09. Juni 2000 | Süddeutsche Zeitung | Kunst, Rezension | Food for the Mind

Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen!

"Food for the Mind" aus der Sammlung Brandhorst in der Münchner Staatsgalerie moderner Kunst

Wenn es hart auf hart kommt, muss man den Wert einer Ausstellung danach bemessen, wie viele Bilder man mit nach Hause nehmen und im eigenen Wohnzimmer aufhängen möchte. Da gäbe es in diesem Fall ein paar zum Heulen schöne Arbeiten von Cy Twombly oder die „Shadows” von Warhol, wo er zur Abwechslung nicht mit seinem Markenwahn nervt, oder eines der hintersinnigen Witzbilder von Richard Prince. Oder das späte Bild des vom Vergessen angegriffenen Willem de Kooning oder Gerhard Richters „Familie nach altem Meister”, das hinter dem Schleier der Erinnerung zu verschwinden scheint. Oder vielleicht darf es etwas von Georg Baselitz oder Sigmar Polke sein? Wenn man die Qual der Wahl hätte, wäre es vielleicht doch Cy Twomblys 1993 im italienischen Gaeta entstandenes Bild ohne Titel, auf dem bootartige Formen durch ein Meer von Schrift zu schweben scheinen. Ja, darauf könnte man sich einigen: Packen Sie es doch schon mal ein . . .

Der Impuls der Aneignung ist insofern nicht ganz abwegig, weil er schließlich jeder Sammlung zugrunde liegt. Udo Brandhorst und seine im vergangenen Jahr verstorbene Frau Anette haben sich diese Fragen gut dreißig Jahre lang selbst gestellt: Womit wollen wir leben? Was möchten wir an unseren Wänden sehen? Und das Aparte daran ist, dass diese höchst privaten Entscheidungen des Sammler-Paares am Ende doch einen ziemlich repräsentativen Querschnitt durch die Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte ergeben haben. Und weil diese Sammlung, wenn alles gut geht, in fünf Jahren der Pinakothek der Moderne hinzugefügt wird, überschneiden sich hier sozusagen individueller Geschmack, öffentliches Interesse und offizielle Kunstgeschichtsschreibung.

Aus 550 Werken besteht die Sammlung Brandhorst, und weil das mehr ist, als selbst ins weitläufigste Häuschen passt, kann man schon davon ausgehen, dass sich das Ehepaar irgendwann beim Erwerb von anderen Motiven hat leiten lassen als den Erwägungen, was man sehen möchte, wenn man morgens aufwacht. So standen auch die beiden wohl vor der ständigen Entscheidung, was ins Lager kommt und was an die Wand. Wobei doch einige Künstler darunter sind, die auf eine Weise mit dem öffentlichen oder musealen Raum arbeiten, dass man sich nur schwer vorstellen kann, wie sich die Arbeiten sozusagen für den Hausgebrauch nutzen lassen. Wie lebt sich etwa mit den beiden Glascontainern, die Damien Hirst mit Krankenhaus-Abfällen gefüllt hat? Oder mit der ununterbrochen vor sich hin waschenden Waschmaschine, die Andreas Slominski über einem der Durchgänge installiert hat und den Besucher erstmal mit Zweifeln an der Zuverlässigkeit der Aufhängung schreckt. Hängt man sich sowas auch zu Hause über die Tür, ein guter Hausgeist namens Miele, der mit steter sinnloser Betriebsamkeit mahnt? Da freut sich die Putzfrau.

Wenn jedem Sammler sonst der Wahn innewohnt, er möge in seiner Sammlung irgendwie erkannt werden, so hat hier die Sammlung irgendwann jede Möglichkeit eines persönlichen Ausdrucks überwuchert und quasi ein Eigenleben entwickelt, das sich dem privaten Willen der Brandhorsts entzogen hat, um einer Zurschaustellung entgegenzudrängen. Solche Mengen sammelt man nicht mehr zum Privatvergnügen, sondern um sich im größeren Stil zu verewigen. Für dieses Selbstbewusstsein der Sammler und ihren sicheren Geschmack kann München, wenn die Bilder dereinst hier unterkommen, nur dankbar sein.
Ganz allgemein erfasst einen in „Food for the Mind” eine tiefe Dankbarkeit gegenüber der modernen Kunst, gegenüber ihrem Mut, ihrem Reichtum, ihrer Vielfalt. Und man hat, wenn man durch diese Ausstellung geht, das intensive Gefühl, dass gerade in der immer weiter anschwellenden Springflut der Bilder, die das Auge von allen Seiten bedrängen, dass in jenem Bilderwahn, der die Imagisierung der Welt betreibt, die moderne Kunst eine Art Anker ist, der zumindest eine Art Innehalten ermöglicht. Und bei all den tausend Möglichkeiten, die Welt zu hinterfragen, den Betrachter herauszufordern, das eigene Wesen zu sezieren, bleibt doch immer wieder gewahrt, was der Antrieb hinter allem ist: das Geheimnis, jener Rest, der sich allen Begriffen und Erklärungsversuchen und auch künstlerischen Absichten entzieht, jener Überschuss, den man dann Schönheit nennt oder Magie oder Aura – oder wie es der alte Witzbold Polke ausdrückt: „Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen. Da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weitermalen, doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten. ”

Treffender lässt sich kaum ausdrücken, welches Verhältnis zwischen Reflexion und Zufall, zwischen Ironie und Ernst zeitgenössische Kunst befeuert und was die zentrale Frage hinter allem ist: Wer führt dem Künstler den Pinsel? Oder – nachdem Kunst nicht mehr notwendigerweise auf der Leinwand stattfindet – anders gesagt: Wie findet etwas zu seiner Form? Und: Ist das überhaupt wichtig?

Ein paar große Arbeiten Polkes sind es auch, die den Besucher gleich hinterm Eingang begrüßen, und schon deren Titel „Marienerscheinung”, „Liberté, Egalité, Fraternité” und „Die drei Lügen der Malerei” zeigen, worauf man sich hier gefasst machen kann. Die Kunst macht sich ihren Reim auf die eigene Tradition, zieht jede Art allegorischer Malerei erstmal ins Lächerliche, um gleichzeitig die Frage zu stellen, ob das nicht vielleicht immer noch eine Aufgabe der Kunst sein könnte, das Unsichtbare abzubilden. Und natürlich entspricht Polkes „Marienerscheinung” auf ihre Weise genauso unserem Schönheitsempfinden wie entsprechende Darstellungen in anderen Epochen. Die vielfältigen Brechungen, denen so ein Bild unterworfen ist, sind lediglich etwas, das man vor historischen Gemälden unterdrückt.

Im Katalog gibt es einen Text von Robert Rosenblum, der fragt, was Archäologen der Zukunft über uns erfahren könnten, wenn sie bei Grabungen auf die Sammlung Brandhorst stoßen. Das ist insofern ein interessanter Gedanke, als wir bereitwillig die Kunst der Vergangenheit fürs Ganze nehmen, bei den Werken der Gegenwart jedoch viel eher bezweifeln, dass sie unsere Zeit repräsentieren könnte. Dabei ist das bei aller Freiheit der Kunst womöglich nicht die schlechteste Frage: Was hat das mit uns zu tun? So muss man sich bei aller Entgeisterung, die Gegenwartskunst manchmal hervorruft, bei aller Ratlosigkeit und allem Abscheu dann eben fragen, ob es nicht womöglich genau diese Gefühle sind, die unsere Zeit repräsentieren.
Fürs Erste begnügen wir uns mit Cy Twomblys Bildern, die so zart sind, dass sie sich jeder Reproduktion entziehen, so karg auch, dass man den Eindruck hat, der Künstler habe es nur mit Mühe geschafft, sich der Zeitlosigkeit der Bildfläche einzuschreiben. So gesehen ist „Food for the Mind” das Gegenteil zum Fast Food der tagtäglichen Bilder. Das hat schon etwas ungemein Tröstliches, als Betrachter so herausgefordert zu werden.
MICHAEL ALTHEN

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