11. März 1999 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Caroline Link

Diesseits von Afrika

Zwischen Oscar und Erich: Interview mit Caroline Link

SZ: Letztes Jahr um diese Zeit waren Sie mit JENSEITS DER STILLE für den Oscar nominiert. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn sie daran zurückdenken?
Caroline Link: Daß ich die teuren, mir zur Verfügung gestellten Ohrringe in der Limousine verloren habe. Was alles andere angeht, so bin ich merkwürdig nüchtern in Momenten, wo Leute von mir erwarten, daß ich was besonderes empfinden soll. Das sind eher so Plastikgefühle, wenn bei der Verleihung in den Werbepausen alle rausspringen und aus Pappbechern ihre Drinks trinken – da stellt sich keine Feierlichkeit ein. Bei der Vorführung von PÜNKTCHEN UND ANTON auf der Berlinale war ich viel nervöser. Da hatte ich das Gefühl, auf ganz dünnem Eis zu sein – und als der Applaus losbrach, fiel mir ein Fels vom Herzen.
Man hat in Ihrem neuen Film oft den Eindruck, daß Sie sich für Momente abseits der Geschichte viel mehr interessieren als für Kästners Vorlage.

In PÜNKTCHEN UND ANTON passiert ja auch nicht viel. Daß man deshalb Zeit hat, mal hier entlang und mal da entlang zu erzählen, liegt mir schon. Aber das ist auch eine Qualität von Kästner, daß es um nicht mehr und weniger geht als um den Alltag der Kinder und ihre Stellung in diesem kleinen Gefüge. Und ich teile auch seine Ansicht, daß man keine Raumschiffe und Aliens braucht, um Kinder zu unterhalten und zu berühren, sondern daß es genügt, daß man sie ernst nimmt mit ihren Problemen. Er erzählt von Themen, die Kindern weh tun, aber er verpackt das in so einen Optimismus, daß Kinder mit dem Gefühl nach Hause gehen: „Ich kann meine Welt verändern. Ich kann was dazu beitragen, daß die Eltern die Augen öffnen und die Dinge sich positiv entwickeln. ” Natürlich ist das ein Märchen – aber wem, wenn nicht Kindern, soll man das erzählen dürfen.
Und was hat Kästner Erwachsenen zu bieten?
Viele Leute haben ein Bild von Kästner im Kopf und wie eine Verfilmung auszusehen hat, aber das hat gar nicht wirklich was mit dem Buch zu tun. Denn wenn man heute die Bücher liest, ist bei aller Liebe zu Kästner manchmal etwas wenig drin. Es ist nicht unbedingt so, daß er die harte Realität gezeigt hätte, sondern hat alles sehr reduziert darauf, daß die armen Menschen die Guten sind und die Reichen die Schlechten. Aber ich mag seine Gedichte und seine Filmkritiken, in denen er sich sehr eingesetzt hat für kleine Filme. Und er kann gut formulieren, mit einer Sprache, die so leicht daherkommt, aber nie dumm ist. Da kann er dann auch von komplizierteren Dingen wie Ehe, Alpträumen, Einsamkeit reden. Vielleicht hat er gedacht, daß er Kindern so komplexe Zusammenhänge nicht zumuten möchte – wobei die Gefühle immer sehr kompliziert waren. Die Seelen sind komplex, nur die Welt um die Kinder herum ist eigentlich sehr einfach. Kästner hat schon einen direkten Zugang zu den Seelen der Kinder und hat sie damals wie heute sehr direkt berührt. Wenn da nur nicht immer die Moral wäre, die Kästner verbietet, die Geschichten weiterzutreiben – da ist er dann immer sehr aufgeräumt und ordnet immer zu, was ist gut, was ist schlecht.
Und was ist die Moral, die Sie aus der Geschichte ziehen?
Daß man ein Held sein kann, auch wenn man was falsch macht. Und daß man Kindern nicht erzählen muß: du mußt perfekt sein, um gut zu sein. Was das angeht, war Kästner ein toller Pädagoge, indem er sie aufgewiegelt hat, sich zu wehren, damit nicht – wie er das genannt hat – aus dem wilden Gemüse lauter Konserven werden.
Als nächstes wollen Sie NIRGENDWO IN AFRIKA von Stefanie Zweig verfilmen. Waren Sie dafür schon in Afrika?
Ja, wir haben uns dort schon umgesehen. Das hat allerdings mit „Jenseits von Afrika” wenig zu tun, weil das eine karge, sehr unwirtliche Landschaft ist, unweit des Mount Kenya, deren Schönheit man erst auf den zweiten Blick erkennt und wo man sich leicht in das Gefühl der Zweigs hineinversetzen kann: „Oh Gott, hier muß ich 20 Jahre meines Lebens verbringen. ” Die kämpften dort wirklich ums Überleben, hatten nichts von der Kolonialherrlichkeit der Engländer, die man dort auch immer noch findet. Wir waren da auf einer sehr schönen Kaffeefarm, die einem Engländer gehört, der aber unsere schwarzen Guides nicht ins Haus lassen wollte. So etwas regt mich so auf – da bin ich dann wie Pünktchen.

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