Beim Casting

„James Last” und „Blondie” versperren die Sicht durch die Fenster des Pförtnerhäuschens, dort wo Wachleute einst das Kommen und Gehen der Bundeswehrsoldaten genau kontrollierten. Jetzt dient der Glasquader als Litfaßsäule, bepappt mit Werbeplakaten für alternde Pophelden. Autos fahren über die Torschwelle. In zwei Meter Höhe schwebt das alte Ortsschild: „Schwere-Reiter-Str. 35, Tor 1. ” Daneben ist eine Metalltafel in die Wiese gerammt: „Hardware/Software IQ GmbH”, „Arbeiten am Computer – Christian Müller” oder „Werbeagentur GKW”. Ganz unten steht ein Hinweis auf die bayerische Staatsoper.

150 Firmen arbeiten mittlerweile auf dem 17 Hektar großen Gelände der ehemaligen Stettenkaserne: Architekten, Software-, Internet-Anbieter, Werbeagenturen, Autoren, Regisseure und Lampen-Designer haben sich preiswert in den Baracken eingemietet, in denen bis 1995 Rekruten ausgebildet wurden. Zum Beispiel Roland Mesmer. Im Erdgeschoss von Haus 1 hechtet der Filmproduzent zwischen seinem Schreibtisch und der türkisen Küche hin und her. „Das ist hier gerade ein riesiger Zirkus!”, stöhnt der korpulente Typ und schrammt dabei haarscharf an einer blonden Schönheit vorbei, die wie bestellt und nicht abgeholt dreinschaut. „Für welche Rolle sind Sie vorgesehen?”, fragt Mesmer und wendet sich im selben Augenblick schon wieder neuen Faxen zu, die ständig auf seinem Schreibtisch landen.

Casting für 40 kleine Episoden aus dem Leben zweier Buben: MÜNCHEN, GEHEIMNIS EINER STADT, heißt der Titel des Films, den Dominik Graf und Michael Althen von „rome film” produzieren lassen. „Mein erstes großes Projekt”, schwärmt Mesmer. Vergangenen Herbst hat sich der Mann selbständig gemacht, nach ziemlich vielen Berufsjahren, die ihn durch die öffentlich-rechtlichen Sender führten. Jetzt will er es selbst einmal versuchen, „auf eigene Faust etwas anpacken”, wie er sagt.

Nebenan steht ein schwarzer Konferenztisch auf blauem Teppichboden. Zwei Frauen im Business-Outfit – graues Kostüm, hochhackige Schuhe und Dior-Tüchlein um den Hals – schauen sich begeistert ein Videoclip an; schräg gegenüber sitzt Karin Wirtmann. „Mein bedeutendster Künstler ist Howard Jones! Kennen Sie Howard Jones?”, fragt sie. „Der hat doch diesen Song komponiert: „What’s love…” Frau Wirtmann singt ekstatisch und schnippt dazu mit den Fingern im Takt. Sie vermarktet Pop-Musiker; etliche habe sie schon groß gemacht, behauptet sie. „Wenn Sie wüssten, wer alles berühmt werden will!”

Gleich nach dem Abzug der Bundeswehr, 1995, hat die Pop-Maklerin den rechten Flügel im Erdgeschoss angemietet. Furchtbar habe das damals ausgesehen, erzählt sie und rührt dabei energisch in ihrer Kaffeetasse. Der Steinboden versifft, die Toiletten herausgerissen. 40 000 Mark musste sie in die Renovierung stecken. „Wäre doch schade, wenn das wieder abgerissen würde. ”

2002 laufen alle Mietverträge aus. Dann geht die Stettenkaserne vom Bundesvermögensamt in den Besitz der Kommune über, die dort ein „neues Stück Stadt am Olympiaberg” plant, wie das Planungsreferat in einer Broschüre wirbt. Die ersten 1000 Wohnungen sollen schon im kommenden Jahr auf dem angrenzenden Gelände, der ehemaligen Waldmann-Kaserne, errichtet werden. In einem zweiten Abschnitt will man das Areal westlich davon bebauen, das heute überwiegend als Parkplatz dient.

„Ich gehe davon aus, dass die Mietverträge weit über 2002 bestehen werden”, sagt Christoph Fisser und lehnt sich in dem schwarzen Sessel hinter dem nierenförmig gebogenen Schreibtisch zurück. Der Mann, der einst die „Lichterkette” mitinitiierte, ist heute Hausherr über die 17 Hektar große Fläche; genau genommen „Hausmeister”, wie es auf dem Schild über dem Eingang zu seinem Büro heißt.

Vor fünf Jahren pachtete er die 20 000 Quadratmeter Gewerbefläche samt Schulungszentrum und Kirche. Seine Idee war, dort ein „Medienzentrum” entstehen zu lassen. Abgesehen von einer KFZ-Werkstätte, einer Kantine, einem Kindergarten und ein paar Architekten wurden Mietverträge nur mit den Unternehmen geschlossen, die im weiteren Sinne etwas mit Medien zu tun haben. Der Boom auf dem Stettengelände war gewaltig. Das Areal ist längst komplett ausgebucht. Und täglich kommen neue Anfragen. Wie zum Beweis klopft es an der Tür. Ein Interessent baut sich im Büro auf: „Sind Sie der Mann von der Hausverwaltung? Ist noch was frei?” – „Nein! Gar nix!”

In den letzten zwei Jahren drängten immer mehr Existenzgründer aus der Internet-Branche auf die grüne Wiese vor dem Nordbad. Start-ups wie „Eye4U”. Die Firma – zwei Programmierer, ein Musiker und ein Grafiker – gestaltet moderne Websites mit sogenannten „Schock-wafe-flash-Animationen”, abstrakten Kompositionen aus Ton, Bild und Grafik. Gerade ein Jahr sind sie auf dem Markt, und schon läuft’s – zumindest behauptet das Mitinhaber Reinhard Marscha. Aufträge kämen genug rein, sogar von US-Firmen wie Ford.

Kein Wunder, dass neben den privaten Kreativlingen auch die bayerische Staatsregierung ein Auge auf das Gelände geworfen hat. Sie will in dem ehemaligen Schulungszentrum im Westen, wo bis September noch die Fachhochschule untergebracht ist, einen Software-Campus unterbringen, allerdings nur so lange, bis ein Existenzgründerzentrum für Informationstechnologie in Garching fertig gestellt ist.

Die Stadt hat andere Pläne. Planungsreferentin Christiane Thalgott möchte dort eine Schule einziehen lassen. Ihrer Vorstellung nach soll auf dem Gelände ein richtiges neues Stadtviertel entstehen, und den bereits bestehenden Medien-Unternehmen räumt sie gute Chancen ein. „Denen wollen wir dauerhaft einen Teil der alten Gebäude überlassen. ”

Der Exot: Neben den Medienbüros hat sich eine Kfz-Werkstatt etabliert.

Der Hausverwalter: Christoph Fisser hat das Gelände vor vier Jahren angemietet. Inzwischen rennen ihm die Interessenten die Türe ein. Doch er sagt: „Bis 2002 ist alles dicht. ”

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17. August 1999 von janine
Kategorien: Events, München - Geheimnisse einer Stadt | Schreibe einen Kommentar

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