22. August 2000 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Anils Geist

Asche zu Asche, Staub zu Staub

Der dunkle Handel mit der Realität: Michael Ondaatje kehrt mit „Anils Geist” nach Sri Lanka zurück

Als „Der englische Patient” in Tunesien verfilmt wurde, musste für die Dreharbeiten eigens eine Straße durch die Wüste angelegt werden, die man scherzhaft nach dem Produzenten taufte: Saul Zaentz Imperial Highway. Michael Ondaatje, der sehr beeindruckt war, mit wie viel Aufwand sein Roman umgesetzt wurde, sagte später in einem Interview, dass ihm das auch gefallen hätte, wenn eine Straße nach ihm benannt worden wäre: „Das hätte nicht schlecht geklungen: Ondaatje Road. Die Straße, die ins Nichts führt.”

Damit hat der Kanadier ganz gut auf den Punkt gebracht, wie man sich in seinen Büchern als Leser fühlt: als sei man gerade von der Hauptstraße abgebogen auf einen kaum befahrenen Weg, der durch nie gesehene Landschaften führt und mit jeder neuen Biegung immer größere Zweifel aufkommen lässt, wohin die Reise eigentlich geht. Andererseits wachsen am Wegesrand so phantastische Blüten, tun sich immer wieder so grandiose Ausblicke auf, dass man den ungewissen Fortgang des Ausflugs gern vergisst.

In den acht Jahren seit dem Welterfolg des „Englischen Patienten” hat Ondaatje lediglich einen Gedichtband veröffentlicht, und natürlich hat „Anils Geist” wie die anderen Romane auch einen Hang zum Lyrischen, zur Verselbständigung der Sprachbilder, zum blitzlichthaften Überstrahlen einzelner Momente. Und obwohl Ondaatje seine labyrinthischen Handlungsfäden schon immer aus bestimmten Bildern heraus entwickelte, erzählt er diesmal eine vergleichsweise stringente Geschichte, fast schon einen Krimi-Plot.

Anil Tissera kommt nach 15 Jahren Arbeit als Forensikerin für die Genfer Menschenrechtskommission zurück in ihre Heimat Sri Lanka, um dort zusammen mit einem Archäologen anhand einiger Leichenfunde zu beweisen, dass auf der vom Bürgerkrieg zerrissenen Insel nicht nur die Rebellen, sondern auch die Regierungstruppen Menschen ermorden. Wenn man so will, dann ist sie eine Schwester von Thomas Harris’ Clarice Starling und von Patricia Cornwells Kay Scarpetta, die im Kriminalroman ebenfalls diesem so grausigen wie poetischen Beruf nachgingen, den Toten ihr Geheimnis zu entlocken. Wobei Ondaatje vor allem damit arbeitet, dass Rechtsmedizin wie Archäologie auf einem schmalen Grat zwischen Wissenschaft und Imagination angesiedelt sind. Was die Labore und medizinischen Untersuchungen preisgeben, ist nur die eine Seite der Wahrheit; den Rest muss man sich auf andere Weise zusammenreimen. Und es kann sein, dass man dabei auf eine ganz andere Wahrheit stößt.

Da gibt es den Fall des begnadetsten aller Archäologen, der mit Schimpf und Schande davongejagt wurde, weil er jene unsichtbare Grenze überschritten hat, welche die bloßen Vermutungen von der glatten Erfindung trennt. Der Mann, der in den Überresten wie kein anderer zu lesen verstand, hat sich irgendwann in eine andere Realität geflüchtet, die auch ohne Belege auskam.

Und es gibt den Künstler, der von Anil den Auftrag bekommt, aus einem Schädel mit Ton das Gesicht der Verstorbenen zu formen, und der am Ende doch nur zu seiner eigenen Wahrheit findet: In der Maske des Toten hat er das Gesicht seiner eigenen ermordeten Frau nachgebildet – oder zumindest jenen Frieden, den sie im Tod nie gefunden hat. In gewisser Weise gleichen all diese Annäherungsweisen an die Spuren der Vergangenheit auch Ondaatjes eigener Arbeitsweise, bei der er die Fotos vom Brückenbau in Toronto anreichert mit seiner Geschichte von „In der Haut des Löwen” oder die Erinnerungen des Grafen von Almasy zum Schicksal des „Englischen Patienten” anfüllt. Die in penibler Recherche zutage geförderten Fakten sind sein Sprungbrett in die Phantasie, und in gewisser Weise sind seine Romane Steinbrüche der Erinnerung, in denen die Blöcke immer wieder neu behauen werden. Diesmal arbeitet er näher an der Wirklichkeit, aber die gegenwärtige dramatische Lage auf Sri Lanka ist auch nur ein löchrige Boden, in dem zahllose Stollen in die Vergangenheit führen.
Ondaatje besitzt dabei ein unglaublich sensibles Gespür fürs Untergründige, für die seismographischen Bewegungen, die an der Oberfläche Wellen schlagen. Und fast hat man den Eindruck, er investiere so viel Kraft in die Erforschung des Unsichtbaren, dass für die Erfordernisse des flüssigen Erzählens mitunter der Atem fehlt.

In seiner Sprache drängt alles zur Kristallisation, zum poetischen Juwel, dass die einzelnen Passagen nahezu unverbunden dastehen. Sie setzt sich die Arbeit des Erzählers und seiner Helden im Leser fort: Er muss das Skelett der Erzählung selbst mit Fleisch füllen. Fast muss man Absatz um Absatz Atem holen, um all die Schönheit, all den Aufruhr der Gefühle, den ganzen Bildersturm sich setzen zu lassen. Das ist seine Qualität und sein Mangel zugleich.

„Sein größter Wunsch”, heißt es einmal über den Archäologen, „sei es, eines Tages ein Buch über eine Stadt im Süden der Insel zu schreiben, die es nicht mehr gab. Keine einzige Mauer war stehengeblieben, aber er wollte die Geschichte dieses Ortes erzählen. Sie würde sich aus diesem dunklen Handel mit der Erde ergeben. ” Diesen Wunsch verwirklicht Michael Ondaatje mit jedem Buch – das ist sein dunkler Handel mit der Realität.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


sieben − fünf =