Steven Soderbergh

Für seinen ersten Film SEX, LÜGEN UND VIDEO hat er 1989 eine Goldene Palme gewonnen, vor wenigen Tagen nun einen Regie-Oscar für TRAFFIC – dazwischen lag ein langer, steiniger Weg als ein immer erfolgloserer Regisseur und Drehbuchautor, ehe Steven Soderbergh mit OUT OF SIGHT bewies, dass er auch intelligente Filme für ein großes Publikum machen kann.

SZ: Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihre Karriere verlaufen wäre, wenn Sie nicht den Auftrag für OUT OF SIGHT bekommen hätten
?
Steven Soderbergh: Schrecklicher Gedanke. Ganz anders. Ich würde wahrscheinlich immer noch Filme machen, die nur von sehr wenigen Leuten gesehen werden. Das war ein sehr wichtiger Sprung auf die andere Seite des Geschäftes, mit der ich noch nichts zu tun gehabt hatte – und die vor allem mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Nach SEX, LIES… wurde ich sehr umworben, aber diese Leute zogen sich dann nach und nach zurück. So lag also viel Druck auf mir, weil ich wusste, wenn ich das nicht hinkriege, habe ich echte Probleme.
SZ: Sie hätten ja trotzdem weiterhin Drehbücher schreiben können.
Soderbergh: Ich habe damit aufgehört, weil ich als Lohnschreiber nicht besonders gut bin und es außerdem als Qual empfinde. Die Drehbücher waren nicht fürchterlich, aber sie waren auch nicht inspiriert. Ein Schreiber in Hollywood zu sein, das ist wie die Ehefrau, die sich um die Kinder kümmern muss, während der Ehemann mit der Sekretärin flirtet. Kein toller Job. Ich hoffe allerdings, dass Scott Frank (OUT OF SIGHT), Lem Dobbs (THE LIMEY) oder Stephen Gaghan (TRAFFIC) mit mir eine andere Erfahrung gemacht haben.
SZ: Wie haben Sie vermieden, dass aus ERIN BROCKOVICH ein besseres TV-Movie of the Week wird?
Soderbergh: Das hätte bei diesem Stoff tatsächlich leicht passieren können. Ich habe aber meinem Instinkt vertraut und habe überlegt, bei welchen Szenen ich die Augen verdrehen würde, wenn ich im Publikum säße.
SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?
Soderbergh: Im TV-Movie gäbe es eine große Gerichtsszene am Schluss, wo das Urteil verlesen würde und die Leute ihre Fäuste emporrecken. So etwas kann ich nicht. Meine Lösung war die Szene auf der Veranda, wo Erin der Frau erzählt, dass sie gewonnen haben und wieviel Schmerzensgeld sie bekommt. Das ist für mich der indirekte Weg, mit so einer Szene umzugehen. Es wäre wirklich leicht gewesen, eine schlechte Version dieses Films zu drehen. Und ich hatte schon das Gefühl, mich sehr anstrengen zu müssen, auf diesem schmalen Grat zu bleiben, ohne ins Überdeutliche abzurutschen.
SZ: Was sagen die Kameramänner, dass Sie bei TRAFFIC selbst hinter der Kamera standen und danach verkündet haben, sie würden nie wieder mit einem Kameramann drehen?
Soderbergh: Von denen kriege ich sicher keinen Preis. Aber ich nehme das keineswegs auf die leichte Schulter. Immerhin drehe ich meine eigenen Sachen, seit ich 13 Jahre alt war. Ich habe eine Ausbildung als Fotograf und kann in der Dunkelkammer arbeiten. Ich habe das ja nicht gemacht, weil ich partout den Credit als Kameramann wollte. Ich habe auf dieses Ziel hingearbeitet, habe von jeher alle erhältlichen Fachzeitschriften gelesen und meinen Kameraleuten sehr genau zugesehen. Dafür, dass ich schneller arbeiten kann und mich dem Film näher fühle, nehme ich auch in Kauf, dass ich nicht unbedingt ein Weltklassekameramann bin. Das ist es wert. Ich finde aber nicht, dass das andere Regisseure unbedingt nachmachen sollten.
SZ: Was würden Sie machen, wenn Ihre Tochter Drogen nähme? Haben Sie aus der Beschäftigung mit dem Thema irgendwelche Schlüsse gezogen?
Soderbergh: Ich hoffe, sie wartet damit so lange wie möglich. Es ist ein großer Unterschied, ob man als Teenager oder als Twen Sachen ausprobiert. Wenn man 23 ist, hat man ein anderes Bewusstsein dafür, was auf dem Spiel steht, als mit 13, wenn man sich noch für unsterblich hält. Und: „Was immer du tust, steige niemals in einen Wagen. Ruf mich an, wo und wann auch immer, ich stelle auch keine Fragen – aber so sterben Leute.” Teenager- Jahre sind keine gute Zeit, um mit so etwas Mächtigem wie Drogen herumzumachen. Man weiß noch nicht, wer man ist, was man tun will, oder wo man hingehört. Und Drogen können dir vorspiegeln, du wüsstest es doch, und dich aus der Bahn werfen. Also: Warten, warten, warten. Und bleib weg von harten Drogen. Es gibt einen Unterschied zwischen Coke und Pot.
SZ: Kann man den Krieg gegen Drogen je gewinnen?
Soderbergh: Nein, niemals. Selbst fortschrittliche Politik kann das Problem nicht aus der Welt schaffen. Leute werden immer Drogen probieren, weil es in der menschlichen Natur liegt, von Zeit zu Zeit das Bewusstsein zu verändern. Aber die amerikanische Politik ist momentan so auf bestimmte Bevölkerungsschichten ausgerichtet, dass es eine Menge Raum für Verbesserungen gibt.

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05. April 2001 von marieundtom
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