Berliner Zeitung: Nachruf

Es gehört zum Beruf des Filmkritikers, dass man auch dann etwas zu Papier bringen muss, wenn einem nicht nach Schreiben zumute ist. Wenn einem die Worte fehlen, oder es nichts zu sagen gibt, das angemessen wäre. Das muss seine Ursache nicht immer im Kino haben, ein solcher Moment ist auch der Tod eines Kollegen, Vorbilds und Freundes. Michael Althen war dies für viele deutsche Filmkritiker.

„Die Besten sterben zu früh“ das ist einer dieser Sätze, den man so dahin sagt – bis er einem im Hals steckenbleibt, weil er im Leben eingetreten ist. Was Michael Althen zum besten Kritiker seiner Generation machte, war, dass bei ihm das Leben und das Kino eine enge Verbindung eingingen, dass seine Texte kaum von seiner Person zu trennen waren. Die Empfindungen, eine Beobachtung und der Augenblick der Erfahrung waren immer präsent in seinen Worten, und sie blieben stets wichtiger als grundsätzliche Erklärungen zum Stand der Dinge.

Es sind immer Details, in die man sich verliebt, und die Liebe zum Kino und die zum Leben, waren Althen immer wichtiger als Urteilssprüche. Dem Gefühl sein Recht zu geben, auch dort wo es diffus ist, es überhaupt in einem Text zuzulassen, das konnte man von ihm lernen.

Woran man sich aber zuerst erinnert, ist seine Großzügigkeit. Als Redakteur ließ er seinen Autoren ihre Stimme, und konnte gut damit leben, wenn Meinungen auseinandergingen. Darüber hat er gern, beim Bier oder beim Whisky, gestritten, aber er hätte sich nie zerstritten. Wenn es etwas zu tadeln gab, geschah dies beiläufig. Zugleich strahlte er eine ungeheure Ruhe aus, eine Gelassenheit, die manche mit Phlegma verwechselten, die aber in der klugen Einsicht bestand, das nicht alles die Aufregung lohnt.

Vielleicht hat dies auch mit seiner Herkunft aus München zu tun, mit jener Liberalitas und Heiterkeit, die man Süddeutschen nicht ganz zu Unrecht nachsagt. In München wurde Althen 1962 geboren, und schon früh, seit 1984, schrieb er als Filmkritiker für die Süddeutsche Zeitung. Später auch für die Zeit, den Spiegel und andere, als Redakteur bei der legendären „Transatlantik“ und seit 1998 als Filmredakteur der Süddeutschen. Seit 2001 war Althen Filmredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Aber er war nicht nur Kritiker, er schrieb auch Bücher: über Dean Martin, Robert Mitchum und Rock Hudson, und 2002 sein persönlichstes „Warte, bis es dunkel ist – Eine Liebeserklärung ans Kino“. Und er drehte Filme: Über „Essen im Film“; gemeinsam mit Dominik Graf 1998 „Das Wispern im Berg der Dinge – Der Schauspieler Robert Graf“ und 2000 „München – Geheimnisse einer Stadt“. Gemeinsam mit Hans Helmut Prinzler dann 2008 den Dokumentarfilm „Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“.

Wer so viele Filme sieht, der hat keine Lieblingsfilme mehr – oder viel zu viele. Lieblingsregisseure konnte Althen aber nennen: Einer war Blake Edwards, ein anderer Michelangelo Antonioni. Über beide hat er einige seiner schönsten Texte geschrieben, darunter die Nachrufe. Althens unverwechselbaren Ton ahmten einige nach, erfolglos. Viele von uns haben ihn bewundert, und das einzige, was im Augenblick der Trauer tröstet, ist das, was er 1998 im Nachruf auf seinen SZ-Vorgänger Peter Buchka beschrieb: „Das Glück, einen Menschen, wie ihn gekannt zu haben.“ Einmal, in einem Gespräch über die Frage eines Kollegen, was denn die „theoretischen Kriterien“ für die Filmbeurteilung seien, antwortete er: „Ja, hingucken halt.“ Das haben wir von ihm gelernt. Gestern ist Michael Althen 48-jährig in Berlin nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

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12. Mai 2011 von tobias
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