01. April 2000 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Aus tiefstem Vergessen

Liebe am Nachmittag

Leicht und flüchtig wie das Erinnern: Patrick Modiano erzählt „Aus tiefstem Vergessen”

Das Schönste, was sich über dieses Buch sagen lässt, könnte zum Beispiel sein, dass es Filmen gleicht, wie sie schon lange nicht mehr gemacht werden. Antonionis La notte etwa, Truffauts SÜSSE HAUT, Malles IRRLICHT oder Fellinis MÜSSIGGÄNGER. Ein Buch in Schwarzweiß, wie die Fotos aus jener Zeit, als die Mädchen lange Beine hatten und die Herren noch Anzug trugen. Ein Buch, so leicht und flüchtig wie das Erinnern selbst.

Es passiert nicht viel in diesem Buch – das sagt sich so leicht. In Wirklichkeit geht es natürlich um alles: das Vergehen der Zeit, das Verschwinden der Jugend, die Schmerzen der Erinnerung, die Schatten der Liebe. Aber es gibt kaum einen, der davon mit so leichter Hand schreiben kann, so einfach und klar und unaufgeregt. Es ist wie im Leben: Während man sich noch fragt, wann endlich etwas passiert, sind alle Entscheidungen schon gefallen. Man hat es nur nicht gemerkt. Was im Herzen so leicht wog, entpuppt sich auf einmal doch als gewichtigeres Erlebnis. Je unzuverlässiger die Erinnerungen werden, desto mehr gewinnen sie an Schwerkraft. Am Ende lasten sie umso schwerer auf der Seele, je weniger man sie fassen kann. Diese doppelte Bewegung könnte man Modianos Unschärferelation nennen.

Klingt kompliziert, ist es aber gar nicht. Es gibt also einen Erzähler, der sich 30 Jahre zurück erinnert, an eine Zeit mit einem Mädchen namens Jacqueline, die stets zu kühl gekleidet war, eine Vorliebe für Äther hatte und von Mallorca träumte. Erst war sie mit einem Typen namens Gérard Van Bever unterwegs, der sich mit Casinobesuchen in der Provinz über Wasser hielt, dann floh sie mit dem Erzähler nach London, wo die beiden einen Sommer verbringen, ehe Jacqueline verschwindet. Man kann nicht einmal behaupten, dass es die große verflossene Liebe ist, die den Erzähler dazu bringt, nach 30 Jahren dieser Beziehung nachzuhängen. Man hat eher den Eindruck, dass die beiden einfach nichts Besseres zu tun hatten und sich deshalb aneinander klammerten, weil Zeit damals keine Rolle spielte und die Liebe nicht viel kostete.

Patrick Modiano, der für uns von Handke – dem das Buch gewidmet ist – entdeckt wurde, kreist mit diesem Buch um dieselben Fragen, die ihn schon immer beschäftigt haben: Wie hängen Topografie und Erinnerung zusammen, was verbindet Stadt und Gedächtnis? Es sind die Bücher eines Mannes, der über einem Stadtplan wie über einem Telefonbuch gleichermaßen ins Träumen geraten kann. Und jeder Straßenname oder Telefoneintrag ist gleichsam eine Einstiegsluke in eine Vergangenheit, die es zu beleben gilt. Als könne man auf diese Weise begreifen, was einem von der eigenen Biografie abhanden gekommen ist.

Das ist so einfach, wie Modiano erzählt, so schön, so schmerzlich: die Bars im Quartier Latin, die Stunden am Flipper, das Warten darauf, dass etwas passiert; das flatterhafte Mädchen, die stillschweigende Duldung durch ihren Begleiter, die plötzliche Anwesenheit einer neuen Bekanntschaft. Die Zusammenhänge sind so unklar wie im Leben selbst, die Beziehungen nie richtig zu durchschauen. So ziehen sie durch die Nächte, vertrödeln ihre Tage und sind, ehe sie sich versehen, mit einem gestohlenen Koffer und etwas Geld in London, wo sie sich die Zeit in Kinos, Parks, Cafés und heruntergekommenen Wohnungen vertreiben. Eine große Unverbindlichkeit liegt über allem, die dann wohl das ist, was man Jugend nennt.

Einmal sitzt der Erzähler am Bahnhof Saint-Lazare in der Salle des Pas Perdus, was eine fabelhafte Bezeichnung ist für den Raum, in dem praktisch alle Romane Modianos spielen: Saal der verlorenen Schritte. Er sitzt also da und träumt davon, ein Papier in kleine Zettel zu zerschneiden, auf die er alle Namen, Adressen und Orte notiert, die in letzter Zeit für ihn Bedeutung gewonnen haben: „Das also war mein gegenwärtiges Leben? Alles beschränkte sich auf rund zwanzig bunt zusammengewürfelte Namen und Adressen, zwischen denen ich die einzige Verbindung war? Wenn ich es beschloss, konnte ich diesen Tisch verlassen und alles würde sich auflösen, alles würde im Nichts verschwinden. ”

Im Grunde ist das Modianos Arbeitsweise: Mit jedem Roman sortiert er seine Zettel immer wieder neu, als könne er dadurch dahinterkommen, welche dünnen Fäden das, was man Leben nennt, zusammenhalten. Und dabei sind seine Geschichten stets von der Auflösung bedroht, weil sie sich so nahe am Nichts abspielen. So flüchtig sind sie, dass sie schon im nächsten Moment vom Vergessen verschluckt werden könnten.

30 Jahre sind vergangen – nichts ist geblieben außer jenem bittersüßen Geschmack von Freiheit und Jugend. Und als der Erzähler in der Metro eine Frau sieht, die ihn an Jacqueline erinnert, fällt ihm eine weitere Episode ein, die sich 15 Jahre zuvor zugetragen hat, auf halber Strecke also zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Da ist er ebenfalls einer Frau gefolgt, die wie Jacqueline aussah, hat sich auf eine Party eingeschlichen und sie angesprochen. Was dann passierte, muss man nicht unbedingt verraten – aber es trägt zu jener Gewissheit bei, dass die Vergangenheit niemals wirklich abgeschlossen ist und ihre Gespenster mehr sind als nur eine fahle Erinnerung.

Die letzten Sätze heißen: „Früher einmal war die ganze Straße voll mit Cafés, Kinos, Reparaturwerkstätten, deren Reklameschilder noch zu erkennen sind. Eines von ihnen leuchtete wie ein wachsames Nachtlicht, umsonst.” So müssen Bücher aufhören.

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