31. August 2000 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Ruinenblüten & Ein so junger Hund

Die Schatten der Doppelgänger

Gleich zwei neue Bücher von Patrick Modiano: „Ruinenblüten” und „Ein so junger Hund”

Er habe, schrieb Patrick Modiano unlängst, früher „von einer unsichtbaren Kamera geträumt, mit der man die Straßen von Paris bei Tag wie bei Nacht filmen und die Gesichter und Gespräche der Passanten und ihre täglichen Abenteuer aufnehmen kann, ohne dass sie es merken. Der Film wäre dann Fiktion und Dokumentation zugleich: Geschichten von Unbekannten, die sich in natürlichem Licht abspielen.” Später habe er gemerkt, dass die Kamera aber auch dazu da ist, „die Traumwellen spürbar zu machen, die von den alltäglichsten Objekten ausgehen: von einem Lastenkahn, einem Plattenspieler, einer Tätowierung, einem englischen Strand.”

Wenn man so will, dann hat Modiano den Traum von dieser Kamera in seinen Büchern verwirklicht: die Faszination, die von den anonymen Geschichten einer Großstadt wie Paris ausgeht, beschreibt er in seinen Büchern, und Dinge des Alltags erscheinen darin in scharfen Konturen verleiht. In einem Licht, das auch die Filme der Nouvelle Vague durchschien, als deren Regisseure Anfang der Sechziger mit ihren leichten Kameras den Zauber der Pariser Straßen einfingen.

Drei Bücher sind von Modiano in diesem Jahr erschienen: Nach „Aus tiefstem Vergessen” nun „Ein so junger Hund” und „Ruinenblüten” – leider sind die meisten Romane, die nach Modianos Entdeckung und Übersetzung durch Peter Handke erschienen sind, nicht mehr erhältlich. Es sind nämlich Bücher, die man wieder und wieder lesen kann, zumal jeder neue Roman die vorangegangenen in einem neuen Licht erscheinen lässt. Modiano variiert dieselben Motive, arbeitet am selben Stoff – wie ein Musiker, der immer zu demselben Stück improvisiert, aber so, als versuche er, sich an eine bestimmte Melodie zu erinnern.

Wie bei kaum einem anderen Autor kreist bei Patrick Modiano das Schreiben seit seinem Erstling „Place de l’Etoile” von 1968 auch stets um dieselben Themen, mit denen er eine Art Dreisprung ins Reich der Erinnerung vollführt: Ein Erzähler, meistens selbst Schriftsteller, erinnert sich an die unbeschwerte Zeit der frühen sechziger Jahre – „jenes Alter, in dem man oft in seltsame Gesellschaft gerät” – und stößt von dort aus zu Begebenheiten aus den finsteren Jahren der Okkupation vor. Manchmal sind die drei Zeitebenen geringfügig gegeneinander verschoben, mal reichen sie, vermutlich autobiografisch bedingt, in die Vorkriegszeit zurück.

Das Rätsel

Stets taucht der Vater auf, der unter der deutschen Besatzung dubiosen Geschäften nachging und dann verhaftet wird; häufig gibt es noch eine zweite Vaterfigur, welche die Geschichte des verschwundenen Vaters sozusagen fortführt, indem sie sich nach den Erfahrungen des Krieges eine neue Biografie zulegt und die Spuren der alten verwischt: „Es war keine Berufung und keine besondere Begabung, die mich zum Schreiben drängte”, heißt es in „Ruinenblüten”, „sondern ganz einfach das Rätsel, das mir ein Mann aufgab, den zu finden ich keine Chance hatte, und all die Fragen, auf die es niemals eine Antwort geben würde. ”

Modiano macht sich wie alle Großen der Literatur auf die Suche nach der verlorenen Zeit, und was seine Bücher so schmerzhaft macht, sind jene Löcher und Lücken in der Erinnerung, durch die man wie in einem Albtraum immer tiefer in die Vergangenheit fällt. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun, sondern mit dem Bewusstsein, dass die Wurzeln der Gegenwart stets in die Geschichte zurückreichen. So gesehen ist das Erinnern Verantwortung und süße Qual zugleich.

In „Ein so junger Hund” hat der Erzähler den Eindruck, „als ob das Gefühl von Abwesenheit und Leere, das Jansen zurückgelassen hatte, sich in konzentrischen Kreisen ausbreite und Paris nach und nach in eine verlassene Landschaft verwandle.” Wo bei Proust der Geruch der Madeleines die Erinnerung in Gang setzt, sind es bei Modiano die Spaziergänge durch die Stadt. In „Ruinenblüten” ist es ein Haus in der Rue des Fossés-Saint-Jacques beim Pantheon, das den Selbstmord eines jungen Paares im Jahr 33 ins Gedächtnis bringt und die ungeklärten Fragen, die damit zusammenhängen. Das Paar war ausgegangen, hatte an einer Orgie teilgenommen und sich dann umgebracht. Die Frage nach den Motiven wird den Erzähler nicht mehr loslassen, aber bald wird die Antwort nicht mehr so wichtig sein, weil die Suche von einer Erinnerung zur nächsten führt.

Das Paris, durch das sich Modiano immer wieder bewegt, hat mit dem realen Paris nur insofern etwas zu tun, als das Erzählen immer wieder verankert wird an den Namen von Straßen, Plätzen, Geschäften, Metrostationen oder an den Telefonnummern, die alle ihre eigene Poesie entwickeln. Geradezu zwanghaft werden sie immer wieder aufgelistet, als könne man dadurch die Geheimnisse dahinter durchdringen. Modianos Paris ist eine Art Totenreich, in dem die Zeit stillzustehen scheint wie die Uhr am Südflügel des Louvre: „Die Uhrzeiger bewegten sich nicht. Sie zeigten für immer auf halb sechs. Diese reglosen Zeiger versetzten uns in eine tiefe, beruhigende Stille. Man braucht nur auf dem Weg zu bleiben, und nichts wird sich je mehr verändern.”

Wie Touristen bewegen sich Modianos Helden durch eine Stadt, die ihnen plötzlich fremd geworden ist, und dieses Labyrinth besitzt seinen ganz eigenen Stadtplan, ein unterirdisches Muster, das überirdisch, wie es Walter Benjamin vom Metronetz behauptete, zu einer ganz anderen Stadt zusammenwächst, zu „Orten, die für das Glück und die Sorglosigkeit gedacht waren, wo man aber von nun an nicht mehr glücklich sein konnte.” So heißt es in „Ein so junger Hund”, der Geschichte über den Fotografen Jensen, dessen Archiv der junge Erzähler sortiert und der eines Tages verschwinden wird. Die Wahrheit, schreibt Modiano, erahnen wir wohl, verbergen sie aber vor uns selbst aus Sorglosigkeit oder Feigheit: „Ein Bruder, ein Doppelgänger ist an unserer Statt gestorben, an einem unbekannten Ort und Tag, und sein Schatten vermischt sich am Ende mit uns.”

Das bezeichnet genau den Moment, wo dieses fortwährende Spiel mit Biografien blutig ernst wird: So wie die Vaterfiguren quasi das Schicksal des Vaters fortführen, so muss die Gegenwart die Vergangenheit fortschreiben. Hinabzutauchen in das Vergessen und ein Schicksal am Schopf emporzuziehen ans Licht. Zu Ende leben, was andere angefangen hatten – das ist Modianos jüdisches Erbe.

So gilt für die Vergangenheit, was Modiano in „Ruinenblüten” über die Champs-Élysées schreibt: „Sie sind wie der Teich, auf dessen Grund die Echos der Stimmen aller Spaziergänger übereinanderliegen, die an seinen Ufern geträumt haben. Das schillernde Wasser bewahrt für immer diese Echos, und in den stillen Nächten vermischen sie sich miteinander.” Schöner kann man die Beziehungen zwischen Topographie und Historie nicht beschreiben.

Die Geschichten von Patrick Modiano wiegen fast nichts, seine Bücher sind kaum je 200 Seiten lang, und doch entwickeln sie eine Schwerkraft, die einen immer wieder das Herz schwer werden lässt. Und dennoch kann man in ihnen immer wieder glauben, „dass das Abenteuer an der nächsten Straßenecke begann”.

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