10. Januar 2001 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Tiger & Dragon

Die wunderbare Welt der schwindenden Schwerkraft

Ang Lee bringt dem Kino das Fliegen bei – mit seinem Kampfkunst-Epos TIGER & DRAGON bestätigt er seinen Ruf als Alleskönner

Zuschauer sind eigensinnig, bockig, ungerecht. Bestimmte Filme kann man ihnen noch so heftig ans Herz legen, es hilft trotzdem nichts. Irgendetwas scheint es dann zu geben, was sie vom Kinobesuch abhält: Wahrscheinlich das, was man neuerdings Anmutung nennt, womit jenes chemische Gemisch gemeint ist, mit dessen Erforschung in Hollywood ganze Berufszweige ins Brot gesetzt werden. Wenn andererseits diese Chemie stimmt, dann kann kein noch so gut gemeinter Rat die Leute vom Kinobesuch abhalten – dann strömt der Film jenen geheimnisvollen Duftstoff aus, der Zuschauer wie Fliegen anzieht. Das gilt übrigens auch für Kritiker.

TIGER & DRAGON ist schätzungsweise eher einer jener Filme, bei denen man sich den Mund fusselig reden kann – aber die Zuschauer trotzdem zuhause bleiben. Das ist erst einmal verständlich, weil wir uns mit dem fernen Osten – wenn es sich nicht gerade um Madame Butterfly handelt – immer noch schwer tun. Zum einen sehen sich die handelnden Personen in unseren Augen verdammt ähnlich, was es in der Regel sehr erschwert, dem Fortgang der Handlung zu folgen; zum anderen tragen jene Lehren, wonach der Weg stets das Ziel sei, auch nicht gerade dazu bei, den Überblick zu wahren, wer eigentlich was und vor allem warum tut. Das sind natürlich nur Vorurteile, aber wenn es darum geht, eine Kinokarte zu erwerben, darf man ihren Einfluss nicht unterschätzen.

Langer Rede, kurzer Sinn: TIGER & DRAGON ist ein Film, bei dem es sich definitiv lohnt, mal alle Vorurteile fahren zu lassen und sich dem fernöstlichen Treiben auszusetzen. Man kann die Akteure auch problemlos auseinanderhalten, und über ihre Motive gibt es auch keine Zweifel – versprochen. Es winkt auch eine Belohnung: In diesem Film hat man für zwei Stunden den Eindruck, man sei der Schwerkraft enthoben und könne fliegen. Wenn das kein Anreiz ist, dann wird auch alles andere nicht helfen – auch nicht der Hinweis, dass selbst im notorisch bornierten Hollywood TIGER & DRAGON als Oscar-Anwärter gehandelt wird.

In erster Linie ist Ang Lees Kampf-Epos die Geschichte einer verhinderten Liebe, in der zwei Leute, die deutlich füreinander bestimmt sind, aufgrund eines zwar ehrenvollen, aber doch eben weltfremden Versprechens der Liebe entsagen – das sind im Kino ohnehin immer die schönsten Geschichten, wenn zwei Menschen in Herzensdingen blind für das sind, was doch jeder sehen kann.

Chow Yun-Fat, den man aus ANNA UND DER KÖNIG kennt, spielt den Krieger Li Mu Bai, und Michelle Yeoh, die schon an der Seite von James Bond in DER MORGEN STIRBT NIE zu sehen war, ist die ihm in jeder Hinsicht gewachsene Kämpferin Yu Shu Lien. Die beiden verbindet – wie es im Presseheft so schön heißt – „eine tiefe Zuneigung, die jedoch von unerklärlicher Melancholie begleitet ist”. Weil sie die Erinnerung an einen toten Freund nicht entehren dürfen, können die beiden nie zusammen kommen. Die Frage ist also, ob sie es womöglich trotzdem tun – und wenn ja, wann?

Das ist der Magnetismus des Films, in dessen Spannungsfeld sich alles andere abspielt. Dazu gesellen sich eine junge Tochter aus hohem Hause, die gute Gründe hat, sich einer geplanten Verheiratung zu entziehen; ein Bandit, der in den Bergwüsten sein Unwesen treibt; eine geheimnisvolle Mörderin mit dem schönen Namen Jade Fox; eine zwielichtige Gouvernante; und ein verschwundenes Wunderschwert, das den ganzen Reigen in Gang bringt. Das Ganze ist nicht unbedingt ein Märchen, aber die Mächte des Schicksals wirken doch auf jene Weise, die uns an Wunder glauben lässt – zumindest an eine Welt, in der andere physikalische Gesetze herrschen als in unserer.

Man muss dazu wissen, dass sich in Asien seit den großen Zeiten des Karatekämpfers Bruce Lee in Sachen Kampfkunst einiges getan hat. Vom größeren westlichen Publikum nur in Form von Import-Artikeln wie Jackie Chan wahrgenommen, hat sich das so genannte Martial-Arts-Genre besonders in Hongkong auf eine Art verfeinert, die in ihrer choreografischen Perfektion an die Blütezeit der Hollywood-Musicals erinnert – und auf ähnliche Weise jede Bodenhaftung ignoriert. Man kann richtig zusehen, wie bei den Auseinandersetzungen der Raum schrumpft und die Zeit sich dehnt – als sei dem Film plötzlich eine weitere Dimension zugewachsen. Man bekommt am ehesten einen Eindruck davon, wie man sich das vorzustellen hat, wenn man weiß, dass Yuen Wo-Ping, der Action-Choreograph von THE MATRIX, auch bei Ang Lee für die Kampfszenen zuständig war.

Plötzlich können die Leute die Wände hochlaufen, über Wasser wandeln und ganze Häuser überspringen. Und während man sich bei den ersten Szenen noch verwundert die Augen reibt und etwas ungläubig staunt, so fühlt man sich im weiteren Verlauf dann schon eigenartig luftig und dem Leben enthoben. Es gibt eine Szene, in der zwei Leute in einem Bambuswald auf Leben und Tod kämpfen und dabei ihre Bewegungen mit den biegsamen Wipfeln der Bäume synchronisieren, und jedes Vor- und Zurückwiegen in Angriff oder Verteidigung mündet – so als seien die beiden Krieger vom Wind selbst getragen, der den langen Blättern seine eigentümliche Musik entwindet. Nach solchen Szenen kann man jedenfalls süchtig werden, und Eingeweihte versichern, dass sie im fernöstlichen Martial-Arts-Kino durchaus nichts Ungewöhnliches seien. Umso besser.

Empfindlichen Gemütern sei gesagt, dass es bei den Kämpfen nicht um Wirkung oder Blutvergießen geht, sondern allein um Anmut und Geschmeidigkeit und die Überwindung der tristen Schwerkraft – und das nicht nur, weil dabei vor allem Frauen beteiligt sind. Man wird dabei natürlich nicht alle Bedeutung dieses wunderlichen Balletts entschlüsseln können, aber das schmälert das Vergnügen nicht eine Sekunde lang. Schließlich besteht die große Kraft des Wunderregisseurs Ang Lee in der Vermittlung zwischen Ost und West, Vergangenheit und Zukunft, oder auch – um es mit einem seiner Filmtitel zu sagen: ‚Sense and Sensibility‘, Vernunft und Sinnlichkeit.

Eine besondere Neugier scheint diesen Wanderer zwischen den Welten zu treiben, seien es die Kochrituale in EAT DRINK MAN WOMAN, seien es die sozialen Zwänge in DAS HOCHZEITSBANKETT oder DER EISSTURM. Immer balancieren seine Filme auf der Grenze zwischen zwei Welten, zwischen Tradition und Aufbruch, Kindheit und Erwachsensein – oder wie zuletzt in seinem Bürgerkriegsfilm RIDE WITH THE DEVIL zwischen Nord- und Südstaaten. Und wenn man so will, dann ist auch TIGER & DRAGON in einem Zwischenreich angesiedelt – nämlich zwischen Himmel und Erde. Das ist kein schlechter Ort, um das Fliegen zu lernen.

CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON, USA 2000 – Regie: Ang Lee. Buch: James Schamus, Wang Hui Ling, Tsai Kuo Jung nach dem Roman von Wang Du Lu. Kamera: Peter Pau. Schnitt: Tim Squyres. Action-Choreographie: Yuen Wo-Ping. Musik: Tan Du. Mit Chow Yun-Fat, Michelle Yeoh, Zhang Ziyi, Chang Chen. Verleih: Arthaus, 120 Minuten.

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