22. März 2000 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | King of the World

Langsame Gitarre, Trompete und ein Gong

David Remnick über den Boxer Muhammad Ali - mehr als nur eine Biografie

Wenn jemand ein mehr als 400-seitiges Buch über Muhammad Ali verfasst, das sich hauptsächlich um die Kämpfe mit dem damaligen Schwergewichts-Weltmeister Sonny Liston dreht, und diese finden erst im letzten Drittel des Buches statt, dann schreibt der Autor entweder in Zeitlupe – oder er hat eine Menge zu erzählen, was über den bloßen Sport hinausgeht. In der Tat ist King of the World mehr als nur eine Sportlerbiografie, sondern eher eine Sozialgeschichte der USA in den Sechzigern, jener Zeit, in der Amerika aus den verschiedensten Gründen in den Seilen hing. Geschrieben hat das Buch David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, der durchaus von einer Liebe zum Boxen getrieben wurde, aber klug genug ist, sich nicht mit den zahllosen Poeten messen zu wollen, die schon dem Sport ihre Reverenz erwiesen haben.

Er geht nicht in den Clinch mit dem Mann Ali, will nicht Blut, Schweiß und Tränen, sondern nimmt sich ein Beispiel an seinem Gegenstand, hält Abstand, umkreist das Gegenüber, betreibt Fußarbeit. Er blickt aus verschiedenen Perspektiven auf seinen Helden – und tatsächlich ergibt sich aus jedem Blickwinkel ein eigenes Bild: Ali als Boxer, als Schwarzer, als Moslem, als Showman, als Kriegsdienstverweigerer. So ist Ali nur die Folie, vor der das Porträt eines Landes entsteht, das sich im Umbruch befindet. Natürlich fängt auch Remnick mit dem Ali heute an, jenem von der Parkinsonschen Krankheit gezeichneten „Krieger, der paradoxerweise letztlich die Liebe verkörperte”, der Legende, die nur noch Fotos oder Boxhandschuhe signiert, häufig mitten im Gespräch einschläft und ansonsten Videos von den einstigen Kämpfen ansieht. Da kann es dann passieren, dass er angesichts der Bilder von Jugend, Selbstbewusstsein und Unbesiegbarkeit die Hand hebt, die Finger wie Vogelflügel flattern lässt und sagt: „Die Zeit verfliegt. Fliegt. Fliegt. Sie fliegt davon. ”

Welche Zeit da verflogen ist und welche Rolle Ali in ihr spielte, beschreibt Remnick, indem er die alten Gegner in den Ring holt und zeigt, dass dabei keineswegs nur zwei Männer mit Fäusten aufeinander trafen, sondern verschiedene Bilder, Vorstellungen, Ideen, Traditionen. Rassentrennung, Mafia, Vietnamkrieg, Showbusiness. All das wird verhandelt – und Remnick macht den Ringrichter. Da gibt es zum Beispiel die schwarzen Boxer Floyd Patterson und Sonny Liston, die in den frühen Sechzigern zweimal gegeneinander kämpften, „guter Neger gegen bösen Neger”, der eine ein braver Kämpfer für Bürgerrechte, der andere ein vorbestrafter Schläger. Floyd Patterson wurde auch gerne Freud Patterson genannt, weil er der erste Boxer war, der freimütig von seiner Angst sprach, und weil ihm Niederlagen so zusetzten, dass er sich oft wochenlang verkroch. „Es ist kein schlimmes Gefühl, wenn du ausgeknockt wirst”, sagte er einmal, „Eigentlich ist es ein schönes Gefühl. Es tut nicht weh, du bist nur so unglaublich groggy. Du siehst keine Engel oder Sternchen; du bist auf einer angenehmen Wolke…Doch dann vergeht dieses schöne Gefühl. Du erkennst, wo du bist und was du da machst und was gerade mit dir passiert ist. Und dann folgt der Schmerz…”

Diese Einsichten hatten einen guten Grund, denn Patterson wurde zweimal von Liston in kürzester Zeit übel verprügelt. Der wiederum musste nicht ganz ohne sein Zutun die Rolle des wilden Tieres spielen, des unterbelichteten Wilden. James Baldwin drückte es etwas anders aus und hielt Liston für „sprachlos auf eine bestimmte Negerart – er hat eine lange Geschichte zu erzählen, die aber niemand hören will”. Liston selbst sagte mal: „Irgendwann schreibt einer mal einen Bluessong nur für Boxer: für langsame Gitarre, leise Trompete und einen Gong. ” Das war aber nach den Kämpfen gegen Patterson, zu denen so viele Intellektuelle sich versammelt hatten, dass sie „vor eine Schreibmaschine gesetzt, eine Ausgabe der Paris Review in 42 Minuten hätten produzieren können”. Neben Baldwin, Budd Schulberg und Ben Hecht war auch Norman Mailer dabei, der allen auf den Wecker ging und mit seiner großmäuligen Art sogar Liston auf die Palme brachte. Sie alle setzten auf jene Kontraste zwischen den Boxern, die die weißen Stereotypen vom schwarzen Mann bedienten.

Es musste erst Ali kommen, der die Vorurteile aushebelte. Ein Großmaul, das seinen eigenen Rap erfand, ein Kerl, der die Gesetze des Entertainments begriffen hatte, ein Boxer, der Kraft mit Beweglichkeit kombinierte. Vor dem Kampf gegen Liston tönte er: „Ich schick den großen häßlichen Bären auf die Bretter, und nach dem Kampf bau ich mir ein hübsches Haus und nehm ihn als Bärenfell. Liston riecht sogar wie ein Bär. Wenn ich ihn verhauen hab, spende ich ihn dem Zoo hier. ” Und Liston fiel darauf herein, hielt ihn für einen Verrückten, nahm ihn nicht ernst – und wurde zweimal verdroschen.

Der Rest ist Geschichte. Die Geschichte eines Mannes, der das Boxen seiner Vollendung zugeführt hat – und seinem Untergang. Er hat aus dem Sport eine Show gemacht, die dazu geführt hat, dass Boxen heute ein Spektakel ist wie die Tigernummern von Siegfried und Roy. Aber davon erzählt Remnick nur im Epilog. Am Tag nach seinem ersten Sieg gegen Liston wurde aus Cassius Clay jedenfalls Muhammad Ali – und Remnick schlägt ein weiteres Kapitel auf, wie Elijah Muhammad und Malcolm X um Alis Seele kämpfen, wie die Gemäßigten und Radikalen ihn vor den Karren zu spannen versuchen, und wie sich Ali instrumentalisieren lässt und sich allen letztlich auf seine Weise entzog.

Er hat in all den Wirren sein Seelenheil gefunden – auch wenn er sein körperliches Heil wie all die anderen geopfert hat. Er war zu gut, um zum rechten Zeitpunkt aufzuhören. Keiner hat das so gut beschrieben wie Liston, der wusste, wovon er sprach: „Siehst du, die verschiedenen Teile des Gehirns sitzen in kleinen Bechern. Wenn du einen schlimmen Treffer kriegst, flutscht das Gehirn aus den Bechern – plopp! –, und du bist k.o. Dann geht das Gehirn wieder in die Becher zurück, und du kommst zu dir. Wenn das aber oft genug passiert, wenn der Schlag hart genug ist, geht das Gehirn nicht wieder richtig in die Becher zurück, und dann braucht man andere Leute, die einem durchs Leben helfen. ” So ist das. Eine langsame Gitarre, eine leise Trompete und ein Gong!

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