Frankfurter Rundschau: Nachruf

Als Michael Althen begann, im Feuilleton der Süddeutschen Filme zu besprechen, gab es etwas, das man unbedingt gelesen haben musste. Ein neuer Ton, ein neuer Blick, ein neues Verhältnis zum Kino. Es dauerte ein paar Jahre, und Althen wurde als großer, maßgeblicher Filmkritiker seiner Epoche sichtbar, einer Epoche allerdings, die noch nicht vorbei ist.

Es dauerte ebenfalls einige Zeit, bis man bemerkte, dass er wie Dean Martin aussah. Aber es war so und es wurde im Lauf der Jahre deutlicher. Und er sah nicht nur so aus, er hat Dean Martin geliebt und er hatte etwas von ihm. Er war elegant, ohne dass er sich dafür anstrengen musste. Er war freundlich, ohne je aufdringlich zu sein. Er war ungemein lässig, ohne dass er eine Attitüde gehabt hätte. Aus dem Münchner Althen, dem Mann mit dem Kürzel „malt“, atmete eine Luft, die aus einer alten amerikanischen Bar zu kommen schien, die verraucht war und in denen es Whiskey gab, weil es einfach das Getränk zu dieser Art Eleganz ist.

Ich glaube, alle haben Michael Althen geliebt. Wenn man nicht weiter wusste in einer Redaktion, ging man zu ihm. Er war keiner jener Kritiker, die sich im Dunkeln verstecken, er hatte eine Familie mit zwei Kindern. Und auch die Leser haben ihn geliebt. Denn auch seine Kritiken hatten diesen Stil, diese Anschaulichkeit, diese bunte Deutlichkeit, die Klarheit der Wahrnehmung, des Gedankens und des Gefühls, und den lässigen, ruhigen Spaß am Schreiben. Er war ein echter Stilist, ohne dass man das Gefühl hatte, dass sich da einer über seinen Stil aufdrängt.

Michael Althen fand eine Haltung zu den Filmen, so dass er sich nicht zu einem Urteil durchringen musste. Deswegen verstand man so gut, was er schrieb, und deswegen hatte man Vertrauen zu seinem Urteil.

Zunächst hat Althen für die SZ gearbeitet. Vor zehn Jahren wechselte er dann zur FAZ und lebte in Berlin. Sein Stil änderte sich durch die neue Zeitung nicht. Er hatte ihn eben.

Und er hat auch selbst Filme gemacht. Zusammen mit Dominik Graf eine melancholische Recherche über seine Heimat, „München – Geheimnisse einer Stadt“, und „Denk ich an Deutschland – Das Wispern im Berg der Dinge“, für den die beiden den Grimme-Preis bekamen. Bei der Dokumentation „Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“ (2008) führte er zusammen mit Hans Helmut Prinzler Regie. Wer mit Michael Althen noch einmal ins Kino gehen will, kann es in seinem schönen, viel zu wenig gelesenen Buch „Warte, bis es dunkel ist. Eine Liebeserklärung an das Kino“ tun.

Es war immer gut, wenn er da war. Gestern ist Michael Althen im Alter von 48 Jahren gestorben.

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11. Mai 2011 von tobias
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