24. August 2003 | Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | Photographie, Rezension | Oliver Boberg

Wo Wolken aus Watte sind

Haltlose Blicke: Oliver Bobergs Fotos erkunden das Niemandsland zwischen Kunst und Kino

Wenn davon die Rede ist, daß im Moment des Todes das Leben noch mal wie ein Film vorm geistigen Auge ablaufe, dann sind damit natürlich nur möglichst bedeutungsvolle Bilder gemeint, in denen die Wechselfälle des Geschicks zum Ausdruck kommen. Was aber, wenn sie denen von Oliver Boberg ähneln? Wenn sie nichts von alledem zeigen, was wir gerne für unser Leben halten? Wenn sie nur Szenen zeigen, deren Bedeutung wir in jener längsten Sekunde nicht mehr entschlüsseln können? Dann müßte man wohl sagen, daß sie gerade dadurch unserem Leben doch verdammt ähnlich sehen. Denn Bobergs Fotos zeigen Garageneinfahrten, Unterführungen, Hinterhöfe, Brandmauern, Rohbauten, Parkdecks, Häuserecken und jede Menge nassen Beton. Und auf seinen nächtlichen Videos sieht man Regen auf einer Landstraße, aufsteigenden Nebel im Wald, aufgelassene Fabrikbauten oder Stahlbrückenkonstruktionen. Nichts passiert, außer daß sich die Zeit dehnt und die allgegenwärtige Nacht ihre eigenen Gespenster ruft.

Oliver Boberg ist 1965 in Herten im Kreis Recklinghausen geboren und lebt heute in Fürth. Auch wenn man von beiden Orten nichts weiß, kann man davon ausgehen, daß sie als Bühnen für eine bestimmte Form von Melancholie, die einen an öden Sonn- und tristen Regentagen befällt, genauso gut geeignet sind wie tausend andere. Womöglich sind sie noch ein bißchen langweiliger als andere Städte, aber vor den Erfahrungen, von denen Bobergs Bilder erzählen, ist man auch in Metropolen nicht gefeit. Die gähnende Leere der städtischen Brache, die Einsamkeit der Hinterhöfe und die unschöne Art, wie Beton fleckig verwittert, kennt man auch dort. Denn urbane Erfahrungen konzentrieren sich selten auf Sehenswürdigkeiten, sondern bestehen allerorten aus Eindrücken, die alles andere als sehenswert sind, weil sie jenem Niemandsland entstammen, das dem Auge kaum einen Halt gibt.

Oliver Boberg wäre nicht der erste, der diese Empfindungen ins Bild gesetzt hat – was ihn allerdings von allen anderen unterscheidet, ist die Tatsache, daß seine Schauplätze nicht von dieser Welt sind. Denn keiner seiner Orte existiert wirklich, sondern ist im Grunde nur verdichtete Erfahrung. Er hat nämlich all diese Szenerien im Modell nachgebaut, hat sie wie ein Spielzeugeisenbahner so lange bearbeitet, bis sie durch den Sucher der Kamera so täuschend echt wie möglich aussahen, und sie dann von einem Profi abfotografieren lassen. Das Grau des Betons ist nur Künstlerfarbe, die feuchten Stellen sind aufgemalt, die Erde besteht aus Kaffeesatz, die Sträucher werden von Pinselhaaren und Teeblättern nachgestellt, der fahle Himmel ist nur ein Prospekt, und der Rest ist das Geheimnis eines Mannes, der behauptet, die Wirklichkeit interessiere ihn nicht. Und tatsächlich ist das, was wir in den Bildern dafür halten, im Grunde nur Kulissenschieberei. Aber gerade damit rückt Boberg der Realität kurioserweise näher zu Leibe, als das den Heerscharen von Architekturfotografen gelungen ist. Im Niemandsland der unscharfen Erinnerungen bekommen seine Schauplätze plötzlich kristallene Konturen, die man nur aus Träumen kennt.

Man muß schon sehr genau hinsehen, um die Unterschiede zu erkennen und der Irritation, die seine Fotos auslösen, auf die Spur zu kommen. Manchmal gibt die Beschaffenheit der Oberflächen Auskunft über die Künstlichkeit des Orts, manchmal erkennt man das Modellhafte erst auf den zweiten Blick, aber in der Regel würde man den Bildern erst mal auf den Leim gehen, wenn man es nicht besser wüßte.

Wobei es nicht darum geht, daß die Illusion perfekt ist, weil sie ja gerade erst durch ihre kaum merkliche Unvollkommenheit ihren Reiz entfaltet. Durch den winzigen Spalt, der sich zwischen der Täuschung und der Wirklichkeit auftut, fällt ein geradezu magisches Licht auf Bobergs Welt, das seine Bilder verzaubert. Denn man täuscht sich, wenn man in seiner Serie, die „Orte“ betitelt ist, aber im wesentlichen nur Un-Orte zeigt, ausschließlich Zivilisationskritik, Ironie und Tristesse am Werk sieht. Auf sonderbare Weise verleiht Bobergs Methode diesen Schauplätzen, auf denen es eigentlich nichts zu schauen gibt, nicht nur eine Präsenz, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen, sondern eine fast malerische Schönheit.

Wenn man so will, dann erinnern Bobergs Perspektiven von Ferne an die Edward Hoppers, der seine Szenarien auch oft aus der Flüchtigkeit des Betrachters, dessen Blick im Vorübereilen gefangen wird, destilliert hat. Bei Boberg fehlt nur das Personal, das dem Auge Halt gäbe. Jedenfalls sind seine Fotografien der genaue Gegenentwurf zur majestätischen Leere, die bei Andreas Gursky herrscht. Wo bei diesem die Realität wie eine Kulisse wirkt, da bewegt sich Boberg genau in die andere Richtung. Seine Aufnahmen greifen nach der Wirklichkeit, indem sie sie komplett neu erschaffen. Selbst die Wolken, die er in der Serie „Himmel I-IV“ abgebildet hat, bestehen nur aus Watte und Plexiglas und sind vielleicht nicht wirklicher als ihre Vorbilder, aber sie verleiten in ihrem irrealen Glanz genauso zum Träumen.

Im letzten Jahr hat Boberg nun Bewegung in seine Bilder gebracht und Modellszenerien mit einer Kamera abgefilmt. Ins blaue Licht der Nacht getaucht, steigt der Nebel zwischen den Baumstämmen eines Waldes hoch, und der Regen fällt auf ein Stück Landstraße, wo man hinter einer Hecke ein Haus ahnt. Plötzlich gerät man in das Land der Albträume, wo man auf ewig gefangen ist in düsterer Vorahnung, lähmendem Entsetzen und brennender Langeweile. Man wartet – und weiß nicht worauf. Man fürchtet sich – und weiß nicht wovor. Und keiner kann sagen, ob es nicht solche Bilder sind, welche die längste Sekunde zwischen Leben und Tod begleiten. Jedenfalls sind sie das Faszinierendste, was auf diesem ohnehin fruchtbaren Terrain zwischen Kunst und Kino zur Zeit zu sehen ist.

Vom 30. August bis zum 24. Oktober im Kunstverein Hannover.

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