Ulrich Gregor

Ulrich Gregor, Jahrgang 1932, leitet seit 30 Jahren das „Internationale Forum des jungen Films” auf der Berlinale und hat beschlossen, zeitgleich mit dem Abgang des Festivalchefs Moritz de Hadeln sein Amt in jüngere Hände zu legen.

SZ: Moritz de Hadeln schien nicht sehr glücklich, dass sein Vertrag nicht verlängert wurde. Wie sehen Sie Ihren Abschied?
Ulrich Gregor: Ich habe das jetzt 30 Jahre in Verantwortung gemacht, und jetzt muss es mal ein anderer machen. Das kann nicht immer so weitergehen. Ich hätte schon früher gesagt, es muss jetzt mal Schluss sein, aber meine Funktion war immer ein bisschen an die von de Hadeln gekoppelt, und dann haben mir verschiedene Leute gesagt: So lange de Hadeln da ist, musst du doch auch noch bleiben. Und das war vielleicht auch besser so, um sowohl unsere eigene Veranstaltung als auch die Berlinale in ein richtiges Fahrwasser zu bringen. Aber wenn jetzt der Vertrag von Moritz de Hadeln abläuft, dann kann hier ebenso mal ein Wechsel erfolgen, der von uns vernünftig und mit etwas Nachdenken vollzogen wird. Christoph Terhechte, der das weitermachen soll, ist bestimmt ein guter Mann.
SZ: Gehört zu einem erfolgreichen Festivalchef, dass man zeitig für einen Nachfolger sorgt?
Gregor: Das kann auf keinen Fall falsch sein. Man darf es nicht so lange machen, bis irgendjemand kommt und sagt: Nun ist aber Schluss. Es ist doch besser, man überlegt sich das selbst.
SZ: Hätte de Hadeln vermeiden können, dass jemand von außen kommt?
Gregor: Es gab einen Vertrag – seiner und meiner sind ja in gleicher Weise konstruiert gewesen – über fünf Jahre, den man aber auch vorzeitig terminieren konnte – und davon wurde Gebrauch gemacht. Im Bereich des Wettbewerbs ist das ja noch etwas anders. Man kann nicht davon ausgehen, dass man über so lange Zeiträume ein Festival leitet. Wenn man mal nach Venedig guckt, da gibt es ja ständig Wechsel. In Cannes ist es wieder etwas anders: Gilles Jacob hat es ja sehr lange gemacht, jetzt hat er aber einen Nachfolger, obwohl das dort auch etwas schwierig war. Von Zeit zu Zeit ein Wandel, das kann nicht schlecht sein.
SZ: Welche Chancen hat so ein Festival in Zukunft überhaupt noch? Eigentlich braucht man ja keinen Filmfachmann mehr, sondern eher einen Fremdenverkehrschef.
Gregor: Ich habe etwas überspitzt gesagt, dass es hauptsächlich einen guten Politiker braucht, der Fingerspitzengefühl besitzt und mit Menschen umgehen kann – und wenn er von Film etwas versteht, kann das nicht schaden. Insbesondere im so genannten offiziellen Bereich sind die Pressionen politischer und merkantiler Art erheblich. Und wir sind immer ein bisschen im Windschatten, so dass uns diese Einmischungsversuche nicht so stark ins Gesicht wehen – wenn man davon absieht, dass um uns herum eine unglaubliche Menge von Filmemachern stehen, die teilweise mit ihrem Herzblut und ihren letzten Notgroschen ihre Filme machen und von uns erwarten, hoffen, uns bitten und anflehen, etwas für die Filme zu tun.
SZ: Haben Sie selbst zu irgendeiner Zeit mit dem Gedanken an die Berlinale-Leitung geliebäugelt?
Gregor: Ich habe öfter daran gedacht und mir das überlegt. Ich muss aber sagen, das ich im Grunde froh bin, dass ich in diese Rolle nicht gekommen bin, weil ich glaube, dass ich sehr viele Kompromisse hätte machen müssen. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das hätte schaffen sollen, mich vor Filme zu stellen, in die ich kein Vertrauen habe und mit denen mich überhaupt nichts verbindet. Diese Art Brückenschlag zu vollziehen, finde ich sehr schwierig. Natürlich kann man als Leiter den Bereich, an dem einem liegt, noch besser protegieren und hegen und pflegen, aber nichtsdestoweniger glaube ich, dass das Forum für mich das Richtige war.
SZ: Was hat Sie am meisten gefreut?
Gregor: Irgendwann gab es mal eine Situation im Delphi-Kino, als es ganz voll war und unter den hereinströmenden Zuschauern eine junge Frau an mir vorbeikam, die ich überhaupt nicht kannte und die im Vorbeilaufen sagte: Das ist ja wunderbar, was ihr hier macht. Macht nur weiter so. Ich weiß nicht, wer das war, ich habe mir nicht mal ihr Gesicht eingeprägt, aber das sind so kleine Ereignisse, die einem sinnvoll erscheinen lassen, was man macht.

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06. Februar 2001 von marieundtom
Kategorien: Interview | Schreibe einen Kommentar

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