14. September 2000 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Andreas Kilb

Unser Mann am Lido

Andreas Kilb als Juror in Venedig

Es waren dieses Jahr in Venedig zwar keine deutschen Filme im Wettbewerb vertreten, dafür saß in der Wettbewerbsjury ein Deutscher, der Filmkritiker Andreas Kilb. Von 1987 an war Kilb, Jahrgang 1961, Filmredakteur der Zeit , ehe er für das Wochenblatt für ein Jahr nach Los Angeles ging. Mittlerweile ist er zurückgekehrt und für die FAZ nach Berlin gegangen. Mit dem Kollegen Kilb sprach Michael Althen.

SZ: In der Jury saßen Leute wie Milos Forman, Claude Chabrol und Jennifer Jason Leigh – sind Sie irgendjemandem näher gekommen?
Kilb: Man hat sich ja nur zweimal richtig getroffen, montags mittendrin, und dann nochmal freitags zur Schlussabstimmung. Aber es war eine tolle Jury, und ich hatte zwei wunderbare Tage. Und es war eine besondere Freude, mit Claude Chabrol in der Jury zu sitzen und zu diskutieren. Man hat seinen individuellen Blick wirklich in jedem seiner Statements gesehen. Was er mochte oder nicht mochte, passte zwar zu dem, was man von ihm erwartet, aber es war immer wieder ein Genuss zu sehen, wie brillant er das vortragen kann.
SZ: Reichten denn die zwei Sitzungen?
Kilb: Ja, weil das Programm in diesem Jahr so war, dass man nicht über jeden einzelnen Film eine halbe Stunde reden musste. Es war eher das Problem, dass es im Wettbewerb keinen einzigen herausragenden Film gab. Es gab aber dann recht schnell zwei Filme, die jedes der Mitglieder gut fand.
SZ: Die Filme DAYEREH von Jafar Panahi und BEFORE NIGHT FALLS von Julian Schnabel…
Kilb: Die Tatsache, dass der iranische Film den ersten Preis gewonnen hat, reflektiert eigentlich eher den Willen der Jury, auch ein Filmland auszuzeichnen, als eine unbedingte Präferenz für diesen Film gegenüber dem von Schnabel. „Dayereh” war auch auf eine politische Weise wichtig. Er reflektiert die Tatsache, dass das wichtige Kino heute aus Ländern kommt, wo nicht nur kulturell, sondern auch politisch und im Sinn der Menschheit etwas auf dem Spiel steht.
SZ: Haben Sie denn eine Erklärung, warum die beiden deutschen Filme nicht im Wettbewerb gelaufen sind?
Kilb: Die beiden deutschen Filme, die ich hier gesehen habe, hätten ohne weiteres im Wettbewerb laufen können, aber es ist nicht meine Aufgabe, über die Entscheidungen der Auswahlkommission zu urteilen. Sie hätten aus dem Grund laufen können, weil sie nicht so schlecht waren, dass sie aufgrund irgendwelcher Fehler hätten ausgeschlossen werden müssen. Im übrigen finde ich, dass das deutsche Kino dem italienischen sehr ähnlich ist: Das Tastende, das Unsichere in der Auswahl der Sujets, die Unfähigkeit, mit sicherem Griff Genregeschichten zu erfinden und zu inszenieren, dieses gewollt Poetische, ist für beide Kinos typisch.
SZ: Würden Sie denn sagen, dass Sie als Juror einen anderen Blick auf die Filme geworfen haben als sonst?
Kilb: Ja, ich habe öfter versucht, das halbvolle Glas zu sehen anstatt das halbleere. Als Kritiker sieht man noch ein paar Filme mehr und wird vielleicht ungeduldiger. Man erwartet noch inbrünstiger den wirklich guten Film, weil man etwas haben will, worüber man reden und schreiben kann. Je mehr man schreiben muss, desto erbitterter erwartet man vielleicht den gelungenen Film und desto schlechter gelaunt schaut man auf die weniger gelungenen.

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