10. Februar 2001 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 2001 (2)

Überall ist es wärmer, wo wir nicht sind

Filme von Steven Soderbergh, Philip Kaufman und Lasse Hallström im Wettbewerb

Für Februar ist es in Berlin ungewöhnlich mild, aber die Stadt bleibt natürlich so grau wie eh und je. Umso tröstlicher ist es, wenn die Filme unsere Sehnsüchte mit Schauplätzen versorgen, die als Heimat jenseits des Potsdamer Platzes taugen. Im Angebot sind: die Dachterasse einer Schwulen-WG mit Blick über die Dächer von Rom in LE FATE IGNORANTI; ein französisches Bilderbuchdorf in CHOCOLAT; ein Gutshof im feuchtheißen Nordwesten Argentiniens in LA CIÉNAGA; oder der Strand von La Jolla in TRAFFIC. Man könnte also in Anlehnung an einen Filmtitel von Michael Klier sagen: Überall ist es wärmer, wo wir nicht sind.

Andererseits sind die Geschichten, die sich im Wettbewerb abspielen, nicht so herzerwärmend, wie es die klimatischen Bedingungen nahe legen: in LE FATE IGNORANTI erfährt eine Frau, dass ihr verunglückter Mann eine schwule Affäre hatte; in CHOCOLAT unternimmt das Dorf alles, um der zuckersüßen Juliette Binoche das Leben zu erschweren; in LA CIÉNAGA versinken zwei Familien im Morast der Vergangenheit; und in TRAFFIC geht es um den Drogenkrieg, der an allen Fronten tobt – doch dazu später.

Blenden wir zurück ins Jahr 1988, als Philip Kaufmans Verfilmung von DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS in die Kinos kam. Damals gab es keinen Zweifel, dass die Französin Juliette Binoche und die Schwedin Lena Olin die aufregendsten Schauspielerinnen des Weltkinos sind und Kaufman ein Regisseur ist, der mit der unerträglichen Schwierigkeit der Literaturverfilmung besser als jeder andere zurecht kommt. Der diesjährige Berlinale-Wettbewerb hat die drei wieder vereint – Kaufman hat Doug Whites Bühnenstück „Quills” verfilmt, und Binoche und Olin treten in Lasse Hallströms CHOCOLAT auf –, aber alle drei wirken in ihrer Arbeit seltsam unbeseelt und leer. Als hätten sie die Tricks und Talente, die ihnen Erfolg gebracht haben, ein paar Mal zu oft eingesetzt. Als wüssten alle drei zu gut, was sie tun und wie sie es tun müssen.

Nehmen wir CHOCOLAT, in dem die Binoche mit Tochter in ein kleines Dorf kommt, um eine Confiserie aufzumachen. Sie putzt einen heruntergekommenen Laden blitzblank heraus und steht mit ebensolcher Miene hinter der Theke. Nach einiger Zeit gesellt sich Lena Olin dazu, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann Zuflucht sucht. Und die beiden Frauen, deren erotisches Zusammenspiel einst so abenteuerlich erschien, schaffen es, mit keinem einzigen Ausdruck, mit keiner Geste zu überraschen. Das Jungmädchenlächeln der einen und die schmerzgeweiteten Augen der anderen sind die Masken eines Films, der ein Märchen sein will, aber immer nur Zuckerguss zustande bringt. CHOCOLAT ist von einer süßlichen Klebrigkeit, die jegliche Lebendigkeit verkleistert. Es ist vielleicht kein Zufall, dass sich das Plakat zu dem Film in nichts von einer Langnese-Werbung für Eiskonfekt unterscheidet. Hallström will einen Reigen dörflicher Typen veranstalten, wie man ihn von Renoir kennt, aber im Kino lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen – dabei kann nur Soft-Eis herauskommen.

Philip Kaufman wiederum widmet sich in QUILLS dem Marquis de Sade, der im Irrenhaus von Charenton einsitzt. Aber wo er einst in seiner Kundera-Verfilmung ein geschicktes Spiel mit den Vexierbildern der Liebe betrieben hat, erstarrt diesmal alles in den lächerlichen Posen von Obsession und Perversion. Nicht, dass Kaufman keine bildgewaltigen Einfälle mehr hätte, um die Leidenschaften abzubilden, aber man blickt auf sie wie auf einen fernen Spiegel. Da quälen sich Geoffrey Rush, Joaquin Phoenix und Kate Winslet ab, dem Exzess ein Gesicht zu verleihen, aber es kommen nur Fratzen dabei heraus. Was in Amerika als gewagt durchgehen mag, wirkt bei uns nur abgeschmackt. Und je heftiger Kaufman die Körpersäfte fließen lässt, desto deutlicher wird, dass QUILLS – MACHT DER BESESSENHEIT vor allem eines fehlt: Herzblut.

Der Mann der Stunde – und des Festivals sowieso – ist Steven Soderbergh, dem momentan einfach alles zu gelingen scheint. Wobei sein Talent vor allem darin liegt, jenen persönlichen Ausdruckswillen, der einst SEX, LÜGEN & VIDEO auszeichnete, nun in den Dienst von Geschichten zu stellen, die problemlos im Mainstream Hollywoods schwimmen können. Was nun TRAFFIC, wie zuvor OUT OF SIGHT und ERIN BROCKOVICH, von anderen Produkten unterscheidet, ist im Grunde nur die Überzeugung, dass nicht jedes Sentiment bis aufs letzte ausgemolken werden muss, um die Zuschauer bei der Stange zu halten, und dass deren Intelligenz ein Faktor ist, mit dem auch in Hollywood gerechnet werden darf.

So verquickt Soderbergh in TRAFFIC drei völlig unabhängige Erzählstränge zu einem Bild des Drogenhandels, das nicht durch neue Erkenntnisse besticht, sondern durch eine Inszenierung, welche die Handlungsfäden so lose knüpft, dass man stets gefordert bleibt, die Lücken selbst zu füllen. Wobei Soderbergh, der auch sein eigener Kameramann ist, nahezu jede Einstellung zu einem Abenteuer macht, weil er näher an seinen Figuren zu sein scheint und es doch schafft, ihnen mehr Raum zu lassen. Er besitzt offenbar eine andere, respektlosere Art, sich seinen Stars zu nähern, die ihren Hochglanzpanzer durchdringt und ihnen eine neue Lebendigkeit verleiht. Und es ist zwar alles da, was auch anderswo zu so einem Thema versammelt würde – vom Gewohnheitsalkoholismus des Vaters bis zu den Therapiesitzungen –, und doch hat man den Eindruck, dass man das alles noch nie so klar und so eindrücklich gesehen hat. So ist TRAFFIC der Beleg dafür, dass man die Zeit zwar nicht zurück-, aber doch wenigstens vordrehen kann – und dass das nicht nur eine Frage technischer Mittel ist, sondern eine Sache der Intelligenz. Und so gesehen ist das Kino dann immer noch eine der schärfsten Drogen überhaupt. Egal, wie warm oder kalt es draußen ist.

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