06. Oktober 2000 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | American Rhapsody

Die Nackten und die Idioten

Willard und Vlad: Drehbuchautor Joe Eszterhas schreibt seinen ersten Roman "American Rhapsody"

Was macht der höchstbezahlte Drehbuchautor Hollywoods, wenn er sich im Alter von 53 Jahren mit Frau und Kindern auf die Insel Maui zurückzieht und über das Leben nachdenkt? Manche vermuteten, er arbeite an einem Geheimprojekt für Steven Spielberg, andere hofften, er habe das Schreiben völlig aufgegeben. Tatsache ist, dass Joe Eszterhas sich zwei Jahre lang in seinem Strandhaus in Malibu eingeschlossen und einen Roman geschrieben hat, in dem er mit allem abrechnet, was ihn und sein Land seit den sechziger Jahren bewegt hat. Und man muss gar nicht erst die 432 Seiten durchackern, um zu begreifen, worum es sich hauptsächlich dreht, denn Eszterhas macht schon im Vorwort keinen Hehl daraus: Es geht in „American Rhapsody” (Alfred A. Knopf, $ 25,95) um sein Geschlechtsteil. Und weil ein Roman immer noch eine zweite Ebene braucht, geht es auch um den Pimmel des Präsidenten. Und um den vor allem.

Reden wir nicht darum herum: Der Präsident nennt – da zitiert Eszterhas Gennifer Flowers – sein Ding „Willard”, weil das länger als „Willie” sei – und auch das gibt einem schon einen ersten Eindruck davon, von welcher Art der Humor in diesem Buch ist. Eszterhas hat aus dem Star-Report, den Gesprächen mit der Lewinsky-Vertrauten Linda Tripp und den Memoiren der Clinton-Geliebten Gennifer Flowers einen Roman zusammengeschustert, der sich bei aller Wortgewalt nur unwesentlich über sein Ausgangsmaterial erhebt. Aus Mangel an Vergleichen könnte man sagen, dass sich das so liest, als hätten sich Tom Kummer und Franz-Josef Wagner über die Barschel-Affäre hergemacht. Protzer-Prosa von der ersten bis zur letzten Seite.

Weil der Mann aber nicht umsonst drei Millionen Dollar für sein Drehbuch zu „Basic Instinct”, dreieinhalb Millionen für SHOWGIRLS und vier Millionen für ONE NIGHT STAND bekommen hat, kann man nicht leugnen, dass er mitunter ein Talent dafür besitzt, Dinge plastisch darzustellen. Andererseits ist es aber weniger die Spannung, die den Leser voranzieht, als das ungläubige Staunen, ob Eszterhas all das wirklich ernst meint, und die Frage, ob sich im Laufe des Buchs vielleicht doch noch erschließt, was den Mann antreibt. Die Antwort lautet dann aber doch nur: Eitelkeit, Rachsucht und das verzweifelte Bemühen um einen Skandal. Damit aber klar wird, dass er eigentlich ein größeres Panorama im Sinn hat, gibt es ein ganzes Kapitel in dem in Stichpunkten sämtliche Skandale, Peinlichkeiten und Ausrutscher von Politikern und Prominenten seit dem Zweiten Weltkrieg aufgelistet sind – die great american novel sieht anders aus.

Wenn man überlegt, dass Eszterhas für seine niederen Instinkte von den Studios Geld wie Heu bekommt, dann wird klar, warum alle behaupten, in Hollywood gehe es nur darum zu zeigen, wer den Längsten hat. Kein Wunder also, dass die Filme so aussehen, wie sie aussehen. Schon im Vorwort schreibt Eszterhas, der im wirklichen Leben aussieht wie die unschönere Hälfte von „Die Schöne und das Biest”, schon immer sei sein Schreiben in zwei Hälften zerfallen.

Auf der einen Seite habe er politisch verantwortungsvolle Drehbücher verfasst zu Costa-Gavras-Filmen wie MUSIC BOX und BETRYAED – er nennt sie ästhetisch ambitioniert und moralisch erhebend, mit Verlaub handelt es sich dabei eher um paranoiden Politkitsch; auf der anderen Seite habe es stets den kleinen Teufel in ihm gegeben, der Dinge wie BASIC INSTINCT oder SHOWGIRLS geschrieben habe – die in ihrer aufrichtigen Oberflächlichkeit immerhin ziemlich unterhaltsam waren. Zwei Seelen wohnen also in seiner Brust – um so erstaunlicher, das sein Schreiben immer wieder aufs selbe hinausläuft, auf das, was zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky wirklich vorgefallen ist. Und weil man das schon kennt, erschöpft sich der Roman schnell im Menschlichen und Allzumenschlichen.

Alles dreht sich um die Frage, warum oraler Verkehr nicht wirklich Sex ist. Und Eszterhas zitiert alte Produzenten-Praktiken, wonach sich die Studiobosse nach dem Mittagessen stets eine „Maniküre” genehmigten, die tatsächlich mehr mit Verdauung als Sex zu tun hatte. Das Kapitel, in dem er über die kulturelle Bedeutung der Fellatio schreibt, nennt sich: „Amerika würgt, Hollywood schluckt”. Gut, das wir verglichen haben.

Wirklich phänomenal ist die Art und Weise, wie Eszterhas den ganzen Bankrott einer Generation an einem Präsidenten festmacht, der sich nicht beherrschen kann. Unerträglich die Art, wie er sich mit Clintons Verfehlungen gemein macht. Er sieht ihn als Opfer jenes neuen Puritanismus, der ausgerechnet von einer Generation verkörpert werde, die früher Sex statt Krieg gefordert hat: „Jetzt sind wir selbst Muttis und Vatis und haben Schiss, unsere Kinder könnten sich im Bett genauso wild und verrückt aufführen wie einst wir. Wir haben ein besseres Amerika geformt, aber unsere Definition beinhaltet nicht jene Dinge, die wir in unserer Jugend getan haben. Wir haben damals Bukowski und Kerouac und Henry Miller gelesen, aber jetzt verlangen wir von unseren Kindern, dass sie Tom Clancy und Tom Brokaw lesen – oder, wenn es sein muss, Stephen King. Bloß nichts zu Deutliches, nicht zu Erotisches, nichts, was die Innereien unserer Kinder durcheinander bringen könnte – damit sie nicht enden wie wir, als Geiseln von Prozac und Seelenklempnern. ” Man sieht: Selbst da, wo er recht hat, hängt dem Ganzen der Geruch von Selbstmitleid an.

Wenn es je einer Veranschaulichung bedurft hätte, wie die Ideen der Sixties in Verblendung und Mitläufertum enden konnten, dann wird sie hier geliefert. Ein Mann prahlt mit sexuellen Errungenschaften, bejammert das politisch korrekte Klima und hält sich schadlos am Unglück anderer – dies ist also die Lebensbeichte von Hollywoods teuerstem Autor. Das ist mehr als eine Bankrotterklärung eines ganzen Systems – es ist eine Nestbeschmutzung. Und wenn es etwas über das politische System aussagen soll, dann nur insofern, als das Buch über den Präsidenten der Vereinigten Staaten noch nicht einmal mehr einen Skandal verursachte. In Amerika wurde es zu Recht als Wahn eines Protzers abgetan. Woran man nur sieht: Das öffentliche Amt ist überhaupt nicht mehr zu beschädigen. Und was das angeht, liefert Eszterhas reichlich Material über LBJ, JFK und Nixon.

Wie er es denn fände, wurde Eszterhas von einem Interviewer gefragt, wenn der Kosename für sein bestes Teil publik gemacht werde? Joe Eszterhas ließ sich nicht lumpen: „Ich nenne meinen: Vlad, den Zerstörer. ” Gut gebrüllt, Löwe. Und welche Schlüsse hat er ansonsten aus der Affäre gezogen? Nachdem er das ganze Material zum Thema verschlungen hatte, sagt Eszterhas, habe er Lust verspürt, nur noch mit Frau und Kindern zu spielen, sein Telefon auszuhängen und sich tot zu stellen. Das wäre in der Tat für alle Beteiligten das Beste gewesen. Wenigstens wird aus diesem Buch kein Film mehr gemacht werden.

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