10. November 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Vergiss Amerika

Ein neues Land

Zwei Freunde, ein Mädchen: 
VERGISS AMERIKA von Vanessa Jopp

Manchmal ist es ganz erholsam, wenn im Kino jemand einfach seine Geschichte erzählt, ohne großes Theater, ohne Tamtam. Einfach nur eine Geschichte, nur aus der Lust heraus, mal zu sehen, wie das so ist, wenn ein Mädchen zwischen zwei Jungs gerät. Oder wenn zwei Freunde auf dasselbe Mädchen stehen. Da hat man geradezu den Eindruck, dass der Titel VERGISS AMERIKA fast schon eine Nummer zu groß ist für diese Geschichte. Andererseits ist in Vanessa Jopps Debütfilm alles ein bisschen zu groß, die Träume wie die Gesten, so etwa ein bis zwei Schuhnummern. Aber das macht auch den Charme der Sache aus.
Vielleicht liegt es auch am Alter. Anfang Zwanzig, da fühlt man sich erwachsen, aber ist noch nichts. Man hat alle Freiheiten, aber spürt schon die Schwerkräfte der Realität. Man hat Träume, aber ahnt bereits, dass es mit der Umsetzung nicht so leicht sein wird. Der eine der beiden Freunde will Fotograf werden, muss aber erstmal zum Zivildienst, landet dann in einem kleinen Fotoladen und steht schließlich hinter der Fischtheke im Supermarkt. Der andere träumt vom Handel mit amerikanischen Limousinen, hat dann sogar einen Gebrauchtwagenhandel, muss sich aber mit Autoschiebern einlassen, um über die Runden zu kommen. Und das Mädchen möchte Schauspielerin werden, macht eine Ausbildung, findet aber nach einem kurzen Theaterengagement nur noch Synchronjobs. Drei Lebensläufe, drei Ernüchterungen, von jener Zwangsläufigkeit, die dem Kino eben so zueigen ist, aber nicht mit jenen Bleigewichten versehen, die man hierzulande so gerne für Kino hält.

Seit der Film im Sommer den Hypo-Preis auf dem Münchner Filmfest gewonnen hat, ist häufig lobend erwähnt worden, dass die Geschichte in Ostdeutschland spielt, obwohl die Regisseurin aus Leonberg bei Stuttgart kommt. Daran sieht man schon, wie ungewohnt das ist, wenn jemand das Land ernst nimmt und neugierig ist auf seine Landschaften. Tatsächlich fällt das vor allem auf, weil sich Vanessa Jopp überhaupt mal die Mühe macht, sich in der Umgebung umzusehen, und einen Blick für die Besonderheiten der Gegend entwickelt.

Und weil das eine nicht ohne das andere geht, entwickelt sie einen ähnlich liebevollen Blick für ihre drei Helden, die nie so recht wissen, wohin mit sich und ihren Gefühlen. Und sie hat mit Franziska Petri, Marek Harloff und Roman Knizka auch Hauptdarsteller, die eine bemerkenswerte Präsenz haben und in der Lage sind, den Raum auch mit Emotionen zu füllen. Das ist denn auch das wahre Thema des Films – und nicht die mit leichter Hand angeschlagenen Themen, die sich mit Ostdeutschland und Jugendarbeitslosigkeit verbinden: wie das ständige Wechselspiel von Lebensläufen und Herzensdingen seinen eigenen Rhythmus schafft; und wie all die verzweifelten Versuche, sich vor dem anderen keine Blöße zu geben oder sich zu tief ins Herz blicken zu lassen, ihre eigene Spannung erzeugen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen immer wieder ins Gesicht lacht. So werden die kompliziertesten Dinge doch immer wieder in ganz einfachen Geschichten erzählt.
MICHAEL ALTHEN

VERGISS AMERIKA, D 2000 – Regie: Vanessa Jopp. Buch: Maggie Peren. Kamera: Judith Kaufmann. Mit: Marek Harloff, Roman Knizka, Franziska Petri. Verleih: Arthaus, 90 Minuten.

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