08. November 1999 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Im Auge der Kokosnuss

Im Auge der Kokosnuss

Schwarzweiß-Malerei: Eine Reise zurück in den Alten Süden

Was die Amerikaner machen, das machen sie gründlich. Wenn sich also ein Sklavenhalter-Erbe seiner Vergangenheit annimmt und damit den National Book Award gewinnt, dann kann man davon ausgehen, dass die Sache Hand und Fuß hat. Das ändert aber nichts daran, dass das Buch allen erzählerischen Tricks zum Trotz etwas zähflüssiges hat. Diese amerikanische Manie, Fakten bis ins Letzte auszuwalzen, führt dazu, dass man schnell den Überblick verliert. Wer war mit wem verwandt? Und in welchen Zusammenhang wurde jemand schon einmal erwähnt? Das Buch ähnelt dem Besuch bei einer alten Tante: Anfangs staunt man noch über die Vielfältigkeit und Reichhaltigkeit der Familiengeschichten, irgendwann ermüden sie.

Edward Ball ist der Sohn eines Pastors aus Charleston und einer Pflanzertochter aus New Orleans, 1959 in Savannah geboren, im Süden aufgewachsen und in New York Journalist geworden. Zehn Generationen vorher hatte sich ein Vorfahr, 1698 aus England gekommen, am Cooper River niedergelassen und die Plantage Comingtee gegründet. Bald herrschte diese Familie über zwanzig Reisplantagen und gut 4000 Sklaven, die 1865 von den Unionstruppen befreit wurden. Und weil im Lauf der Zeit mancher Sklavenhalter mit seinen Sklavinnen das Bett geteilt hat, gibt es im Stammbaum gewisse Verästelungen, die dazu führen, dass der Autor mit manch einem Nachkommen von Sklaven seiner Vorfahren enger verwandt ist, als sich die alte Pflanzerherrlichkeit hätte träumen lassen.

Das ganze Buch – im Original „Slaves in the family” – ist ein interessantes Projekt. Der an der Familiengeschichte interessierte Autor stellt schnell fest, dass diese ohne den Anteil der Schwarzen nicht vollständig wäre. Und so betreibt er späte Wiedergutmachung, indem er die Geschichten parallel erzählt und weiße wie schwarze Verwandte und Nachfahren aufsucht: eine Familienzusammenführung, die Rassen- und Klassenschranken locker übergeht. Das macht den Charme des Buches aus – und auch seine Bedeutung: die Einsicht, dass die Geschichte der einen ohne die Geschichte der anderen nicht erzählt werden kann.

Tatsächlich bemüht sich Ball, die Chronologie aufzubrechen und die Leser nicht mit sturem Quellenstudium zu langweilen. Er erzählt von seinen einzelnen Besuchen, und auch wenn er allen Bemühungen zum Trotz kein sonderlich anschaulicher Erzähler ist, so ist doch die Absicht, die Geschichte von hinten nach vorne zu erzählen ganz löblich. Denn was nützen die Wurzeln und der Stamm, wenn man die Zweige und Blätter nicht sieht? Was die Lebenden erzählen können, ist ihm wichtiger als das, was sich über die Toten mutmaßen lässt.

Aber bei aller Liebe zur oral history und bei allem Erstaunen darüber, wie weit die Erinnerung reicht – fast hat man den Eindruck, sie könne mit ihren Fingerspitzen noch die Gründergeneration berühren – bei aller Sympathie für die gelebte Geschichte, erfährt man hier doch auch ihre Grenzen. Obwohl Ball sich bemüht, die Erzählungen historisch zu unterfüttern, stellt sich kein rechter Erzählfluss ein. Oft kommt man sich vor wie in einem Creative-Writing-Kurs und sehnt die schönen Lügen des Grand Old South herbei – den Sieg der dummen Fiktionen über die trüben Fakten.

Immer wieder taucht man ab in einen Ast der Familiengeschichte, um dann unvermittelt wieder durch die Geschichte der Südstaaten und ihrer Plantagen zu schwimmen. Man schnappt hier und da was auf und vergisst alles sofort wieder. Manchmal bleibt auch etwas hängen wie die Geschichte des schwarzen Malers, der gerne so gemalt hätte wie Claude Monet seine Seerosen, aber als Schwarzer keinen Zutritt zu den öffentlichen Parks hatte – und sich deshalb als Brückenarbeiter einschleichen musste.

Eine große Ruhe sei über ihn gekommen, schreibt Ball anfangs, als er den Beschluss gefasst hatte, sich mit seinen Ahnen zu befassen. Ein große Ruhe strahlen in der Tat vor allem die Schwarzen aus, die mit ihrer Geschichte viel leichter ins Reine zu kommen schienen als die Weißen, die bis heute der schönen Lüge anhängen, die „Ball-Sklaven” seien immer gut behandelt worden.

Am Ende, nach tausendundeiner Geschichte aus dem Sklavenland, reist Ball nach Sierra Leone, um an die Wurzel von allem zu gelangen. Sogar dort findet er Spuren von Erinnerungen und inszeniert mit einem dort ansässigen Stamm eine Art Gedenkritual für die Abertausende verschifften Sklaven. Eine Kokosnuss wird in zwei Hälften gespalten und auf den Boden geworfen. Wenn das Fruchtfleisch nach oben zeigt, so heißt es, dann werden ihrer alle Gebete erhört. Drei Mal wird die Nuss geworfen – dreimal zeigt das Weiße im Auge der Kokosnuss nach oben. So war die Sache doch für etwas gut.

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