21. April 2010 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Vorsicht Sehnsucht

Nur Fliegen ist schöner

Alain Resnais lässt seiner Kinophantasie freien Lauf: VORSICHT SEHNSUCHT

Alain Resnais liebte schon immer die Versuchsanordnungen. Aber im Unterschied zu manchem anderen, der den Menschen dabei gerne zappeln sieht, war der heute 87-Jährige seinen Testpersonen immer zugeneigt. DAS LEBEN IST EIN ROMAN hieß einer seiner Filme nicht von ungefähr, als wollte er die unvorhersehbaren Wendungen der Fiktion beschwören, die unserem Leben Spannkraft verleihen. Am schönsten hat Resnais das vorgeführt in PROVIDENCE, wo John Gielgud als Schriftsteller beim nächtlichen Trinken nach und nach die Figuren seines Lebens durcheinandergeraten. Und nicht minder schön gelingt ihm das in seinem neuen Film VORSICHT SEHNSUCHT, in dem der Erzähler den hübschen Satz bereithält: „Vom Lesen ist noch keiner gestorben. Im Gegenteil: Es hilft beim Leben.“

Ums Lesen geht es schon deswegen, weil es sich um die Verfilmung eines Romans von Christian Gailly handelt und Resnais der Letzte ist, der seinen Bildern ihre Herkunft austreiben würde. Die Kamera von Eric Gautier unterstreicht den Umstand, dass wir uns nicht in der Realität, sondern eher im Reich der Möglichkeiten befinden, immer wieder dadurch, dass sie sich den Helden von oben nähert, als seien sie Figuren auf einem Spielbrett. Und die Farben sind bewusst künstlich gehalten, so deutlich voneinander abgesetzt wie in den Comics von Will Eisner oder so traumschön delirierend wie in den Bildern des Fauvisten Kees Van Dongen.

In diesem bunten Licht spielt sich eine Geschichte ab, die dem merkwürdigen Spiel des Zufalls so vergnügt folgt wie dem Gras, das wild durch die Ritzen des Asphalts wuchert und dem Film seinen Originaltitel beschert: LES HERBES FOLLES. Dieser bezieht sich aber auch auf den Wildwuchs der Phantasien, die den Helden Georges, gespielt vom fabelhaften André Dussollier, befallen, nachdem er in einer Tiefgarage die Brieftasche einer Frau (Sabine Azéma) findet, deren Ausweisfotos ihn zum Träumen bringen, weil sie ihn an eine berühmte Pilotin aus den dreißiger Jahren erinnern. Dass die Frau sich am Ende tatsächlich als Hobbyfliegerin entpuppt und den Mann und seine Frau (Anne Consigny) in einem Sportflugzeug auf eine Spritztour mitnimmt, gehört dann schon zu jenen erzählerischen Freiheiten, in denen der Film so beglückt schwelgt.

VORSICHT SEHNSUCHT versammelt Puzzlestücke einer Leidenschaft, in der alles ein großes Vielleicht ist, eine amour fou, die so lange im Konjunktiv verharrt, bis sie gar nicht anders kann, als in Realität – oder das, was man im Kino dafür hält – umzuschlagen. Und Resnais lässt es sich nicht nehmen, dazu einen großen Kuss zu inszenieren (oder zu imaginieren), den er mit der Fanfare der 20th Century Fox und der Einblendung „Fin“ unterlegt, um dann trotzdem munter weiterzuerzählen.

Leidenschaft ist vielleicht schon wieder ein viel zu großes Wort für das, was sich auf den ersten Blick in der kühlen Geometrie der Gefühle bei Resnais abspielt. Denn erst mal geht es um eine Zahnärztin, deren Beinen wir in Bodennähe in ein Schuhgeschäft folgen, wo sie die Berührungen der Verkäuferin beim Anprobieren genießt. Und um einen Mann, der ein wenig lebensmüde ist und dazu passend die Batterie seiner Armbanduhr wechseln lassen will. Der Frau wird vor dem Schuhgeschäft die Handtasche geklaut, und der Mann findet die Brieftasche auf dem Rückweg vom Uhrenladen. So geht es los.

Als der Mann das Fundstück auf dem Polizeirevier einem Beamten (Mathieu Amalric) gibt, ist es schon zu spät: Das Bild der Frau hat in seinem Kopf herumzuspuken begonnen. Und deshalb ist ihm ihr Anruf, mit dem sie sich bedanken will, längst nicht genug. Dabei ist er keineswegs unglücklich verheiratet, und seine junge Frau reagiert auf seinen Wahnzustand auch lediglich etwas besorgt, als sei es bei einem ähnlichen Fall in der Vergangenheit für das Objekt der Begierde nicht gut ausgegangen.

Als jedenfalls die Zahnärztin irgendwann bei dem Mann zu Hause anruft, erkennt die junge Frau allein an der Stimme, um wen es sich handelt, weil ihr Mann sie so genau beschrieben hat. Dieses Erkennen ist schon so ein eigentümlich zarter Moment, dass einen dann auch gar nicht wundert, dass die Zahnärztin beschließt, den Mann vor dem Kino abzupassen, obwohl sie ihn auch noch nie gesehen hat. Sie setzt sich ins Café gegenüber und bestellt einen doppelten Espresso. Und zu Resnais‘ Liebe zum Detail gehört eben auch, dass sich im Hintergrund der Kellner wundert: „Einen doppelten Espresso. Um die Uhrzeit.“

So sitzt die Zahnärztin mit dem feuerroten Haar da und wartet im Schein des roten Neonschriftzugs „Cinéma“ vom Kino gegenüber, wo der Mann in DIE BRÜCKEN VON TOKO-RI seinen Kindheitsphantasien vom Fliegerleben nachspürt. Dieses Kinolicht durchstrahlt den ganzen Film in den schillerndsten Farben, denn darum geht es: um eine Feier des Kinos und seiner Freiheiten, die immer noch kein anderer so spielerisch zu nutzen weiß wie Alain Resnais. Und deshalb fällt dann auch der Satz: „Wenn man aus dem Kino kommt, wundert einen nichts.“

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