Uncle Boonmee

Wer vom Kino nur erwartet, was er immer vom Kino erwartet, wird in diesem Film nicht glücklich werden. Allen anderen jedoch steht die Erfahrung bevor, was Kino auch sein kann, wenn man es nur lässt. Am Ende fühlt man sich jedenfalls so, als sei man in einen Traum versunken gewesen, aus dem man nur langsam wieder auftaucht.

Der Name des thailändischen Regisseurs dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, seit Apichatpong Weerasethakul mit UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat und Jurypräsident Tim Burton auch herausstrich, er habe sich beim Anschauen wie in einem wunderschönen Traum gefühlt – und das will bei einem Mann wie ihm etwas heißen.

Diese spezielle Art der Verzückung mag sich dadurch erklären, dass bei Weerasethakul das Erzählen nicht den gängigen Mustern folgt, sondern eher einem Gleiten durch verschiedene Zustände gleicht. Die Dinge wechseln sich ab bei ihm, ohne dass man immer ganz genau rekapitulieren könnte, wie man vom einen zum anderen, von hier nach dort gekommen ist. Die Verbindungslinien verlaufen bei ihm immer eher unterbewusst und lassen offen, wie viel eins mit dem anderen zu tun hat.

Dem Geist ist es zu hell

Der Titel taugt jedenfalls nicht unbedingt dazu, die Beziehungen zu erhellen. Denn Onkel Boonmee erinnert sich gar nicht unbedingt an frühere Leben – oder zumindest nicht nur. Es kann schon sein, dass er der Büffel war, der sich anfangs von seinem Pflock losreißt und im Dschungel verschwindet, oder die Prinzessin, die sich vor einem Wasserfall mit einem Wels paart – aber das Erinnern stellt schon eine Hierarchie her, die der Film nicht kennt. Denn das Erinnerte ist hier nicht flüchtiger als die Gegenwart, in der Boonmee von Geistern heimgesucht wird, während er langsam an Nierenversagen stirbt.
Der Alte sitzt mit seiner Schwägerin und seinem jungen Pfleger auf der Veranda, als sich plötzlich seine jung verstorbene Frau dazugesellt, deren Gestalt sich durchsichtig übers Bild legt, ohne dass es bei den Anwesenden allzu große Verwunderung auslösen würde. Und auch als sich zwei rot leuchtende Augen aus dem Dunkel nähern und die Affengestalt sich als lange verschollener Sohn entpuppt, gerät keiner aus der Fassung. Man dreht nur das Licht herunter, weil es dem Geist zu hell ist, und blättert dann gemeinsam im Fotoalbum. Spätestens da hat man selbst aufgehört, sich zu wundern – und kommt doch aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher Selbstverständlichkeit man eintaucht in Weerasethakuls Welt und mit welcher Leichtigkeit er das Nebeneinander in ein Ineinander verwandelt.

Sanftes Sterben

Es gibt keine Grenzen in diesem Film, die Visionen und Fiktionen vom Rest scheiden würden, sondern nur diese große Durchlässigkeit, die dafür sorgt, dass alles gleichzeitig ganz und gar gegenwärtig erscheint. Man sieht, wie der Pfleger die Blutwäsche besorgt, wie die Schwägerin im Bus zu Boonmee fährt oder wie er sie später den Honig seiner Bienen kosten lässt – und nie hat es Weerasethakul dabei eilig, sondern dringt so langsam ein in den Alltag dieser Leute, dass man kaum mitkriegt, wie gefangen man ist.

So zögern wir auch keine Sekunde, dem Sohn zu glauben, wenn er erzählt, wie er einst auf einem Foto, das er im Dschungel gemacht hat, einen Affengeist gesehen habe und dieser Erscheinung dann in den Wald gefolgt sei, wo er nach der Paarung sich selbst in einen Affen verwandelt habe. Und darum glauben wir nur zu gerne, wenn der Geist der Frau dem sterbenden Boonmee auf die Frage, wo er sie im Jenseits denn finden könne, antwortet, die Geister verkehrten dort nicht miteinander, sondern hingen an den Lebenden. Und dann umarmen sich die beiden, wie es eben nur im Diesseits geht, obwohl die Frau doch längst im Jenseits weilt.

Es ist nicht so, dass bei Weerasethakul Abschiede ohne Schmerz zu haben wären, und Boonmee überlegt auch durchaus, ob sein Tod nicht auch eine Strafe dafür ist, dass er einst Kommunisten getötet habe. Aber sein Sterben ist von einer Sanftheit und Selbstverständlichkeit, die vielleicht nicht versöhnlich, aber doch tröstlich ist. Und auch wenn bei seinem Tod das Leben buchstäblich aus ihm herauszufließen und er in den Sternenhimmel einzugehen scheint, behandelt Weerasethakul diesen Vorgang ganz unsentimental. Er zeigt die Hinterbliebenen dabei, wie sie in einem Hotelzimmer die Geldgaben der Trauergäste zählen, wie sie in den Fernseher starren, wie sie in eine Karaoke-Bar gehen. Das Leben geht weiter.

Aber es dauert nach diesem Film verdammt lang, bis wir selbst dort wieder ankommen.

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29. September 2010 von marieundtom
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Schreibe einen Kommentar

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