Vier im roten Kreis

In Frankreich ist gerade ein Buch mit dem schönen Titel „Riffs pour Melville“ erschienen, und das ist vielleicht nicht die schlechteste Art, sich dem Meister anzunähern – einfach nur ein paar prägnante Töne oder Akkorde anzuschlagen, die sich auf die kristalline Perfektion des Werks ihren verspielten Reim machen.

Ein Riff zu VIER IM ROTEN KREIS sähe dann etwa so aus, dass man zu einem Film, in dem Alain Delon, Yves Montand, Gian Maria Volonté und André Bourvil die Hauptrollen spielen, einfach eine Truppe von Showgirls abbildet, die in Santis Nachtclub im Souterrain ein sehr zurückgelehntes Publikum zu animieren versuchen. Vielleicht weil sich die spezielle Kühle des Films darin noch besser zeigen lässt als in den ohnehin sehr coolen Mienen seiner Helden.

Die blondgelockte Truppe unter den Designerstalaktiten auf schwarzglänzendem Bühnenboden wirkt in Melvilles ohnehin aus der Zeit gefallenen Welt wie eine Abordnung von Todesengeln, die der Regisseur sehr verführerisch nach seiner Pfeife tanzen lässt. Dass beim Beinschwung ihre roten Strumpfbänder sichtbar werden, ist nicht nur neben dem Spirituosengold in den Gläsern der einzige Farbtupfer in diesem Ineinander von Schiefergrau, Nachtblau und Verzweiflungsschwarz, sondern auch ein kokettes Spiel mit jenem unheilvollen roten Kreis, in dessen Schlinge am Ende alle gefangen sind. Aber vielleicht gewinnen die Farben und die Damen ihr speziellen Reiz auch erst durch Eric Demarsans betörend minimalistische Modern-Jazz-Musik.

Die Engel in Blond sehen jedenfalls aus wie Wiedergängerinnen jener Frau, die Delon verraten hat, während er im Gefängnis saß, und die erst nur auf Fotos auftaucht, die ihm bei der Entlassung ausgehändigt werden, ehe man sie später an der Tür lauschen sieht, während Delon sich bei seinem alten Kumpel holt, was ihm noch zusteht. Und damit dieser weiß, dass Delon auch so von ihrer Anwesenheit hinter der Tür weiß, ohne dass sie sich gezeigt hätte, hinterlässt er ihm im Safe den Satz Fotos aus dem Gefängnis. Mehr braucht Melville nicht, um die ganze Geschichte einer enttäuschten Freundschaft und Liebe zu erzählen.

Von Frauen handelt der Film allerdings ohnehin nur am Rande. Sie sind noch nicht einmal mehr der Fluchtpunkt der Sehnsüchte, und der Film ist in seinem rituellen Einverständnis unter Männern fast schon homoerotisch. Am deutlichsten und dann aber natürlich auch wieder am allerwunderbarsten in der Szene, wenn Delon seinen Plymouth Fury auf einem winterlichen Feld anhält, aussteigt und den Mann in seinem Kofferraum auffordert, sich zu zeigen. Wie sie sich das Päckchen Gitanes und das Benzinfeuerzeug zuwerfen, das ist dann fast schon wie Sex.

Der Typ aus dem Kofferraum (Gian Maria Volonté) ist neben Delon einer des Quartetts, dessen Wege sich am Ende fatal kreuzen werden. Der andere ist der Kommissar, der mit seinen Katzen lebt und von Bourvil in einer seiner wenigen ernsten und vor allem seiner letzten Rolle gespielt wird. Und der Vierte ist Yves Montand, den man im Delirium tremens kennenlernt, als die Bewohner des Wandschranks auf ihn zukriechen, Eidechsen, Spinnen, Schlangen und Ratten, und der für einen letzten Job sein Zittern überwindet wie einst Dean Martin in RIO BRAVO.

Man könnte aber auch von der langen Einstellung im Billardsalon reden, in dem Delon Karambolage spielt und wo der grüne Filz die ganze Leinwand füllt. Da denkt man kurz, dass das in seiner geometrischen Eleganz fast schon zu eindeutig ist für Melvilles Genie, das Konkrete abstrakt und umgekehrt wirken zu lassen. Aber dann ist man wieder von der Schönheit gefangen, die es so nur auf Blu-ray gibt in der famosen Studio-Canal-Collection bei Arthaus. (Zum Trost: Man findet den Film auch anderweitig auf DVD, und da sieht er schon auch sehr gut aus.)

Jean-Pierre Melville: VIER IM ROTEN KREIS

Arthaus. Studio Canal Collection (nur Blu-ray). Französisch, Deutsch, Untertitel. Einführung, Interviews. Booklet.

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02. Februar 2011 von marieundtom
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Kommentare deaktiviert für Vier im roten Kreis