13. Februar 2001 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 2001 (6)

Wir sind auch wer!

Deutsche Filmproduzenten gründen die Interessengemeinschaft „Film 20” und wollen künftig öfter auf den Tisch hauen

Es ist nicht so einfach mit dem deutschen Film, denn alles hängt irgendwie mit allem zusammen. So stellte die Journalistin Georgia Tornow im Kaminzimmer des Hotel Adlon die Mitglieder der Produzenten-Initiative „Film 20” vor und schob dabei Bernd Eichinger die Filme SCHTONK! und ROSSINI unter, die er nur verliehen, nicht aber produziert hat, und auch Rainer Kölmel von der Kinowelt AG wollte sich nicht mit Filmen schmücken, die lediglich in seiner Verleihstaffel auftauchen. Diese Fehlinformationen habe sie aus dem Internet gehabt, entschuldigte sich Tornow, sie werde es schon noch lernen. Muss sie auch, denn sie ist die Generalsekretärin dieses Zusammenschlusses deutscher Filmproduzenten, die im letzten Jahr zusammen für „70 Prozent des gesamten fiktionalen Programms für Kino und Fernsehen” verantwortlich waren. Den Titel Präsidentin wies die ehemalige Chefredakteurin von „taz“ und „Berliner Zeitung“ fürs erste noch zurück.

Da saß also der Vorstand der Initiative – neben Eichinger und Kölmel sind das Stefan Arndt von X-Filme, Wolf Bauer von der ufa, Ulrich Felsberg von Das Werk/Road Movies und Hubertus Meyer-Burckhardt von Multimedia-Film –, und alle zusammen wirkten mächtig entschlossen, auch wenn nicht hundertprozentig klar wurde, wozu. Klar ist, dass sich diese Truppe führender Produzenten irgendwie falsch verstanden und behandelt fühlt – Ersteres von der Öffentlichkeit, Letzteres von den Sendeanstalten. Warum? Ulrich Felsberg sagt, die Diskussion über die Neugestaltung des Urheberrechts habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Alle möglichen Menschen sollten darin berücksichtigt werden, nur der Produzent nicht als Urheber wahr genommen. Und Wolf Bauer fügt hinzu, man werde behandelt wie die Zulieferer in der Automobilindustrie. Es müssten also von den Sendern Entwicklung und Produktionsrisiko vergütet und Mehrfachverwertung abgegolten werden. Und es müsse Schluss sein mit dem Gerede von der Abschaffung der Filmförderung: „Denn die Rentabilitätsrechnung für den einzelnen Film hat sich nicht verändert – betriebswirtschaftliche Rechnungen wirft auch ein Börsengang nicht über den Haufen. ”

Man wolle kein neuer Verein oder Verband sein (Felsberg), wolle auch niemandem Konkurrenz machen (Eichinger), sondern eine Stimme, eine schnelle Eingreiftruppe, eine ‚pressure group‘ haben. Druck zu machen, das hat der deutsche Film auch dringend nötig. Dass es ein Skandal ist, dass kein „genuin deutscher Film” im Wettbewerb der Berlinale läuft, darüber waren sich alle einig. Selbst Eichinger, dessen Constantin-Film den Eröffnungsbeitrag DUELL – ENEMY AT THE GATES verleiht, gab zu, dass Jean-Jacques Annauds Film wegen der finanziellen Beteiligung zwar für die Ämter ein deutscher Film sein mag, aber sicher nicht das, was „Film 20” meint, wenn sie vom deutschen Film reden.

Wenn in Deutschland so viel Geld für einen Film ausgegeben werde, dann helfe das zwar auf lange Sicht der Professionalisierung der Branche, weil sie Anschauungsunterricht bekommt, wie man in diesen Größenordnungen arbeitet, aber nicht dem deutschen Film, was die Kreativität angeht. Man wird sehen, wie viel Druck die Interessengemeinschaft auf den neuen Berlinale-Chef Dieter Kosslick wird ausüben können, wenn es nächstes Jahr darum geht, wie viele und welche deutschen Filme in den Wettbewerb kommen – zumal dann die Mitglieder der Truppe in dieser Sache auch wieder Konkurrenten sind. Stefan Arndt versprach jedenfalls für die Zukunft mehr Transparenz in Sachen Wettbewerbsbeteiligung: „Warum sagen wir seit Jahren, dass ein Film nicht fertig geworden ist, wenn er in Wirklichkeit abgelehnt worden ist?”

Sicher ist, dass die Präsenz des deutschen Films auf einem Festival wie der Berlinale unerlässlich ist, wenn man ihm weltweite Aufmerksamkeit verschaffen will. Selbst aus einem Scheitern ist noch mehr Nutzen zu ziehen als aus der völligen Absenz. Da wird man natürlich in Kosslick, der von der NRW-Förderung kommt, eher einen Mitstreiter finden als in Moritz de Hadeln, der im Grunde über die Nichtbeachtung von Oskar Roehlers Film DIE UNBERÜHRBARE gestolpert ist und wahrscheinlich schon aus Trotz das deutsche Kino übergangen hat.

Es wird sicher nicht schaden, wenn sich Leute zusammentun, um gegebenenfalls auf den Tisch zu hauen. Wie weit ihre Stimme – und vor allem ihre Solidarität – reicht, wird sich noch herausstellen. Ob allerdings die Pressekonferenz im Adlon, wie Eichinger meint, ein Zeichen setzen wird wie vor 40 Jahren das Manifest von Oberhausen, das darf bezweifelt werden. Denn Produzenten mögen zwar vielleicht kreativ sein, aber so kreativ dann doch auch wieder nicht.

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