28. November 1984 | Süddeutsche Zeitung | Photographie, Rezension | Photographie München

Eine grausige Szenerie: totes Fleisch und Blut auf weißen Kitteln, aufgerissene Leiber und Hände im kraftvollen Zugriff. Die 14 Schlachthof-Photos, mit denen Regina Schmeken den diesjährigen Münchner Förderpreis der Sparte Photo/Video gewann, lassen ihr Thema weit hinter sich. Kein geschlachteter Ochse, wie ihn Rembrandt malte, kein Reportage-Realismus, sondern kunstvoll und künstlich in Szene gesetzte, assoziative Photos. Sie stellen die naheliegende Verbindung zwischen Fleisch und Sexualität her und scheuen auch das Eindeutige nicht: Ein Schlachter beugt sich wie kopulierend über einen Tierleib, zwei andere bilden mit ihren Rinderhälften eine Vagina.

Regina Schmekens Bilder haben sich von der Realität der Schlachthöfe gelöst, zugunsten einer geradezu mystischen Körperlichkeit. Männer, die sich, umhüllt von sakraler Finsternis, toter Leiber bemächtigen. Die Kreatur, gefangen in auswegloser Perversion. Die vollkommene Lesbarkeit einer Szene, schrieb einmal der französische Semiotiker Roland Barthes, verhindere beim Betrachter eine Verwirrung der Gefühle.

Im Gegensatz dazu steht der Humanismus der Porträts von Walter Schels. Seine Photos prominenter Künstler lassen sich als Variation eines Mottos von Max Frisch betrachten: Was kann ich photographierend unter Kunstzwang über das Wesen eines Künstlers erfahren? Andy Warhols Gesicht ist zur Fratze erstarrt, energisches Kinn und eisiger Blick verraten den cleveren Kunstvermarkter. Der Schauspieler Heinz Rühmann hingegen wirkt fast mitlelderregend. Er, dessen Beruf die Maskerade ist, erscheint bar jeder Maske erschütternd nackt.

In Dieter Hinrichs Bildern einer China-Reise steht anstelle der künstlerischen Inszenierung die Neugier des Fremden. Spontane „Augenblicke“ einer Faszination von fremden Zeichen und Körpern. Kein Versuch, einen chinesischen Blick nachzuahmen, dessen Sehen von moralischen Ordnungen bestimmt wäre.

Klaus Kinolds Arbeiten sind Panorama-Bilder in Cinemascope-Format. Er lenkt den Blick des Betrachters, indem er sich dessen Lesegewohnheiten zunutze macht. Linien, die man wie Zeilen von links nach rechts „liest“, durchziehen seine Landschafts- und Städteaufnahmen. Das Auge folgt einem Zaun, einem Flußufer, dem Horizont oder einem Kabel.

Die Ausstellung wird vervollständigt durch Hermann Hugo, dessen Stilleben aus Dingen des Alltags Kunstobjekte machen, sowie Waltraud Krase, die photographierend ein Monument der Postmoderne, die Stuttgarter Neue Staatsgalerie interpretierte. Sechs Photographen, lediglich verbunden durch ihre Zugehörigkeit zu München und das Schwarzweiß ihrer Arbeiten. (Bis zum 2. 12. im Stadtmuseum)

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