14. Oktober 1999 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | An der Nase herumgeführt

Ganz in 
Weiß

Der Erfolg des Tüchtigen: Tom Wolfe macht in „Ein ganzer Kerl” mit seinem Gerede ernst

Nehmen wir einen Spaten, graben ein tiefes Loch und werfen dieses Buch (in der Schutzfolie natürlich) hinein. Wenn dann in ein paar hundert Jahren jemand, der des Lesens noch mächtig ist, auf diesen Brocken stößt, was wird er denken? Wird er verstehen, was unser Jahrhundert bewegt hat? Wird er überhaupt begreifen, wovon Tom Wolfe erzählt?

Auch wenn wir die Antworten nie wissen werden, so sagt doch allein schon die Tatsache, dass sich solche Gedanken einstellen, eine Menge über „A Man in Full” aus. Jeder Satz in dem Buch scheint zu brüllen „Seht her! Ich bin auf der Höhe der Zeit! Ich bin die pralle Gegenwart!” Und teilweise hat er damit sogar recht.

Tom Wolfe, dieser wandelnde Anachronismus in Weiß, tönt ja schon seit langem, der große amerikanische Roman müsse endlich wieder her, und er sei der Mann, der ihn schreiben könne (siehe auch Willi Winklers Kritik in der SZ vom 5.12.98 und Norbert Niemanns Aufsatz vom 9.9.99). Einerseits verschafft er sich mit diesen Tönen Gehör und seinem Buch Aufmerksamkeit, andererseits gehen sie auch in den Sound der eigenen Sätze ein. Selbst wer willens ist, das Buch nicht ständig am Gerede seines Autors zu messen, wird das Bild des arroganten Dandys nicht los, dessen Kalkül man hinter jeder Figur und jeder Wendung am Werk wähnt. Ein naturalistischer Roman soll „Ein ganzer Kerl” sein – aber Wolfes Naturalismus geht so weit, dass man hinter all der fabelhaft detailgenauen Recherche sogar noch zu hören glaubt, wie sich der Autor ob seiner Gewitztheit die Hände reibt. Hinter jeder Ecke scheint er zu lauern, als würde er sich diebisch freuen, den Leser nach seinem Willen an der Nase herumführen zu können und immer schon vor ihm da zu sein. Diese naseweise Tour kann manchmal ermüden.

Nichtsdestoweniger sorgt die Art, wie er die Geschichten verquickt, durchaus für Abwechslung, und die Konsequenz, mit der er von verschiedenen Seiten aufs Leben blickt, schafft einen Reichtum, bei dem man als Leser schnell den Eindruck hat, man bekomme für sein Geld und seine Geduld sehr wohl etwas geboten. Alles ist drin: Immobilienhai und Lagerarbeiter, Anwalt und Bankbeamter, Bürgermeister und Footballstar. Verschwendung und Bescheidenheit, Körperwahn und Altersschwäche, Angst und Wut, Hass und Gleichmut, Arroganz und Demut. Schwarz und Weiß, Reich und Arm sowieso, Jung und Alt, Männlein und Weiblein – das volle Programm. Und Wolfe zieht darin die Strippen, dass es eine wahre Freude ist.

Worum also geht es? Um eine im Süden des Landes gelegene Stadt mit kosmopolitischen Ambitionen und ihre sehr der Tradition verhafteten Bürger; um einen Skandal, der die beschauliche Ruhe stört; um die Machenschaften hinter den Kulissen von Politik und Hochfinanz; um Prediger, die Stimmung machen; und um einen Mann, der schuldlos im Gefängnis landet. Genau von denselben Dingen handelte einst auch „Erfolg”, in dem Lion Feuchtwanger seiner Hassliebe zur Stadt München ein Denkmal setzte. Und vielleicht wird gerade im Vergleich deutlich, warum Wolfes Roman über die Stadt Atlanta letztlich gescheitert ist, obwohl er über weite Strecken so genau beobachtet, so unterhaltsam und witzig ist.

Wo Feuchtwanger explizit aus der künstlichen Perspektive des Jahres 2 000 aufs München der Zwanziger Jahre blickte , da blickt auch Wolfe – allen Vergegenwärtigungsstrategien zum Trotz – aus großer Höhe auf seine Stadt. So nah er den Leuten auch kommen möchte, indem er lautmalerisch an ihren Lippen klebt, so anschaulich sich manche Passagen über Atlanta auch lesen mögen, so fern und unsinnlich wirkt doch das meiste.

Wenn Wolfe in Interviews immer betont, wie spannend er diese Stadt findet, dann fragt man sich, ob damit wirklich immer nur die Spannungen zwischen möglichst gegensätzlichen Polen gemeint sein müssen. Denn anders nimmt er die Stadt gar nicht wahr. Alles tendiert zum Extrem, und jedes Gebäude ist entweder Luxusvilla oder Abbruchhaus. Vielleicht unterscheidet das ja auch das amerikanische von unserem Verhältnis zu Städten – zu Hause fühlt sich Wolfe in Atlanta nie. Da kann er noch so hingebungsvoll alle stadtpolitischen und topografischen Entwicklungen der Stadt schildern, als Leser fühlt man sich dennoch immer wie auf einer Sightseeing-Tour. Was Feuchtwangers München hat, fehlt Wolfe: Er hasst die Stadt nicht – er liebt sie aber auch nicht. Er statuiert an ihr einfach ein Exempel.

Dennoch langweilt „Ein ganzer Kerl” trotz seiner stolzen 920 Seiten Umfang nie, denn in der Regel ist Wolfe als Erzähler geschickt genug, um Szenen zu finden, die ihre eigene Dynamik entfalten: Man kann in „Ein ganzer Kerl” also in allen Einzelheiten erleben, wie Wachteln gejagt werden oder wie ein Deckhengst eine Zuchtstute bespringt. Und man kann darüber lachen, wie der vorgebliche Titelheld, der ganze Kerl, ein Macho der alten Südstaatenschule, nächtens in voller Reitmontur in die eigene Alarmanlage stolpert, oder wie der zweite Held, ein eher schüchterner Bursche, beim Versuch, seinen Wagen bei der Verwahrstelle auszulösen, im Gefängnis landet. Wolfe ist in seinem Element, wenn es darum geht, die Tücken des modernen Lebens in all ihrer Unverträglichkeit einzufangen. Wenn ein Schwächling unter Brutalos im Gefängnis landet; wenn eine Frau in den sogenannten besten Jahren versucht, mit ihrer Fitness-Gruppe mitzuhalten; oder wenn die alten Haudegen auf der Plantage versuchen, mit ihren New Yorker Gästen Konversation zu machen. Wirklich richtig lustig.

Wolfe hat also mit spitzer Feder alles aufgespießt, was das heutige Amerika so bewegt: Fitness, Banker, Städteplanung, Erdbeben, Hip-Hop – you name it! Tatsächlich kommt alles vor, was einem auf den ersten Blick so einfallen mag. Aber irgendwie erinnert das an jene Yoghurt-Packungen, die auf dem Deckel damit werben, man komme nun 20 Prozent mehr Yoghurt fürs gleiche Geld. Mag ja sein. Aber es bleibt trotzdem derselbe Yoghurt.

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