21. März 2001 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Körperzeit

Das unsichtbare Gewicht des Eisbergs

Don DeLillo beweist mit seinem neuen Roman "Körperzeit" erneut, dass er einer der größten Schriftsteller unserer Zeit ist

Wenn das Buch im Regal landet, wo verstauen wir dann all das, was der Text mit uns angestellt hat? All die Geister und Phantome, deren flüchtige Präsenz einen Abdruck in unserem Bewusstsein hinterlassen hat. Was bleibt übrig, wenn man ein Buch gelesen hat? Einige Sätze, ein paar Bilder, ein Geschmack. Das Lächeln einer Figur, die Weite einer Landschaft, der Rhythmus einer Passage. Bücher sind seltsame Bettgenossen. Man weiß nie, welches Strandgut sie an den Ufern der Erinnerung zurücklassen werden, wenn man am anderen Morgen das Gedächtnis durchforstet. Vielleicht sind es auch nur Trugbilder.

Unternehmen wir einen Selbstversuch, bemühen uns also, eine bestimmte Stelle in DeLillos Roman „Libra“ zu finden, der auf Deutsch unter dem Titel „Sieben Sekunden“ erschienen ist, aber nur auf Englisch im Regal steht. In der Erinnerung liegt in dieser Szene Lee Harvey Oswald im Dunkel der Nacht vor New Orleans mit dem Gewehr auf der Lauer, beobachtet im erleuchteten Fenster eines Anwesens sein Opfer, den stramm antikommunistischen General Walker, und wartet auf den günstigsten Augenblick, um abzudrücken. Den Moment selbst aber, wenn sich die Kugel löst und den General verfehlt, hat DeLillo, wenn die Erinnerung nicht trügt, von Täter und Opfer, von Subjekt und Objekt losgelöst, um zu beschreiben, wie die Kugel auf ihrem Weg im Fenster ein Loch hinterlässt, von dem aus sich spinnennetzartig Sprünge durchs Glas ausbreiten – als seien plötzlich nicht mehr Oswald und Walker die Hauptdarsteller dieser Szene, sondern die Kugel, die Scheibe, das Loch, als hätte der unbarmherzige Lauf der Dinge das Regiment übers Erzählen übernommen. Als sei die Menschheit nur eine Art flüchtiger mehrzelliger Erscheinungsform im Weichbild der Erde, auf der in Wirklichkeit nur die Gesetze von Ballistik und Mineralogie, Physik und Chemie regieren. Eine großartige Szene also, die DeLillos Schreiben ganz und gar auf den Punkt bringt.

Nichts von alledem findet sich in Libra. Oswald liegt nicht auf der Lauer, es gibt kein erleuchtetes Fenster, und der Weg der Kugel ist auch nicht beschrieben. Was es gibt: den General Walker, der einen Feuerwerkskracher gehört zu haben glaubt, plötzlich ein Loch in der Wand wahrnimmt, instinktiv aus dem Licht geht, Sprünge im Fenster entdeckt, seine Waffe holt, die Polizei ruft und dann erst feststellt, dass sein Unterarm mit Holz- und Glassplittern übersät ist.

Dieselbe Szene, ganz anders beschrieben. Als Ablauf verspäteter Wahrnehmungen, als Nachhall eines Ereignisses, das nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert hat. Der Weg der Kugel wird nur sichtbar als Phantomspur, die an die Schusslinien in dem Film THE MATRIX erinnert, welche die Luft um Keanu Reeves durchpflügen und das Kontinuum von Raum und Zeit durchschneiden. Als ob man einen Stein ins Wasser geworfen hätte und jetzt dem langsamen, ringförmigen Ausbreiten der Wellen zusieht – aber sozusagen gleichzeitig. Ein Wunderwerk der Prosa.

Und mittenrein in diese Szene, in diesen Ablauf von minutiösen Wahrnehmungen der Satz: „Seine Zigarette brannte im Aschenbecher.“ So wird die Gleichzeitigkeit von DeLillo aufgespaltet in eine Kette von Ereignissen, so zerfällt ein Augenblick in eine Vielzahl von Sätzen, die für sich genommen wenig bedeuten, aber sich vor dem geistigen Auge des Lesers wie die Splitter einer Glasscheibe zusammenfügen zu einem Bild von so leuchtender Transparenz, dass man für einen Moment ins Herz der Dinge blicken zu können glaubt. Dass sich quasi die Motorhaube der Welt auftut und einen Blick ins komplexe Räderwerk dessen erlaubt, was wir Wirklichkeit nennen.

So ist es kein Wunder, dass die Erinnerung an die Bücher Don DeLillos so trügerisch ist, weil die übliche erzählerische Hierarchie der Wahrnehmungen auf eine Weise außer Kraft gesetzt wird, dass man im Nachhinein nicht mehr zwischen Ursachen und Wirkungen trennen kann. Der Irrtum im Erinnern ist so gesehen Teil des Plans, so wie er Teil des Lebens ist. Da verfährt DeLillo nicht anders als jene Anwälte, welche den Zeugen der Gegenseite mit der Frage „Könnte es auch anders gewesen sein?“ so lange einen anderen Ablauf der Ereignisse suggerieren, bis so viel Zweifel an der eigenen Wahrnehmung gesät ist, dass jene zwischen tatsächlichem und bloß imaginiertem Geschehen nicht mehr unterscheiden können. Wobei DeLillo nichts beweisen, sondern seiner Darstellung nur jenen Zweifel einpflanzen will, der alle Gewissheiten aushebelt. Und der Hebel, den er ansetzt, ist so unscheinbar wie der Satz „Seine Zigarette brannte im Aschenbecher“. Damit brennt er Löcher in die Wirklichkeit.

In seinem brillanten Essay „American Blood“, den DeLillo 1983 zum 20. Jahrestag der Ermordung Kennedys für das Magazin Rolling Stone geschrieben hat, findet sich folgende Passage, die seinen Blick auf die Welt erklärt: „Machtvolle Ereignisse schaffen ihr eigenes Netz von Widersprüchen. Lose Enden, tote Punkte, kleine Geheimnisse von Zeit und Raum. Die Gewalt selbst scheint Verwerfungen im Zusammenhalt der Dinge zu verursachen. Jump cuts in langen Fahrten, leere Flächen, ein Moment, in dem Information von einem Energieniveau auf ein anderes schnellt. Dallas ist ein Panorama solcher Vorgänge, eine Naturkatastrophe im Ursprungsland des Realen, Einsehbaren, Plausiblen. Die Feldlinien, die von diesem hochgeladenen Ereignis ausgehen, weisen Windungen und Kehrtwenden so komplizierter Art auf, dass sie uns beinahe zwingen, die Grundannahmen in Frage zu stellen, die wir uns von unserer Welt aus Licht und Schatten, festen Körpern und gewöhnlichen Geräuschen gemacht haben, und uns bloß staunen lassen über unsere Fähigkeit, solche Dinge auch noch zu messen, Gewicht, Masse, Richtung festzustellen, die Dinge eben so zu sehen, wie sie sind, sie ins Gedächtnis zurückzurufen und fragenden Gesichtern darzulegen, was geschehen ist.“ (Auf Deutsch ist der Text übrigens 1990 in ‚Schreibheft – Zeitschrift für Literatur 36‘ erschienen, wo DeLillos Rang hierzulande zuerst erkannt worden ist.)

Machtvolle Ereignisse, das waren in „Libra“ die sieben Sekunden des Attentats von Dallas, die DeLillo zu einem Panorama von Chaos, Ordnung und Paranoia auseinander faltete, oder eben jener Doppelschlag von russischem Atombombentest und amerikanischem Homerun, deren Schockwellen der mächtige Roman Unterwelt nachspürte. Diese beiden Bücher brachten den Autor ins Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit und aus seiner selbst gewählten Isolation und fast schon notorischen Weltabgewandtheit. Nachdem er vorher nur für einen Zirkel von Eingeweihten geschrieben hatte, war DeLillo plötzlich im Rampenlicht, gab sogar Interviews und verdiente, was ihm lange schon zustand: Vorschüsse in Millionenhöhe. Fast hatte man den Eindruck, der Mann habe sich Roman um Roman an die historischen Großereignisse herangetastet, um der Welt von dort aus dann seine Lesart dieses Jahrhunderts darlegen zu können.

Das Warten hatte sich gelohnt. „Underworld“ begann mit der fünfzig Seiten langen Schilderung eines einzigen Baseball-Spiels aus dem Jahre 1951, bei der allein der Flug des Balles beim entscheidenden Homerun acht Seiten währte. Ein Prolog war das, der dem Sport zurückgab, was er seither an Aura verloren hatte, und dem Land einen Einblick in das gewährte, was es im Innersten zusammenhält. Als hätte er all die Fliehkräfte umgekehrt, eingeschmolzen zu einem Roman, der in seinen besten Momenten wie Musik ist und dessen schwächere Seiten wie geradezu notwendige Irrtümer wirken, wie der Preis, den man für so viel Schönheit und Wahrheit entrichten muss.

„Unterwelt“ begann in einem Stadion mit 50 000 Zuschauern, „Körperzeit“ fängt in einer Küche mit zwei Leuten an. Der eine Roman war fast tausend Seiten lang, dieser begnügt sich mit 140. Und von einem machtvollen Ereignis erzählt Körperzeit nur insofern, als nach dem Prolog, der auch hier wieder das Herzstück des Buches ist, einer der beiden Leute stirbt, in Abwesenheit quasi, vermittels eines Zeitungsnachrufs, den man im ersten Moment gar nicht auf den Anfang bezieht. Nach dem großen Orchester nun also Kammermusik, und es stellt sich die Frage, was passiert, wenn sich DeLillo nun mit all seiner erzählerischen Macht auf eine ganz private Geschichte stürzt. Er entgeht jedoch der Gefahr, indem er die Erzählsituation durchgehend so intim gestaltet, dass es den Anschein hat, all die sonst nach Außen drängenden Kräfte richteten sich plötzlich nach Innen, ins Denken und Fühlen jener Frau, die als Witwe zurückbleibt und die Titelfigur des Originals ist: „The Body Artist“, die Performancekünstlerin.

Die amerikanische Kritik hat den Plot in ihrer unnachahmlichen Art in einen Satz gepackt: Der Roman erzähle von „einer Witwe, die in ihrem Haus am Meer nicht ganz so alleine ist, wie sie glaubt“. Tatsächlich taucht nach dem Selbstmord ihres Mannes eine Figur in ihrem Leben auf, die auf den ersten Blick wie ein entflohener Psychiatriepatient wirkt, bei näherem Hinsehen aber alles mögliche sein kann: ein Phantom ihres Mannes, ein Katalysator ihrer Trauer, eine Imagination ihres Wahns. Das Wesen sitzt eines Tages da und redet nichts – und wenn es etwas sagt, dann plappert es nur die Fragen nach, die ihm gestellt werden, allenfalls leicht variiert, Wortbrocken ohne Grammatik, wie ein Außerirdischer, der durch Mimikry versucht, unsere Sprache zu lernen. Was die Frau jedoch fasziniert und im weiteren Verlauf an diesen seltsamen Kostgänger fesselt, ist die Tatsache, dass er nicht nur den Tonfall ihres Mannes nachzuahmen scheint, sondern auch Gespräche wiedergeben kann, die das Paar vor seinem Tod geführt hat. Die Frage, ob die Figur Fantasie oder Realität ist, stellt sich bald nicht mehr – sie wirkt, als habe der Verstorbene wie die Kugel in Libra eine Art Nachhall hinterlassen, jene „Verwerfungen im Zusammenhalt der Dinge“, jene „Feldlinien“, die alles in Frage stellen, vor allem aber das Raum-Zeit-Kontinuum, dessen Dekonstruktion DeLillo hier nochmal auf kleinstem Raum thematisieren zu wollen scheint: „Es heißt doch, die Zeit vergeht, dachte sie. Aber vielleicht lebt er in einem anderen Zustand. Das ist eine Art Zeit, die einfach und überwältigend da ist, ausgebreitet, unvergehend, und ihm fehlt die angeborene Fähigkeit, diesen Zustand zu überdenken . . . Er kann nichts tun, um sich Zeit vorzustellen, wie sie in beruhigender Folge existiert, vergehend, fließend, geschehend.“

Die Frau, deren Performance-Kunst offenbar darin besteht, sich anderen Figuren anzuverwandeln und vollständig in ihnen aufzulösen, trifft auf eine Figur, die ähnliche Fähigkeiten zu besitzen scheint, aber jenseits alles Kunstwollens, als eine Art Wesenszug. In diesem Labyrinth von Echos, Doppelungen, Anverwandlungen verliert sich die Geschichte immer weiter, strebt auf einen Kern zu, der sich nicht ausmachen lässt. Ein Fall von verschärfter Trauerarbeit vielleicht – oder doch nur ein Netz von Widersprüchen, lose Enden, tote Punkte? Es gibt nach dem Nachruf am Anfang ein weiteres eingeschobenes Stück Journalismus, ein Porträt der Performance-Künstlerin mit Beschreibung ihres Auftritts, das in seiner (sicher beabsichtigten) Banalität wie ein Schock wirkt. Auf einmal sieht man von Außen eine Karikatur dessen, was man ein Buch lang als innere Wahrheit durchlebt hat. Ein sonderbarer, verstörender Kunstgriff des Autors, der womöglich all jenen den Spiegel vorhalten will, die nun über ihn schreiben, also am Ende nur eine Spiegelfechterei. Und doch ficht das die Schönheit dieses Buches nicht an.

Wer sich von DeLillos Sprache noch nicht hat verführen lassen, der kann es hier nachholen. In dem 20 Seiten langen letzten Frühstück des Paares, das von keiner Vorahnung getrübt ist, gelingt DeLillo wieder eine jener Ouvertüren, auf die er sich wie kein anderer versteht. Der Alltag zweier Leute wird in ein Nebeneinander von infinitesimalen Empfindungen zerlegt, in dem das tatsächliche Geschehen nur eine Fußnote ist. Die Welt besteht überwiegend aus Sätzen, die wir sagen wollten, aber nicht gesagt haben, aus Eindrücken, die kaum je an die Oberfläche des Bewusstseins treiben, aus Dingen, die wir nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen. Wir erleben nie das Eigentliche, immer nur den Nachgeschmack. Was wir für Wirklichkeit halten, ist nur die Spitze des Eisbergs – den entscheidenden Rest macht DeLillo sichtbar.

Wenn man den Roman gelesen hat, dann geht man hinaus und sieht die Welt mit neuen Augen. Als habe er sie auseinander genommen und neu zusammen gesetzt. Das ist es, was übrig bleibt, wenn das Buch längst wieder im Regal steht.

DON DeLILLO: Körperzeit. Roman. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001. 140 Seiten, 29,90 Mark.

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