21. Februar 2001 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Signs and Wonders

Im Reich der vermaledeiten Zeichen

Ein todernstes Spiel: Der Film SIGNS AND WONDERS von Jonathan Nossiter zeigt, was passiert, wenn der Wahn plötzlich Methode hat

Was auch immer die alten Griechen von Athen gehalten haben, heute ist es eine hässliche Stadt. Und die Videokamera in SIGNS AND WONDERS unternimmt auch nichts, um Athen in irgendeiner Weise schönere Seiten abzugewinnen. Aber auch darin liegt ein System – wie in allem, was diesen Film betrifft.

Regisseur Jonathan Nossiter – der übrigens gelernter Sommelier ist, was sich aber in diesem Film nicht weiter niederschlägt – verstrickt allerlei Zufälle zu einer Tragödie, die genau jene Schicksalshaftigkeit antiker Tragödien beschwört, von denen sich das heutige Athen so weit entfernt hat. Denn Städte sind vor allem auch Systeme, in denen der Zufall in Bahnen gelenkt wird, um die Unregelmäßigkeiten des Lebens zu regulieren. Es geht ums Funktionieren, ums Ineinandergreifen, um möglichst reibungslose Abläufe. Und doch liegt gerade in den Ordnungen, die sich dabei herausbilden, in der Vielzahl und Parallelität der Ereignisse ein Nährboden für jene Verkettungen, die im anonymen Schicksal eine persönliche Lesart ermöglichen.

Genau das ist bei Nossiters Held Alec der Wahn, der buchstäblich Methode hat. Der Mann hat sich angewöhnt, der Undurchsichtigkeit der Welt zu begegnen, indem er überall Zeichen sieht. So wie Kinder mit den Fugen der Gehsteigplatten ein Spiel auf Leben und Tod veranstalten, so liest und deutet er alles, was er sieht: Gullydeckel, Pizzaboten, Autoplanen, Mantelmuster, Kopftuchfarben – er gruppiert, ordnet, sortiert. Er hat keine Ahnung, was all diese Zeichen bedeuten, aber als Semiotiker des eigenen Lebens verstrickt er auch seine kleine Tochter in das Spiel, das er so ernst nimmt.

Alec (Stellan Skarsgard) hat eine Frau (Charlotte Rampling), zwei Kinder und eine Geliebte (Deborah Kara Unger), die er erst verlässt und zu der er bei einem Skiurlaub wieder zurückkehrt, weil ihm untrügliche Zeichen das nahe zu legen scheinen. Als die dann schwangere Geliebte ihm später aber den Verdacht einpflanzt, sie könne womöglich in Kenntnis seines semiotischen Wahns die Zeichen selbst arrangiert haben, um ihn zur Rückkehr zu bewegen, gerät Alecs System ins Wanken. Auf einmal ist nichts mehr Zufall und alles Wahn, und die Dinge verbinden sich zu einem Netz von Zeichen, in dem sich der Mann immer hoffnungsloser verheddert, je heftiger er es zu durchdringen versucht. Und dass sich seine Tochter so leidenschaftlich in Lewis Carrolls ALICE IM WUNDERLAND vertieft, kann ja wohl auch kein Zufall sein.

Das Videomaterial in seiner Beweglich- und Beiläufigkeit dient natürlich bestens dazu, auch die Zuschauer an der Nase herumzuführen. Weil das Spiel der Akteure und die Bilder nie wirklich inszeniert wirken, traut man ihnen kaum wirkliche Bedeutungsschwere oder -tiefe zu. Das ist quasi die digitale Falle, die Jonathan Nossiter aufgebaut hat. Höchste Zeit also, dass wir auch in der Welt der wackligen elektronischen Bilder anfangen, unseren Augen zu trauen.

SIGNS AND WONDERS, F 1999 – Regie: Jonathan Nossiter. Buch: James Lasdun und Nossiter. Kamera: Yorgos Arvanitis. Musik: Adrian Utley. Mit: Stellan Skarsgard, Charlotte Rampling, Deborah Kara Unger, Dimitris Katalifos, Ashley Remy. Arthaus, 108 Minuten.

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