Die Welt: Nachruf

Als die Grottenolme unter den Kulturjournalisten galten lange die Filmkritiker. Bleich, mit wirrem Haar und blinzelnden Blicks tauchten sie aus staubigen Vorführräumen auf und schwärmten von Murnau und Griffith. Aufstieg und Stillstand des neuen deutschen Films verkörperten dort damals Peter Buchka, Hans Günter Pflaum und Bodo Fründt. Für jede Art von Trash und Exploitation aus dem Werkstattkino (inklusive frühem Schlingensief) war Hans Schifferle zuständig. Und dazwischen standen, wie junghagere Zwillingsfelsen im Monumental Valley, stets in Jeans und Cowboyboots, die bei der Geburt irgendwie doch getrennten siamesischen Zwillinge Claudius Seidl und Michael Althen und sangen das Hohelied des neueren amerikanischen Kinos. Die einsamen Westernschweiger, die Sirenen in Blond, Sam Peckinpah, die Easy Rider des New Hollywood, das waren ihre Götter.

Seidl war der bayerische Alfred E Neumann, immer frech, immer pointiert. Deshalb auch erweiterte er sein Spektrum, um den deutschen Film, um Uschi Obermeier und um das Chefsein. Sein Idol war und ist Billy Wilder. Althen aber, der den französischen und italienischen Film genauso innig liebte, ähnelte stetig mehr Robert Mitchum. Nicht nur wegen der Andeutung des bei seinem Idol weit ausgeprägteren Grübchens. Da war auch der gleiche müde, wissende Blick aus verengten Augen ins Leere, der einen trotzdem fixierte, dazu die wenigen, lakonisch ins Schwarze treffenden Worte.

Über seinen Beruf hat Mitch einmal gesagt: „Show up on time, know his lines, hit his marks, and go home“. Ähnliches könnte man auch vom Schreiber Michael Althen sagen, so unverschnörkelt und klar lasen sich seine Sätze. Wüsste man es nicht besser, man hätte nie bemerkt, dass seine feine, elegante Prosa, sein immenses, niemals prunkendes Wissen, sein unbestechlicher Blick auf die Dinge vor, auf und hinter der Leinwand das Ergebnis von viel Mühe, auch und vor allem um die Kunst des Weglassens gewesen ist.

Gewesen ist – denn Michael Althen ist gestern nach kurzer, schwerer Krebserkrankung gestorben. Er wurde nur 48 Jahre alt.

Seit 1984 schrieb der gebürtige Münchner für die „Süddeutsche Zeitung“, frühreif, aber nie altklug. Als ob er mit Zelluloid in den Genen geboren worden wäre. Aber er war kein Freak, für ihn gab es auch ein Leben im Hellen, jenseits der dunklen Kinosäle. Er hatte wenige, doch gute Freunde, auch auf der anderen Seite, bei den Profis. Er schätzte Dominik Graf sehr und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Mit ihm drehte er 1998 „Das Wispern im Berg der Dinge“ über dessen Vater, den Schauspieler Robert Graf. Zwei Jahre vorher hatte er bereits für die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentation „Das Kino bittet zu Tisch – Essen im Film“ die Seiten gewechselt.

Michael Althen war gefragt. Er schrieb für die „Zeit“, für den „Spiegel“ und für „Focus“, er arbeitete bei „Transatlantik“ und als Textchef bei der „Vogue“. 1998 hat ihn dann die „Süddeutsche“ endlich angestellt. Doch drei Jahre später erlag er den Seidlschen Sirenen-Gesängen und wechselte zur „FAZ“ nach Berlin. Auch da schrieb er wie gehabt weiter: stilvoll, ausgewogen selbst in der seligsten, technicolorglühenden Schwärmerei. Aber eben nicht mehr so oft. Im Büro war er auch seltener. Man sah ihn ab und zu im Borchardt, aber im Kopf saß er wohl immer noch im Münchner Schumann’s. 2009 bestückte er im Deutschen Theater als Alleinjuror sogar die Autorentage mit neuen Dramen.

„Warte, bis es dunkel ist – Eine Liebeserklärung ans Kino“, heißt eines seiner Bücher, unter denen sich natürlich auch eine Robert-Mitchum-Biographie findet. Schon bei der letzten Berlinale fehlte seine Stimme, und jetzt muss nicht nur das gerade begonnene Filmfestival in Cannes für immer ohne Michael Althen auskommen.

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12. Mai 2011 von tobias
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