15. Mai 1995 | Focus Magazin | Porträt | Johnny Depp

DER KINOHEILIGE

Demnächst mit drei Filmen im Kino: Johnny Depp, ein Schauspieler von der aussterbenden Gattung der Träumer

Seine Art von Schönheit findet man sonst nur bei Heiligen oder Stummfilmstars. Bei Leuten jedenfalls, die keine Worte brauchen, um ihre Botschaften zu verkünden. Bei denen ein Blick genügt, um dem Betrachter klarzumachen, daß sie ein Leben führen, das sehr wahrscheinlich nicht von dieser Welt ist.

Johnny Depp würde so einen Vergleich vermutlich weit von sich weisen. Schließlich hält er sich etwas darauf zugute, im Unterschied zu vielen seiner Kollegen mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen.

Er besitzt jene Art hohlwangiger, glutäugiger Schönheit, die man nicht in jedem kalifornischen Straßencafé findet, und wie viele schöne Menschen tut er alles, um von seinen äußeren Vorzügen abzulenken.

Deshalb treibt er Schindluder mit seinem Aussehen und unternimmt alles mögliche, um es sozusagen durch den Schmutz zu ziehen.

Er trägt die Haare lang und oft auch fettig, raucht wie ein Schlot, hat tiefe Ringe unter den Augen und wurde schon mal zum schlechtest angezogenen Mann Hollywoods gewählt. Was er natürlich als Auszeichnung empfindet und als Beweis dafür, daß er im Kampf gegen sein Image als Schönling wieder Punkte gutgemacht hat. Es ist eben nicht leicht, ein junger Gott zu sein.

Die harte Schule des Starrummels hat Depp früh hinter sich gebracht. Als Undercover-Cop in der Fernsehserie „21 Jump Street“ wurde er ein Teen-Idol mit allem, was dazugehört: hysterische Mädchen und gähnende Langeweile.

Für die meisten ist nach so einer Rolle die Karriere als ernsthafter Schauspieler schon vorbei, ehe sie überhaupt angefangen hat. Für Depp ging es danach erst richtig los: Er wußte fortan, was er nicht wollte.

Sein klügster Schachzug war vermutlich der, daß er nicht schon in seiner ersten Filmrolle versuchte, seinem Image zu entfliehen, sondern es ganz im Gegenteil ins beinahe Lächerliche überspitzte.

In „Cry Baby“ von John Waters spielte er den unwiderstehlichen Lover, dem fortwährend das Herz zu bluten schien. Damit hatte er diesen Teil seiner Karriere, in dem den Erwartungen entsprochen werden muß, hinter sich gebracht. Von da an machte er nur noch, was er wollte. Er war „Edward mit den Scherenhänden“ und „Gilbert Grape“, spielte in „Benny & Joon“ und „Arizona Dream“.

Lauter wunderbare Filme, die nach amerikanischen Begriffen vor allem eins gemeinsam hatten: Das wirklich große Publikum bekam sie nie zu Gesicht.

Da das vielen Schauspielern genauso geht, wäre daran auch nichts weiter bemerkenswert, wenn Depp nicht zur gleichen Zeit die Hauptrollen in späteren Erfolgen wie „Speed“, in „Interview mit einem Vampir“ und „Dracula“ angeboten worden wären.

Er hat sie nicht nur ausgeschlagen, sondern das auch keine Minute lang bereut. Von solchem Eigensinn können die meisten seiner Kollegen in Hollywood nur träumen.

Sein Marktwert könnte also längst höher liegen, aber Johnny Depp hat keine Lust, den Preis dafür zu zahlen. Er scheint ihm auch so schon hoch genug: „Ich stehe vor einem Pinkelbecken mit meinem Ding in der Hand, da kommt irgend so ein Typ her und fragt mich: Hey, wie läuft´s mit dir und Winona?- Das bringt der Ruhm eben so mit sich. Aber in einer öffentlichen Toilette . . .?!“

Wenn schon seine Filme ihn nicht in die Schlagzeilen gebracht haben, so hat sein Privatleben dafür gesorgt, daß die Öffentlichkeit etwas über ihn zu lesen hatte.

Über seine Beziehung zu der Schauspielerin Winona Ryder, die ihm eine Tätowierung „Winona Forever“ und einen nach ihm benannten Planeten eingebracht hat.

Über seine gelegentlichen Wutausbrüche, bei denen er Hoteleinrichtungen zertrümmert. Über seine Besitzanteile am „Viper Room“, vor dessen Türen sein Altersgenosse River Phoenix im Drogendelirium gestorben ist. Oder über seine Beziehung zu Calvin Kleins Supermodel Kate Moss, die ihr Image als Schmuddelkind genauso pflegt wie er. Aber das ist immer nur die eine Seite seiner Existenz.

Auf der anderen kann man einen Mann erleben, der als Schauspieler zu einem der interessantesten Gesichter des modernen Kinos gereift ist. Und in nächster Zeit kommen gleich drei Filme mit ihm in die Kinos, von denen einer besser als der andere ist.

Zwei von ihnen, „Ed Wood“ von Tim Burton (deutscher Kinostart: 6. Juli) und „Dead Man“ (Start: 23. November) von Jim Jarmusch, laufen schon beim Filmfestival in Cannes, das am 17. Mai beginnt – letzterer als Weltpremiere.

Darüber hinaus verbindet die Filme von Burton und Jarmusch eines: Beide sind in Schwarzweiß gedreht – mit erstklassigen Kameramännern. Für Burton hat Stefan Czapsky fotografiert und für Jarmusch Robby Müller, der unter Wim Wenders Weltruhm erlangt hat.

Wer dann immer noch Lust auf Johnny Depp hat, und spätestens nach diesen beiden Filmen wird er sie bekommen, der kann ab 10. August noch Jeremy Levens „Don Juan“ in unseren Kinos sehen. In „Ed Wood“ und „Don Juan“ spielt er junge Männer, die sich durch nichts davon abbringen lassen, zu dem zu werden, was sie sich erträumen – ein großer Regisseur im einen, ein noch größerer Liebhaber im anderen Fall -, am allerwenigsten durch die Realität.

Den Regisseur Ed Wood hat es wirklich gegeben, und die Filmgeschichte hat ihn mehrfach zum schlechtesten Regisseur aller Zeiten gekrönt. Aber so wie Johnny Depp ihn spielt, bekommt er durch die Art, wie er allen Widrigkeiten zum Trotz an seinem Traum festhält, eine ganz eigene Würde – vielleicht weil Depp die Figur Ed Wood im Kopf nach seinen eigenen Vorstellungen erst zusammenbasteln mußte: Außer einem Auftritt in Woods Filmdebüt „Glen und Glenda“ (1952) sowie einigen stummen Szenen, die seine Arbeit als Regisseur dokumentieren, gibt es nur schriftliches Material über ihn.

Auch seinen Don Juan läßt Depp so lange starrsinnig seinem Größenwahn nachhängen, bis nicht nur sein Co-Star Marlon Brando, sondern auch die Zuschauer ihm abnehmen, daß er der größte Liebhaber aller Zeiten ist. Das Leben ist, was man daraus macht.

Johnny Depp mag vielleicht im wirklichen Leben den Rebellen herauskehren, um sich immer wieder seiner selbst zu versichern, aber im Kino gehört er längst zu jener aussterbenden Gattung von Schauspielern, zu der auch Buster Keaton oder James Stewart zählten: Träumer, denen es wie im Schlaf gelingt, die Zuschauer auf ihre Reise mitzunehmen und ihnen die Welt mit anderen Augen zu zeigen. Sie sind die wahren Heiligen des Kinos.

Im Kampf gegen sein Image als Schönling treibt Johnny Depp Schindluder mit seinem Aussehen.

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