin unveröffentlichten Romanmanuskripte zeremoniell verbrannt. Ein Jahr später wurde der Roman von Peter Yates mit Robert Mitchum und Peter Boyle verfilmt.

Higgins schrieb weiter, einen Roman pro Jahr, keiner so erfolgreich wie der erste, aber alle auf demselben Niveau. Und Higgins schimpfte, die Unfähigkeit der amerikanischen Literaten rühre daher, dass sie überwiegend von College-Professoren geschrieben werde, die auf ihren fetten Hintern säßen und keine Ahnung von echten Leuten oder echter Arbeit hätten. Er selbst hatte als Reporter in Rhode Island angefangen, ging dann zu AP, wo er die Mafia-Prozesse verfolgte und feststellte, dass Anwälte stets besser angezogen sind als Zeitungsleute. Also ging er aufs Boston College, studierte Jura und wurde Staatsanwalt. So hat er das Verbrechen von allen Seiten kennen gelernt und sich dann seinen Reim darauf gemacht. Als echter Bostoner war er natürlich auch Red-Sox-Fan und hat über sein Baseball-Team auch ein Buch geschrieben. Gestern ist George V. Higgins im Alter von 59 Jahren in Massachussetts gestorben.

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