23. Oktober 1999 | Süddeutsche Zeitung | Kunst, Rezension | Martin Triebswetter

Vom langsamen Verfertigen der Bilder beim Gehen

Der Münchner Künstler Martin Triebswetter hat im Amerika-Haus eine Reise in 170 Bildern rund um Manhattan aufgehängt

Was da oben zu sehen ist, müsste eigentlich noch viel weiter gehen, Seite um Seite über die Münchner Kultur und die Medien hinaus, durch die Wirtschaft und den Sport bis ins Lokale hinein, 170 Bilder, und wenn man mit der Zeitung durch wäre, hätte man einmal Manhattan umkreist. Damit soll nur gesagt sein, dass der Ausschnitt nicht wiedergeben kann, was den Reiz dieses Werks ausmacht: jenen Fluss der Bilder und des Blickes, der einem schnell suggeriert, man befände sich selbst auf einem Boot der Circle Line und umkreise auf schwankendem Boden die berühmteste Silhouette der Welt. Man kann jetzt allerdings bis 14. November im Amerika-Haus am Karolinenplatz diese Reise in 170 Bildern um die Welt-Stadt antreten, einmal rund ums ganze Foyer, und buchstäblich ein blaues Wunder erleben. Der Himmel blau, das Wasser blau, und dazwischen eine grau-braun-grünliche Horizont-Linie, die sich mal nah, mal fern von Bild zu Bild zieht. Nach einer Weile hat man den Eindruck, das Auf und Nieder der Linie sei eine Art EKG Manhattans, das den Puls und die Lebensströme dieser Stadt aufzeichnet.

Martin Triebswetter, 1964 in Ingolstadt geboren, ist 1997 mit der Circle Line rund um die Insel gefahren und hat sie fotografiert. Vier Jahre später hat er dann in fünfmonatiger Arbeit die Fotos auf Holzfaserplatten übertragen, 30 mal 45 cm groß – dasselbe hatte er schon mal mit Frankfurt gemacht, immer den Main entlang, also naturgemäß etwas weniger umfänglich. Der Reiz der Arbeit liegt in beiden Fällen natürlich nicht in der lückenlosen Dokumentation einer Skyline, sondern eher darin, was zwischen den einzelnen Bildern passiert, in der Art, wie sich der Blick der Stadt nähert oder sie auf Distanz hält, wie er nachfasst oder weiterschweift – und in der Art, wie der Pinsel darauf reagiert. Mal sind die ockerfarbenen Gebäude nur in groben Strichen wie durch einen Nebel zu erkennen, dann wieder drängt sich eine einzelne Halle mit ihren Details in den Vordergrund. Mal passen die Bilder genau aneinander, mal überschneiden sie sich, mal entstehen kleine Lücken. Gerade durch diese subjektive Führung des Auges entsteht eine Unmittelbarkeit, die nicht gewährleistet wäre, wenn sich die Ausschnitte plan aneinander fügen ließen: Man spürt den Blick des Künstlers, der uns auf diese Reise mitnimmt. Und gerade die Vielfältigkeit der Häuserformen führt in der großzügigen Pinselführung dazu, dass sich der Bilderfluss bald von der konkreten Stadt New York löst und zu einer abstrakten Malerei wird, in der die Farben und Formen ihr eigenes Spiel treiben. Denn natürlich besteht die Skyline nur zum kleineren Teil aus so prominenten Beispielen wie oben. Mehrheitlich fährt das Boot an wucherndem Brachland, aufgelassenen Hafenanlagen und namenlosen Wohnblöcken vorbei – und gerade da ergeben sich die schönsten Perspektiven – jenes Ineinander von städtischer Leere und schweifenden Blicken, in dem erst Metropolen ganz bei sich sind.

Die einzige Frage, die sich noch stellt, ist: Warum gibt es so etwas nicht für die Stadt München? Einmal die Isar hinunter, oder noch besser: Rund um den Mittleren Ring.

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