Stefan Zweig

„Die Welt von gestern“

Es heißt ja immer: Die erste Liebe vergißt man nicht. Im Falle von Stefan Zweig stimmt das unbedingt. Ich war fünfzehn, mit meinen Eltern auf Cluburlaub in Tunesien und hatte meiner Erinnerung nach jenseits von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ noch kein einziges ernstzunehmendes Buch gelesen. Weil ich der einzige in meinem Alter war, sportliche Aktivitäten wegen der Hitze und Schwimmen wegen der Quallenplage keine Optionen waren und mein erster Versuch mit Windsurfing damit endete, daß mich ein Boot bei ablandigem Wind zwei Kilometer vor der Küste einsammeln mußte, blieb als einziger Zeitvertreib nur die Lektüre unterm Sonnenschirm. Weil alles andere bald ausgelesen und sonst nicht vorgesorgt war, blieben nur die Erwachsenenbücher, darunter Stefan Zweigs „Welt von Gestern“, nicht gerade eine Verlockung nach der sturzlangweiligen Lektüre der „Sternstunden der Menschheit“ in der Schule. Aber alles war besser als ein weiterer Versuch mit Windsurfing. Ich las also in dem Fischer-Taschenbuch – und eine Tür ging auf, die einen Blick auf eine Welt gestattete, die nicht meine war, in der ich aber fortan zu Hause sein wollte: das Wien der Jahrhundertwende, das Paris des Exils, die Welt von gestern eben. Es war der Moment, in dem Wort und Schrift und Sprache auf einmal alles boten, was dieser Urlaub nicht war: Heimat, Lust und unendliche Sehnsucht. Und über all das legte sich noch Zweigs Abschiedsbrief, der auf dem Umschlag abgedruckt war und in dem er selbst dem Freitod jene schmerzliche Schönheit abgerungen hat, die sich dann auch in all seinen anderen Büchern fand: „Ich grüße alle meine Freunde!“ schreibt er da: „Mögen sie die Morgenröte noch erleben! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Über diesen Satz könnte ich heute noch in Tränen ausbrechen. Das ist fast so etwas wie das traurigste Gedicht in deutscher Sprache.

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26. November 2006 von marieundtom
Kategorien: Literatur, Porträt | Schreibe einen Kommentar

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