04. September 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 2000 (3)

Was die Krieger kriegen

Filmfestspiele in Venedig: Altman, Chabrol, Kitano und Zemeckis – besser sind die deutschen Filme

Wenn ein Regisseur so berühmt ist, dass seine Filme quasi konkurrenzlos sind, dann läuft er außer Konkurrenz – wie Claude Chabrols „Merci por le chocolat” oder Takeshi Kitanos „Brother”. Wenn ein Regisseur so erfolgreich ist, dass seine Filme nicht mehr unter Kunstverdacht fallen, dann läuft er in der Reihe „Träume und Visionen” nach Mitternacht – wie Robert Zemeckis’ „What Lies Beneath” oder wie Tom Tykwers „Der Krieger und die Kaiserin”. Und wenn ein Regisseur berühmt ist, sein Film aber womöglich nicht so erfolgreich sein wird, wie das alle gerne hätten, dann wird er doch im Wettbewerb gezeigt – wie Robert Altmans „Dr. T and the Women”. Man sieht daran, dass die Auswahl in Venedig – wie in Berlin und Cannes auch – völlig unbegreiflich ist, und man am besten nicht weiter darüber nachdenkt.

Wenn man aber sieht, dass ein spannender und gewagter Film wie der von Tykwer nicht im Wettbewerb läuft, so ein öder und ärgerlicher Film wie der von Altman schon, dann kann man einen gewissen Unmut nicht verhehlen. Dass „Dr. T and the Women” misslungen ist, stimmt weniger verdrießlich als die Durchsichtigkeit der Auswahlkriterien. Der Film ist so offensichtlich missraten, dass völlig klar ist, dass allein Richard Geres Anwesenheit für die Wettbewerbsteilnahme verantwortlich ist. Wenn der Mann am Lido auftaucht, schreit die Menge – darum geht es. Und wahrscheinlich wäre es auch blauäugig, von einem Festival irgendetwas anderes zu erwarten.

Gere spielt also Dr. T, einen Frauenarzt in Texas, der für seine Frau, seine beiden Töchter und seine zahllosen Patientinnen der Traum von einem Mann, Vater, Arzt ist. Es hilft aber nichts, weil die Frau überschnappt, die Töchter blöde Ziegen und die Patientinnen überspannt sind. Das Ganze soll eine Art Komödie sein – und natürlich wie stets bei Altman auch eine Art Gesellschaftskritik –, aber das Ding ist weder witzig noch kritisch, sondern einfach nur selbstgefällig. Bonbonfarbene neureiche Luxusweibchen (allen voran Farrah Fawcett und Laura Dern) konkurrieren mit ihren Neurosen, und Helen Hunt spielt die einzige Frau, die alle Tassen im Schrank hat. Schon immer bestand Altmans Methode darin, einem Milieu so lange bei seinem Treiben zuzusehen, bis seine Unarten zutage treten – diesmal führt die Überspitzung zu nichts, weil alles von der ersten Einstellung an bereits restlos überspitzt ist. Der Film bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle: ein trostloser Tiefpunkt eines Regisseurs, der von jeher bemerkenswert unbeständig war.

Im Grunde kann man das auch von Claude Chabrol behaupten, dessen Filme immer wieder mal von geradezu mutwilligem Desinteresse angekränkelt schienen. Und auch der Franzose ist ein Mann, der immer wieder bestimmte Milieus vorzieht, deren Unsitten er lustvoll und minutiös herausarbeitet. Das besitzt nicht immer die gleiche Tragweite, und manchmal sind die Filme wie „Merci pour le chocolat” auch nur Petitessen, aber sie sind doch stets mit einem blitzenden Vergnügen an der Manipulation inszeniert. Hier spielt Isabelle Huppert eine Schokoladenfabrik-Erbin, die ihre Intrigen so fein spinnt wie die spinnennetzartige Decke, an der sie abends häkelt. Am Ende liegt sie zusammengerollt wie ein gefangenes Insekt auf der eigenen Decke. Mit so offensichtlichen Bildern zeigt Chabrol augenzwinkernd, wer seine Lehrmeister sind – aber sein Film ist auch nicht mehr als ein Schmunzeln.

Bei Robert Zemeckis wird die schmunzelnde Verbeugung vor den Lehrmeistern geradezu zum Zähnefletschen. In seinem Hitchcock-Thriller „What Lies Beneath” mit Harrison Ford und Michelle Pfeiffer nimmt er lustvoll alle Thriller-Motive durch, beginnend mit „Rear Window”, den er ganz ungeniert kopiert, um damit die Zuschauer an der Nase herumzuführen. Und schon der Titel verweist darauf, dass den Oberflächen nicht zu trauen ist – und alles Sichtbare ohnehin nur Ausdruck des Unsichtbaren.

Takeshi Kitano, der hier mit „Hana-Bi” schon einmal gewonnen hat, hätte vielleicht genau damit sein Spiel treiben können, weil er in „Brother” von einem Yakuza erzählt, der nach Amerika kommt und dort sehr schnell ein kleines Imperium aufbaut. Aber Kitano ist am Clash der Kulturen nur am Rande interessiert, verlässt sich lieber auf sein Image als schweigsamer, unberechenbarer Gewalttäter und zieht eine Geschichte von Aufstieg und Fall auf, die im selben Maße zu klein wie groß ist. Allzu oft muss man die Dinge, über die er sich lustig macht, ernst nehmen – und dabei hat man den Eindruck, jemandem dabei zuzusehen, wie er unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Und plötzlich ist man in der seltenen Situation, mitten im Wettbewerb auf die Frage, welche Filme am meisten überzeugt haben, nur die deutschen Beiträge nennen zu können. „Der Krieger und die Kaiserin” und „Die innere Sicherheit” sind so unterschiedlich, wie Filme nur sein können, und doch sind sie an ihren unterschiedlichen Enden des Spektrums so spannend wie nichts anderes hier. Es ist also vollkommen unverständlich, dass sie nicht im Wettbewerb laufen. Tom Tykwers Film ist großes Kino, das sich erst wie „Winterschläfer” in seine Figuren hineinschraubt und ihnen dann wie in „Lola rennt” Flügel verleiht. Wie sich Tykwer Filmgeschichte einverleibt und damit die deutschen Verhältnisse zum Tanzen bringt, ist immer noch ein Phänomen. Eine Krankenschwester aus einer psychiatrischen Anstalt (Franka Potente) gerät unter die Räder eines Lasters und wird unter dem Wagen mit einem Luftröhrenschnitt von einem Mann (Benno Fürmann) gerettet, der mit dem Leben abgeschlossen hat, seit er seine Frau verloren hat. Und als sie wieder auf den Beinen ist, sucht sie diesen Mann und vermutet ihn ihm die Liebe ihres Lebens – aber er will davon nichts wissen.

Das weist wieder jene Verkettung von Zufall und Notwendigkeit auf, die auch „Lola” schon befeuert hat, aber es besitzt auch eine Beherztheit, bei der die Leute für ihre Träume wirklich bezahlen müssen. Und es gibt darin Blicke auf Wuppertal, die daraus eine echte Märchenlandschaft machen, und eine Überblendung von einem traurigen Mädchengesicht auf den Sternenhimmel, der einem die Augen übergehen lässt.

Christian Petzolds „Die innere Sicherheit” ist ungleich nüchterner – und doch eine ähnliche Überraschung. Es geht um Terroristen (Richy Müller und Barbara Auer), die seit mehr als zwanzig Jahren untergetaucht sind und mit ihrer halbwüchsigen Tochter (Julia Hummer – unter anderen Umständen wohl eine sichere Kandidatin für den Darstellerinnenpreis) auf der Flucht leben. Das beginnt in Portugal, wo ihnen die verbliebenen Ersparnisse gestohlen werden, woraufhin sie nach Deutschland zurück müssen, um wieder an Geld zu kommen, sei es durch alte Verstecke oder ehemalige Sympathisanten.

Der Film erinnert an Sidney Lumets „Flucht ins Ungewisse” und Philippe Garrels „Vent de la nuit” und hat doch etwas eigenes: Wie hier die Normalität des Familienlebens und die Ungewöhnlichkeit der Umstände gegeneinander gesetzt werden, ist schon aufregend. Und natürlich lebt der ganze Film davon, wie die ganz gegenwärtigen Träume des Mädchens konfrontiert werden mit den verblassten Utopien der Eltern.

Ähnlich packend wie die beiden Deutschen hat in Venedig niemand sonst von der Wirklichkeit und von den Träumen erzählt. Wenn das mal kein Wunder ist . . .

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