16. Juli 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Xiaos Weg

Mein Gott, ist der beziehungsreich

Mit dem Film XIAOS WEG wird der chinesische Regisseur Chen Kaige seinem Talent untreu

Wer in einen chinesischen Film geht, erwartet in der Regel jene Choreographie der Gefühle, die sich erst allmählich erschließt. Wer einen Film von Chen Kaige sieht, wird sich an LEBEWOHL, MEINE KONKUBINE oder LIFE ON A STRING, VERFÜHRERISCHER MOND oder DER KAISER UNFD SEIN ATTENTÄTER erinnern, an malerische Tableaus, die von anderen Kräften durchwirkt sind als unsere Historienfilme. Aber schon in der allseits belächelten Erotik-Farce KILLING ME SOFTLY, die Anfang des Jahres bei uns zu sehen war, konnte man ahnen, daß Chens Geschichten im Licht der Gegenwart eher holzschnittartig wirken.

In XIAOS WEG erzählt er von einem dreizehnjährigen Geiger aus der Provinz, der nach dem Willen seines unermüdlichen Vaters in Peking Karriere machen soll. Man kann sagen, daß sich diese Geschichte vom Wunderkind in nichts von anderen Filmen des Genres unterscheidet, wie wir sie kennen. Natürlich spricht das allein nicht gegen den Film: daß er die Regeln des Genres befolgt, statt seinen eigenen Weg zu gehen – aber für einen Regisseur von Chen Kaiges Format ist das einfach zuwenig.

Wenn der Film beginnt, sieht man den Jungen (Tang Yun) auf seiner Geige aufspielen, während die Nachbarin in den Wehen liegt, und es gibt noch die Hoffnung, die Musik könnte im weiteren Verlauf mehr sein als nur der Schlüssel zum Herzen. Aber als sich Vater und Sohn mit dem Boot aufmachen nach Peking, um dort an einem Talentwettbewerb teilzunehmen und einen geeigneten Förderer zu finden, verläßt die Geschichte das fremde Terrain und betritt ausgetretene Pfade.

Beim Vorspiel landet der Junge nur auf dem fünften Platz, und auf der Herrentoilette erfährt der Vater, als er zufällig ein Gespräch belauscht, daß in Peking Beziehungen mehr wert sind als Talent. Aber der Vater läßt nicht locker und beschafft dem Sohn erst einen genialischen, aber vom Leben enttäuschten Lehrer und bringt ihn später unter die Fittiche des machtbewußten Professors auf dem Konservatorium (gespielt von Chen Kaige selbst), der den Jungen zuerst nicht einmal anhören will. Der selbstlose, unbedarfte Vater, der seinem Sohn unermüdlich ein besseres Leben ermöglichen will, ist natürlich genau jene melodramatische Figur, deren Selbstlosigkeit bitter enttäuscht werden muß. Mit seiner Hartnäckigkeit öffnet er Türen, die der Junge ihm dann vor der Nase zuschlägt.

Denn der Sohn, der seine pubertären Phantasien in Form von Modefotos in sein Notenbuch klebt, erliegt den Verlockungen der Großstadt. Die Nachbarin (gespielt von Chen Hong, der Frau des Regisseurs), die sich als Konkubine durchs Leben schlägt und im übrigen westlichem Konsum verfallen ist, verdreht ihm im Vorübergehen den Kopf und ahnt nicht einmal, was sie damit anrichtet. Aber auch in ihr legt die Musik ein reines Herz frei, das sie längst verschüttet glaubte. So lernt der Junge, daß Virtuosität nicht alles ist, weil nur das Leben ihm die Gefühle, die er mit seiner Musik ausdrücken will, vermitteln kann. Gegen diese Moral kann man nichts einwenden, aber es hätte nicht Chen Kaiges gebraucht, um uns daran zu erinnern.

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