Die zwölf Geschworenen

Eigentlich natürlich ein Nervensägerfilm, mit dem man in der Regel schon in der Schule konfrontiert wird, weil er garantiert nur unser Bestes will. Und tatsächlich ist die Holzschnittartigkeit der Figuren von Reginald Rose mitunter schwer erträglich, wie sie alle ihre Vorurteile so ungeniert zur Schau tragen. Ein junger Mann aus üblen Verhältnissen soll seinen Vater erstochen haben – und alles, wirklich alles scheint gegen ihn zu sprechen. Und doch haben die 12 ANGRY MEN etwas, das fast jedes Mal dazu führt, dass man den Film zwanghaft bis zum Ende gucken muss. Zum einen soll man das Drehbuch nicht geringschätzen, das es immerhin schafft, eine zum Todesurteil entschlossene Jury durch einen einzigen Zweifler (Henry Fonda) binnen neunzig Minuten umzudrehen. Die Volten, bei denen entscheidende Szenen des Falles in einem Beratungsraum aufgerollt werden, begeistern in ihrer Schlichtheit immer wieder – vom Schnappmesser über den schlurfenden Gang des geltungssüchtigen Alten bis zu dem wunderbaren Moment, wenn E.G. Marshall die Druckstellen seiner Brille auf der Nase reibt. Aber es ist eben auch Sidney Lumets frühes Talent, die visuellen Schönheiten einer Situation einzufangen und ihre Abläufe auf engstem Raum zu choreographieren, zwei Tugenden, die auch einen vermeintlich unpersönlichen Film wie MORD IM ORIENT-EXPRESS auszeichnen. Nicht nur, weil das ganze Prozedere der Zwölf so unerbittlich wie auf Schienen seiner Umkehrung zuläuft, sondern auch weil Lumet die Choreographie richtig akzentuiert, indem er mit einer Kamerafahrt den Weg der Stimmzettel bei der ersten Geheimabstimmung verfolgt oder beim rassistischen Ausbruch von Ed Begley die ganze Runde ihm den Rücken zukehren lässt in einer gespenstisch arrangierten Totalen, die fast schon den sonstigen Realismus sprengt. Wobei die Erinnerung an den Film mehr als alles andere bestimmt wird durch die schwüle Sommerhitze, die erst die Gemüter zusätzlich aufheizt, und dann durch den Wolkenbruch, der endlich Abkühlung und eine fast schon lyrische Pause bringt – so wie später ein Film wie „The Verdict“ seinen ganz eigenen Ton durch die weihnachtliche Kälte Bostons bekommt.

Dass die Schauspieler auch später Lumets Kapital sein würden, deutet sich hier 1956 natürlich schon mit großer Geste an, vom Scherzbold Jack Warden bis zum Choleriker Lee J. Cobb. Aber ein Phänomen ist hier besonders Henry Fonda, der in seinem weißen Anzug von Beginn an wie ein einsamer Heiliger inszeniert wird, der als unantastbare Instanz alles zum Guten wendet. Man kann sich kaum an ihm sattsehen, wie er anfangs abseits der anderen am Fenster steht und wie er, wenn alles vorbei ist, einen letzten Blick zurück in den Raum wirft, in dem er mit Zivilcourage, Unvoreingenommenheit und Argumenten sein Wunder bewirkt hat. Und dann wandelt er die regennassen Stufen des Gerichtsgebäudes hinab und nennt dem alten Mann seinen Namen. Das hat keine Bedeutung, ist aber jedes Mal ergreifend. Ganz schön überraschend für einen Film, der einem eigentlich immer auf den Wecker ging.

DIE ZWÖLF GESCHWORENEN – MGM/UA. 92 Minuten. Englisch, Deutsch, Untertitel. Keine Extras.

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13. April 2011 von marieundtom
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Kommentare deaktiviert für Die zwölf Geschworenen