28. März 1996 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | High Fidelity

Mysterien der ewigen Pubertät

Nick Hornby hat kein Erbarmen mit den Männern

NICK HORNBY: High Fidelity. Roman. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch. 336 Seiten, 39,80 Mark.

Es gibt Bücher, die hätte man gerne selbst geschrieben. Wenn man könnte oder wollte oder könnte, wie man wollte. Dieses Buch könnte dazugehören, weil es zum Beispiel davon erzählt, warum das Leben so ist, wie es ist – und vor allem meistens nicht so ist, wie es sein sollte. Warum ist es nicht einfach wie ein Song von Bruce Springsteen? Dann wäre alles einfacher. Andererseits ist vermutlich nicht mal Springsteens eigenes Leben wie ein Song von Springsteen. Womit schon ein guter Grund genannt wäre, warum man diese oder andere Songs anhören – und dieses Buch lesen – sollte. Sie bieten Trost.

Der Titel „High Fidelity“ bezieht sich zum einen auf die Tatsache, daß Hornbys Held einen kleinen Schallplattenladen führt, und deutet zum anderen an, daß um Treue aller Art geht, zum Lebensgefährten wie zu sich selbst. Das eine ist allerdings so schwierig wie das andere.

Hornby hat die Angwohnheit, alles und jedes in Listen zu fassen. Die fünf besten Songs über den Tod, die fünf besten Filme mit Dustin Hoffman, die fünf besten Episoden der Fernsehserie Cheers. So bekommt die Welt einen Moment lang eine Ordnung, die sonst nicht existiert. Einmal ordnet der Held seine Plattensammlung nach dem Kaufdatum und hat dabei den Eindruck, er schreibe damit so etwas wie seine Autobiographie: ‚Wenn ich, sagen wir, Blue von Joni Mitchell spielen möchte, muß ich mich daran erinnern, daß ich sie im Herbst 1983 für jemanden gekauft und es mir dann aus Gründen, auf die ich hier wirklich nicht näher eingehen möchte, anders überlegt habe.‘ Daß der leiseste Zweifel genügt, solche Ordnungen wieder einstürzen zu lassen, ist eine andere Geschichte. Aber einen Moment lang lichtet sich das Chaos, das man für sein Leben hält.

Interessant sind in diesem Zusammenhang natürlich die fünf Lieblingsbücher des Helden: „Der große Schlaf“ von Raymond Chandler, „Roter Drache“ von Thomas Harris, „Sweet Soul Music“ von Peter Guralnick, „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams und, keine Ahnung, irgendwas von William Gibson oder Kurt Vonnegut.‘ Keine schlechte Wahl, sagt alles über den Helden – und nichts über das Buch. Es ist völlig anders, aber man weiß nun, woraus es sich speist.

Hornby beginnt seinen Roman denn auch mit einer Top Five der unvergeßlichsten Trennungen, und damit steckt man bereits mittendrin, in den Mysterien der Pubertät und des Erwachsenseins – was nach Lage der Dinge auch nur eine Fortführung der Pubertät mit anderen Mitteln ist. Hornbys Held Rob Fleming ist 36 und also erwachsen. Nur weigert er sich, das zuzugeben oder die Konsequenzen zu ziehen oder was auch immer. Dies ist schließlich das Alter, in dem so manches unklar ist, obwohl es das eigentlich nicht mehr sein sollte. Warum fühlt man sich Frauen gegenüber, wenn es darauf ankommt, immer wieder wie ein 14jähriger, obwohl sich seit dem 14. Geburtstag doch manches Rätsel der weiblichen Anatomie aufgelöst hat? Und warum hat man keine größeren Sorgen als die, daß der Kopf im Pullover steckenbleiben könnte? Dieser Roman wird Männern solche Fragen vielleicht nicht beantworten können, aber er wird immerhin Frauen jede Illusion nehmen, ihre Männer könnten irgendwann erwachsen werden.

Nick Hornby hat vor „High Fidelity“ einen Roman geschrieben, der auch schon männlichen Macken auf den Grund ging: „Fever Pitch“ war die Beichte eines hoffnungslosen Fußball-Fans. Hornby wirft einen ziemlich scharfen und unglaublich witzigen Blick auf die Eigenheiten seiner Geschlechtsgenossen: Wie sind Männer, wenn sie erwachsen werden müssen, wenn sie verlassen werden, wenn sie auf Brautschau gehen, wenn sie mit sich alleine sind? Das Buch ist also durch und durch egozentrisch: Vorurteile und Eitelkeiten, Animositäten und Empfindlichkeiten, Unausgesprochenes und Eingestandenes, alles drin. Ein Anschauungsbuch über Wesen und Wahn der Männer.

Wenn man sich der Gemütslage des Helden anpassen wollte , dann müßte man jetzt eine Liste der fünf Bücher erstellen, die man gerne selbst geschrieben hätte. Wie wär’s mit: „Flicker“ von Theodore Roszak, „Nacht über Surf City“ von Kem Nunn, „Die längste Sekunde“ von Bill S. Ballinger, „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch und, keine Ahnung, vielleicht „High Fidelity“ von Nick Hornby.

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